Flutkatastrophe Opferzahl steigt stündlich

Anderthalb Tage nach dem verheerenden Seebeben in Asien herrscht Unklarheit über die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Verwüstung. Nachrichtenagenturen meldeten Opferzahlen weit oberhalb von 20.000; Bundesaußenminister Joschka Fischer rechnet mit deutschen Todesopfern. Die wirtschaftlichen Folgen sind nicht absehbar.

Jakarta/Neu Dehli/Tokio/Berlin - Mehr als einen Tag nach der verheerenden Naturkatastrophe in Asien herrschten am Montag Tod, Verwüstung und Chaos in den Unglücksregionen am Indischen Ozean. Die Zahl der Opfer durch das Beben und die Flutwellen stieg im Laufe des Tages ständig an. Mindestens 22.000 Menschen wurden nach amtlichen Angaben und Medienberichten von den Fluten des Indischen Ozeans in den Tod gerissen. Allein in Sri Lanka stieg die Zahl der Opfer dem Militär zufolge am Montag auf mehr als 11.000. Weite Teile des Katastrophengebietes waren weiter von der Außenwelt abgeschnitten. Neben Sri Lanka sind Indien, Indonesien und Thailand am schlimmsten betroffen.

Das Auswärtige Amt in Berlin ging am Montag auch von toten Deutschen in den Katastrophengebieten aus. Angesichts der Lage sei "zu befürchten, dass auch deutsche Landsleute unter den Opfern sind", sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer am Abend. Es gebe eine große Zahl von Hinweisen aus der Region. Es fehlten aber bestätigte Informationen.

Von mindestens vier toten Deutschen sprach am Montagmittag der Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbands, Klaus Laepple, nach einer Sitzung des Krisenstabs in Berlin. Die Touristen seien im Süden Sri Lankas getötet worden. Bei den Opfern handle es sich um Individualreisende. Nähere Angaben zur Identität gebe es nicht. Den Tod von mindestens drei Deutschen Touristen in Sri Lanka meldete das Büro des dortigen Premierministers.

Das Auswärtige Amt hat einen Krisenstab eingerichtet und eine Hotline unter der Rufnummer 030/ 5000 1000 geschaltet.

Am Montag erschütterten schwere Nachbeben die Region und schürten die Angst vor neuen Flutwellen, so genannten Tsunamis. Die Vereinten Nationen (UN) warnten vor dem Ausbruch von Seuchen in den Katastrophengebieten.

Eine riesige Wand, 800 Stundenkilometer schnell

"Wir sind nicht gut genug ausgerüstet, um mit einer Katastrophe diesen Ausmaßes umzugehen, wir haben eine solche Katastrophe noch nie erlebt", sagte Sri Lankas Präsidentin Chandrika Kumaratunga. An der Südküste des Inselstaates hatte sich das Wasser zu einer neun Meter hohen Wand aufgetürmt, die dann mit einer Geschwindigkeit von 800 Kilometern pro Stunde auf die Strände krachte. Tausende Menschen wurden in die Fluten gerissen.

"Dies könnte die schlimmste Katastrophe für diese Länder in der jüngsten Geschichte werden, weil sie so viele dicht bevölkerte Küstenregionen betrifft", sagte der UN-Koordinator für Katastrophenhilfe in Genf, Jan Egeland, dem Sender CNN. Das durch Leichen und Unrat verunreinigte Trinkwasser könne schlimmere Folgen haben als die Katastrophe selbst. Auf die Gesundheitsbehörden in den betroffenen Ländern kämen ungeheure Anforderungen zu, insbesondere was die rasche Versorgung mit sauberem Trinkwasser angehe.

Weitere Flutwellen befürchtet

Erschwert wurden die Rettungsarbeiten durch weitere Nachbeben, die am Montag zum Teil Stärken von 6,0 erreichten. Das Beben am Sonntag hatte eine Stärke von 9,0. Wissenschaftlern zufolge könnte es zu neuen Flutwellen kommen.

8100 deutsche Touristen in der Krisenregion

Tui vermisst deutsche Touristen

Reiseunternehmen flogen mit leeren Maschinen in die Region, um die Urlauber aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Reisekonzern Tui  vermisste am Montag noch vier Personen in Sri Lanka. Während Auswärtiges Amt und Rewe-Touristik noch keine aktuellen Angaben über mögliche Opfer hatten, hieß es bei Thomas Cook, die rund 4000 Südostasien-Urlauber des Reisekonzerns hätten das Beben wohl unverletzt überstanden.

Der Tui-Sprecher sagte: "Wir vermissen in Sri Lanka noch vier Personen." Die Reiseleiter vor Ort hätten nicht Kontakt zu allen Touristen. Nach Augenzeugenberichten sollen zwei deutsche Touristen, darunter eine Frau aus München, in Sri Lanka in den Fluten umgekommen sein. Der Asien-Koordinator des Deutschen Roten Kreuzes, Bernd Schell, sagte, das Ausmaß der Katastrophe überfordere die Rettungskräfte vor Ort. Sie seien dringend auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen.

8100 deutsche Touristen in der Krisenregion

Rund 8100 Menschen aus Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Reisebüroverbands als Touristen in der betroffenen Region. Darunter sind neben den rund 4000 von Thomas Cook, rund 3700 von Rewe und 500 von Tui, wie Verbandssprecher Tobias Jüngert sagte. Das größte Hindernis für die Rückkehr nach Deutschland ist nach seinen Angaben derzeit die Lage auf den Flughäfen, die wegen der Verwüstungen zum Teil geschlossen seien.

Thomas Cook und Rewe noch ohne nähere Informationen

Nachdem bis Montagmorgen die meisten Hotels kontaktiert worden seien, gebe es noch keine Informationen, dass deutsche Reisende in Thailand, Sri Lanka und auf den Malediven zu Schaden gekommen seien, teilte Thomas Cook in Oberursel mit. Allerdings sei die Situation auf der thailändischen Ferieninsel Phuket, insbesondere im nördlich gelegenen Khao Lak, noch immer unübersichtlich, da die Kommunikationswege teilweise unterbrochen seien.

Auch die Rewe-Pauschaltouristik mit den Reiseveranstaltern ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg versuchte laut Sprecherin Anette Forre, Kontakt zu allen rund 1600 Reisenden herzustellen. Von ihnen und den ebenfalls zur Rewe-Gruppe gehörenden rund 2100 Gästen von Meyers Weltreisen und Dertour gab es nach diesen Angaben keine Informationen über mögliche Opfer. Die ersten Rewe-Reisenden sollen sich laut Forre am (heutigen) Montagnachmittag Ortszeit auf den Rückflug nach Deutschland machen.

Reisekonzerne stornieren Flüge nach Asien

Nach Tui stornierten auch Thomas Cook und Rewe alle Reisen in die Region mit Abflugdatum bis zum 31. Dezember. Die betroffenen Gäste könnten aber kostenlos umbuchen oder sich den Reisepreis erstatten lassen. Auch Gäste der deutschen Veranstalter, die eine Reise in die betroffenen Regionen mit Abflug bis 16. Januar 2005 gebucht haben, könnten ihre Reise bei Thomas-Cook-Reisen oder Neckermann kostenlos umbuchen.

Wirtschaftliche Folgen noch nicht absehbar

Die wirtschaftlichen Folgen der Naturkatastrophe für Reisekonzerne und Versicherungen sind nach Angaben der Unternehmen indes noch nicht einzuschätzen. Aktien von Versicherungsunternehmen gaben am Montag gleichwohl nach.

Für die Deutsche Lufthansa  sei bisher noch kein direkter wirtschaftlicher Schaden aus der Flutkatastrophe im Indischen Ozean erkennbar. Die betroffenen Regionen seien typisch touristische Ziele, die Lufthansa gar nicht anfliege, sagte eine Unternehmenssprecherin am Montag. Daher seien im Zusammenhang mit dem Unglück bisher auch keine Flüge gestrichen worden.

Rückversicherer haben noch keinen Überblick

Die Hannover Rückversicherung  konnte noch keine Angaben zu den Kosten machen, die ihr durch das Seebeben in Asien entstehen. Dafür sei es derzeit zu früh, sagte ein Sprecher am Montag. Es sei auch noch nicht klar, ob im Verlauf des Tages eine detaillierte Angabe gemacht werden könne. Die Urlaubszeit um die Weihnachtsfeiertage erschwere die Recherche.

Auch bei der Münchener Rück  hieß es, Prognosen oder erste Schätzungen seien derzeit nicht möglich. Am 29. Dezember sei allerdings ein Jahresrückblick geplant. Bei dieser Gelegenheit werde der weltgrößte Rückversicherer möglicherweise auch auf das Beben in Asien eingehen.

Die Rückversicherer verwiesen aber darauf, dass die versicherten Schäden geringer sein dürften als bei den Hurricane-Katastrophen in den USA, weil die Bebauung in den jetzt betroffenen Regionen weniger dicht und leichter sei. Die "Financial Times Deutschland" berichtet, dass sich Assekuranzen dennoch auf hohe Kosten vorbereiten.

Thomas Cook erwartet keine großen Belastungen

Deutschlands zweitgrößtes Touristikunternehmen Thomas Cook erwarte keine großen Belastungen aus dem Seebeben in Asien. Die wirtschaftlichen Auswirkungen für den Konzern seien nicht gravierend, sagte ein Sprecher am Montag. In der betroffenen Region würden nur rund ein Prozent des Gesamtkonzernumsatzes erwirtschaftet.

Genaue Angaben über die für den Konzern entstehenden Kosten könnten aber erst gemacht werden, wenn das Ausmaß der Katastrophe voll überschaubar sei, schränkte der Sprecher ein. So entstehe ein zusätzlicher Aufwand für Sonderflüge, mit denen die Gäste nach Deutschland zurückgeholt werden. Außerdem müsste damit gerechnet werden, dass Buchungen in diese Region erst einmal zurückgehen, sagte der Sprecher.

Zunächst seien für Dienstag zwei Sonderflüge geplant, um die Gäste nach Deutschland zu holen. Außerdem werde geprüft, ob weitere Maschinen zum Einsatz kommen. Wie viele dies sind, konnte der Sprecher nicht sagen.

IWF sagt umfassende Hilfe zu

Am schwersten betroffen von der Naturkatastrophe sind Indien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand. Aber schwere Schäden wurden auch aus den Ländern Malaysia, Bangladesch, Myanmar und auf den Malediven gemeldet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat indes den von der Flutwellen-Katastrophe betroffenen Ländern in Südasien bereits umfassende Hilfe zugesagt. "Ich beabsichtige, jeden nur möglichen Beistand des IWF bereit zu stellen, um Südasien zu helfen, mit den Folgen des Erdbebens und der Flut fertig zu werden, sagte IWF-Chef Rodrigo Rato in seiner auf der IWF-Seite im Internet am Montag veröffentlichten Erklärung.

"Jede Nation in Südasien wird ihre besonderen Bedürfnisse haben. Der IWF steht bereit, seinen Teil an geeignetem Beistand für diese Nationen zu leisten, in dieser Zeit der Not." Rato sagte weiter, der für den Bereich Asien und Pazifik zuständige Beauftragte des IWF sei zusammen mit den jeweiligen örtlichen Vertretern angewiesen worden, unverzüglich Kontakt mit den Regierungen der betroffenen Länder aufzunehmen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.