Schröders China-Reise Was China vom deutschen Osten lernen kann

Auf der letzten Station seiner China-Reise hat Kanzler Schröder einen weiteren deutschen Exportschlager entdeckt: Den Aufbau Ost. Er verglich Chinas herunter gewirtschafteten Nordosten mit der ehemaligen DDR und gab Ratschläge für den "Aufbau Nordost".

Changchun - Kurz vor seinem Abflug nach Japan thront Gerhard Schröder in einem schweren Staatsmännersessel in der Mandschurei und klingt wie Helmut Kohl. Es gebe "eine Menge Parallelen" zwischen dem Nordosten Chinas und der Lage im Osten Deutschlands vor fünfzehn Jahren, sagt er dem Vizepremier Chinas, Herrn Zhang, der neben ihm sitzt und freundlich nickt. Zwischen ihnen stehen ein prachtvolles Blumengebinde und zwei Teetassen.

"Gleichsam über Nacht mussten wir den Umstrukturierungsprozess beginnen", sagt Schröder ein bisschen später zu den drei Gouverneuren der Nordostprovinzen Jilin, Heilongjiang und Liaoning. Nur zehn Prozent der Arbeitsplätze der ehemaligen DDR seien weltmarktfähig gewesen. Deshalb habe man konsequent privatisiert, was leider nicht ohne "soziale Brüche" vonstatten gegangen sei.

Aber, und dies ist die Botschaft des Kanzlers für die drei Provinzgouverneure, man kann es schaffen. "Wir haben Weltmarktanteile gewonnen, nicht verloren", sagt er. "Und wir sind stolz darauf." Natürlich passiere der "Aufbau Ost" nicht von alleine, sondern koste Geld, rund 90 Milliarden Euro pro Jahr. Der Kanzler weiß, dass Schanghai nicht annähernd in der Lage oder willig wäre, einen Soli-Beitrag für die Brüder im Nordosten zu entrichten. Auch seien die Dimensionen ja ganz andere. "Sie sind also angewiesen auf die Mobilisierung eigener Ressourcen", schlussfolgert Schröder.

Doch es gibt ja noch andere Geldquellen. Ausländische Autobauer zum Beispiel. Die kommen zunehmend in den Nordosten, dem historischen Zentrum der Schwerindustrie in China, wo 1953 die erste Autofabrik des Landes eröffnet wurde. VW, Audi und BMW haben sich in den letzten Jahren bereits niedergelassen, mit DaimlerChrysler laufen Gespräche. Und von Porsche träumt mindestens einer der drei Gouverneure.

Alle drei tragen die Zahlen und Daten ihrer Provinz dem Kanzler und seiner Wirtschaftsdelegation vor. Sie preisen die Infrastruktur, die neue Dynamik, seit die Zentralregierung in Peking beschlossen hat, den Nordosten mit seinen maroden Staatsbetrieben einer "Revitalisierung" zu unterziehen. "Wir wollen die nächste Wachstumsregion werden", sagt einer. Ein anderer fügt noch ein gutes Argument hinzu: "Unsere Bevölkerung ist sehr gastfreundlich."

"Wachstumskerne schaffen"

"Wachstumskerne schaffen"

Der Kanzler macht ihnen Hoffnung. Er hält den Masterplan des "Aufbau Ost" für übertragbar und zählt gleich die notwendigen Maßnahmen auf. So müsse man Wachstumskerne schaffen, Forschungseinrichtungen ansiedeln, und ganz wichtig, Infrastruktur verbessern. "Wir haben in Ostdeutschland die weltbeste Infrastruktur", prahlt er.

Die Gouverneure sind sehr beeindruckt von dem Besuch. "Sie sind der erste Regierungschef einer Industrienation, der unsere Region besucht", sagt der Gouverneur von Jilin.

Der Nordosten, früher Mandschurei genannt, ist eine Region mit Potenzial. Unter der Erde gibt es Öl und Gas, über der Erde ein relativ gut ausgebautes Infrastrukturnetz, das noch auf die Periode der Besetzung durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg zurückgeht. Doch seit Jahrzehnten wird der Nordosten vernachlässigt. Unter der dritten Führungsgeneration der Kommunistischen Partei um Jiang Zemin und Zhu Rongji wurden besonders die Küstenregion um Schanghai sowie der Süden gefördert. Es gab die These der zwei Geschwindigkeiten: Einige Landesteile sollten sich schneller entwickeln dürfen als andere. Der Trickle-Down-Effekt aus den Sonderwirtschaftszonen würde die anderen Regionen dann mitziehen.

Das ist nicht passiert. Stattdessen öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Die vierte Generation um Staatspräsident Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao setzt daher zunehmend auf sozialen Ausgleich und will auch den Nordosten und Westen entwickeln. "Aufbau Nordost" heißt das Projekt tatsächlich, und es gibt ein besonderes Büro beim Staatsrat dafür. So steht es auf dem blauen Banner, das hinter Gerhard Schröder hängt.

Die bisherigen Fortschritte seien "durchaus beeindruckend", sagt Schröder. Eins jedoch dürften sie nicht vergessen. "Ohne durchgreifende Privatisierung wird Leistungsfähigkeit nicht zu erzielen sein", schärft er den Parteikadern ein. Die nicken.

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