China "Was China braucht, steigt im Preis"

Das rasante Wachstum in China und Indien wirbelt die alte Wirtschaftsordnung durcheinander. USA und Europa müssen sich auf einen Verteilungskampf einstellen, meint Marc Faber, einer der einflussreichsten Anlageberater in Asien. Dazu gehören steigende Rohstoffpreise und ein brutaler Preiskampf bei Massenprodukten.

Hamburg - "Alles was China selbst herstellt, sinkt im Preis. Was China hingegen braucht, steigt im Preis". Lance Browne, Chairman der Standard Chartered Bank in China, ersparte den Gästen der Wirtschaftstagung "China Meets Europe" bunte Schaubilder und Diagramme. Das Auditorium wusste ohnehin, wovon Browne sprach. Die Preise für Kupfer, Rohöl, Nickel, Stahl sind seit Monaten auf dem Weg nach oben.

Anders dagegen sieht es aus, wenn man rechtzeitig vor Weihnachten einen Computer, Flachbildschirm, Camcorder oder DVD-Player erstehen will. "Vor zwei Jahren habe ich für schlechtere Geräte deutlich mehr bezahlt", gesteht Browne. Die günstige Massenware: Made in China. Die teuren Rohstoffe: Needed by China.

Inflation und Deflation gehen Hand in Hand

Marc Faber mag es da schon etwas differenzierter. Der Schweizer Investmentguru mit Sitz in Hong Kong, der von Fans für seinen Börsenbrief "The Gloom, Boom & Doom Report" verehrt und von Spöttern als "Dr. Doom", der Untergangsprophet, bezeichnet wird, schaufelte vor gleichem Publikum rund 20 Schautafeln durch. Die Botschaft des Zahlenfreaks klang ähnlich: "Hersteller von Massenwaren dürften weltweit noch stärker unter Druck geraten. Gleichzeitig dürften Chinas Nachbarstaaten sowie rohstoffreiche Länder vom Wachstum in China profitieren."

Für Hersteller von Unterhaltungselektronik, Haushaltswaren, die PC- und Autobranche dürfte die Luft noch dünner werden. VW-Partner Shanghai Automotive Industry (SAIC) hat sich mit dem Einstieg beim britischen Autohersteller Rover bereits Marktzugang in Europa verschafft. Nun folgt der chinesische Computerkonzern Lenovo, der mit der Übernahme der PC-Sparte von IBM  zum weltweit drittgrößten PC-Hersteller aufsteigt.

Der Fluch der billigen Arbeit

Da in China Jahr für Jahr rund 20 Millionen Wanderarbeiter in die Städte drängen, verfügt das Land langfristig über eine riesige Reserve billiger Arbeitskräfte, die für Stundenlöhne weit unter einem US-Dollar im Akkord arbeiten. Dabei stellt China nicht mehr nur Schuhe und Kleidung für den Rest der Welt her, sondern auch technisch anspruchsvolle Produkte. Autos und Computer werden im Reich der Mitte nicht mehr nur zusammengesetzt, sondern komplett entwickelt.

Gleichzeitig hat China keinerlei Probleme, binnen kürzester Zeit seine Produktionskapazitäten zu erhöhen. Ausländisches Kapital fließt reichlich, und das Geld will angelegt sein. Die extrem preisaggressive herstellende Industrie in China sowie die Tatsache, dass in Indien Hightech-Dienstleistungen zu Niedrigpreisen angeboten werden, führen weltweit zu einem deflationären Effekt, so Faber. Herstellende und verarbeitende Industrie werden also weiter mit fallenden Preisen leben müssen.

Kupfer und Nickel sind riskante Wetten

Ein weiterer Fall des Dollar, eine nach Ansicht von "Dr. Doom" sowieso dem Untergang geweihte Währung, sowie konkurrenzlos günstige Arbeitskräfte in Asien sind für europäische Unternehmen zudem eine fatale Kombination.

Da der chinesische Renminbi (RMB) an den Dollar gebunden ist, werden mit einem fallenden Dollar nicht nur die US-amerikanischen, sondern auch die chinesischen Exporte nach Europa billiger. Wurden Anfang September am Devisenmarkt noch rund zehn RMB für einen Euro gezahlt, sind es derzeit bereits 11,1 RMB - ein Preisverfall des RMB von mehr als zehn Prozent. Das sind gute Voraussetzungen für chinesische Hersteller, Euroland weiterhin mit günstigen Produkten zu fluten und den europäischen Konkurrenten weitere Marktanteile abzunehmen.

Wettbewerbsdruck, Währungsrisiken, Verdrängungswettbewerb, Deflation: Die aufstrebende Wirtschaftsmacht sorgt für Trends, die Investoren nicht eben glücklich machen.

Chinas Rohstoffhunger treibt die Preise

Doch China sorgt auch für steigende Preise. Den immensen Hunger des Landes nach Energie und Rohstoffen belegt Zahlenfreak Faber mit eindrucksvollen Statistiken. Im Jahr 2005 wird China rund 330 Millionen Tonnen Stahl produzieren, das ist mehr als die Produktion der USA und Japans zusammen. Dennoch ist das Land auch im kommenden Jahr auf Stahl-Importe angewiesen. Die Baustelle China produziert derzeit fünfmal so viel Zement wie die USA. Die Nachfrage nach Kupfer ist im Reich der Mitte seit 1990 von sechs auf 21 Prozent des weltweiten Bedarfs gestiegen.

Also flugs in Rohstoffe wie Kupfer, Eisen und Nickel investieren? Die Formel: "China braucht viele Rohstoffe - also investieren wir in Rohstoffe" greift nach Einschätzung von Faber zu kurz. Erstens sind die Preise für Kupfer, Stahl und Nickel bereits stark angezogen. Zweitens zeigt dieser Sektor auch auf Sicht weniger Jahre starke Schwankungen. Sollte das Wachstum Chinas im kommenden Jahr deutlich abkühlen, seien bei den derzeit teuer gehandelten Rohstoffen deutliche Preisrückgänge möglich. Eine "Buy on Dips" Strategie scheine hier sinnvoll. Anders sieht es dagegen bei Rohöl aus.

Warum der Ölpreis in neue Höhen steigt

"Bei Öl spricht vieles für anhaltend hohe Preise, da sich der Bedarf in Asien binnen weniger Jahre verdoppeln wird", meint Faber. Gleichzeitig gebe es Anzeichen, dass die weltweite Ölproduktion nach 2006 eher abnehmen werde. Für den Investmentstrategen sind das gute Gründe, in Ölwerte oder Öl-Zertifikate zu investieren. Angesichts der Konjunkturrisiken in den USA seien sie derzeit deutlich attraktiver als etwa US-Aktien.

Auch beim Ölpreis werde es weiterhin Schwankungen geben, aber auf hohem Niveau. "Ein Preis von 15 bis 20 Dollar pro Barrel gehört definitiv der Vergangenheit an", so Faber. Ein Blick auf Asien genüge: In der Region leben 3,6 Milliarden Menschen, rund 56 Prozent der Weltbevölkerung. Dennoch verbraucht Asien mit rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag derzeit nicht mehr Öl als die USA mit knapp 300 Millionen Einwohnern.

Das Wachstum der asiatischen Städte, der steigende Wohlstand der Bevölkerung, die steigende Zahl an Autos sowie die wachsende Mobilität der Menschen sind Argumente dafür, dass der täglich Bedarf binnen zehn Jahren auf 40 Millionen Barrel steigen wird.

Achillesferse der zukünftigen Wirtschaftsmacht

Derzeit werden rund 78 Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert. Anzeichen, dass Förderung und Produktion bis 2014 dramatisch steigen wird, gibt es nicht: Die fünf größten Ölfelder Saudi-Arabiens haben nach Einschätzung von Faber ihre besten Tage hinter sich. Nach einer Studie von Simmons & Company könnte die Förderkapazität dort in naher Zukunft sogar abnehmen.

Sollte Asien in wenigen Jahren mehr als die Hälfte der weltweiten Ölproduktion absorbieren, dürfte dies zu weiter steigenden Preisen führen. "Die Industrialisierung in den USA hat dafür gesorgt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Öl auf fast 30 Barrel gestiegen ist. In China liegt der aktuelle Pro-Kopf-Verbrauch erst bei rund einem Barrel", so Faber.

Rohöl bleibe die Achillesferse der zukünftigen Wirtschaftsmacht China. Der Kampf um natürliche Resourcen wird nach Einschätzung des Fondsmanagers an Schärfe gewinnen - politische Spannungen, die den Preis weiter in die Höhe treiben, eingeschlossen. Da China aber nicht nur Öl importiert, sondern auch immer mehr Güter aus Taiwan, Korea oder Vietnam einführt, seien auch Investitionen in Chinas aufstrebende Nachbarländer interessant. Zu den viel versprechenden Wachstumsindustrien in Asien zählt Faber zum Beispiel die Tourismusindustrie.

Warnendes Beispiel Eisenbahn

Was also ist zu tun, wenn das alte Europa immer stärker von aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften unter Druck gesetzt wird? Vielleicht bessern Investitionen im Raum Asien oder Wetten auf steigende Ölpreise die Rente auf, wenn in den alten Industriestaaten weiterhin Arbeitsplätze und Marktanteile verloren gehen.

Doch Marc Faber würde seinem Ruf als "Dr. Doom" nicht gerecht, wenn er auch hier nicht vor den Risiken warnen würde. "Als in den USA die Industrialisierung begann, gehörten Eisenbahn-Gesellschaften und Kanalbauer zu den Pionieren", so Faber. Diese Gesellschaften gingen pleite, ausländische Investoren verloren viel Geld. "Wer selbst als Unternehmer in die USA zog, konnte dagegen viel Geld verdienen", weiß der Fondsmanager. "Wir sehen uns in Hong Kong."

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