Tycoon Yew "Bringt deutsche Gewerkschafter nach Südostasien"

Mit eindringlichen Worten hat Lee Kuan Yew, Senior-Minister von Singapur und einer der mächtigsten Wirtschaftlenker in Asien, vor Risiken in der Boom-Region gewarnt. Auf die Frage, wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit sichern könne, hat Lee ebenfalls eine deutliche Antwort parat.

Hamburg - "China dürfte die größte Wachstumsstory dieses Jahrhunderts werden", sagte der via Satellitenschaltung zugeschaltete Wirtschafts-Tycoon am Freitag zu den Teilnehmern der Wirtschaftskonferenz "The Hamburg Summit - China meets Europe". Seit 1978 habe sich das Bruttoinlandsprodukt Chinas mehr als verdreißigfacht. Nach Lees Einschätzung wird dieser positive Trend auch in den kommenden Jahrzehnten anhalten.

Trotz eindrucksvoller Wachstumsraten des Landes und der deutlichen Bemühungen der chinesischen Regierung, eine Überhitzung zu vermeiden, sollten Investoren jedoch die Risiken der Region im Blick behalten: Dazu zählt Lee den Ölpreis, einen rasanten Anstieg der Rohstoffpreise sowie die politische Unsicherheit.

"Politische Interessen vor wirtschaftlichen Interessen"

"Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die politische Interessen vor wirtschaftliche Interessen stellt", sagte Lee mit Blick auf die periodisch wiederkehrenden Spannungen zwischen China und Taiwan. Wenn Taiwan mit seinen Unabhängigkeitsbestrebungen Ernst mache, werde die chinesische Regierung sicher nicht still halten. "Dies könnte das Bild in Südostasien gravierend verändern."

Gut gemeinter Rat an Deutschland

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Henning Voscherau nannte Lee den "Gründungsvater" des modernen Singapur. Auf die Frage Voscheraus, was Deutschland von der rasanten Wachstumsstory in Singapur lernen könne, sagte Lee: "Wir mussten produktiver und effizienter als unsere Nachbarn sein". Deutschland sei ein wundervolles Land, in dem es sich gut und angenehm leben ließe. Aber: "Vielleicht spüren Sie in Deutschland nicht mehr so stark wie wir die Sporen, wenn es darum geht, sich zu verbessern."

Wenn man angenehm lebe, liege es nahe zu wünschen, dass sich nichts mehr verändere, ergänzte Lee. "Aber die Welt verändert sich schnell, es gibt fleißige und hungrige Nachbarn, so dass man sich zwingend auch bewegen muss". Deutschland werde sich in den kommenden Jahren auf mehr Wettbewerber aus Osteuropa und auf steigende Importe aus Indien und China einstellen müssen: Damit werde die Situation für die entwickelten Industriestaaten noch schwieriger.

Wenn der Pilot das Flugzeug säubert

Lees Rat an deutsche Unternehmer: "Bringt eure Gewerkschaftsführer nach Südostasien, zeigt ihnen unsere Fabriken in China und Vietnam sowie die Fabriken der Wettbewerber." Sie würden dort Menschen erleben, die jeden Tag sehr lange arbeiten und dafür einen Bruchteil der europäischen Löhne bekommen. Eine "Bildungsreise" durch die Region zeige jedermann, wie stark der Druck auf die alten Industriestaaten zweifelsfrei bereits geworden sei.

Lee mag es provokant, er schätzt klare Worte und konkrete Beispiele. "Wenn wir die Kosten in der Luftfahrtbranche herunterbringen müssen, muss es auch möglich sein, dass der Pilot während der Zwischenlandung das Flugzeug säubert". Eine absurde Vorstellung? Nicht für den erfahrenen Wirtschafts-Tycoon, der sich "immer wieder dem Wettbewerbsdruck stellen musste".

Doch auch Lee sieht Deutschland noch nicht dem Untergang geweiht. "Deutschland muss sich nur der neuen Realität stellen", sagt der Tycoon und lächelt. Anbieter aus Asien und aus Osteuropa werden immer stärker auf den europäischen Markt drängen: "Die Konkurrenten bewegen sich. Aber auch Deutschland kann sich bewegen, um vor ihnen zu bleiben." Für dieses "mühevolle Unternehmen" wünsche er allen Teilnehmern der Konferenz und allen Menschen in Deutschland "viel Glück". Lee lächelt wieder.

Porträt - Lee Kuan Yew, Premier für drei Jahrzehnte

Lee Kuan Yew, vom besten Schüler des Landes zum Premierminister für 30 Jahre

Lee Kuan Yew wurde am 16. Sept. 1923 in Singapur als Sohn eines wohlhabenden Schiffsreeders geboren. Er gehört der dritten Generation einer in den Straits von Singapur ansässigen chinesischen Familie an, die aus der Provinz Fujian im Südosten Chinas stammt.

Nach seiner Schulzeit an der Raffles Institution und der Cambridge School - er war 1939 bei den Schulexamen der beste Schüler Singapurs und Malayas - ging er zunächst mit einem Anderson-Stipendium an das Raffles College in Singapur, danach 1946 nach Cambridge/GB, wo er am Fitzwilliam College als bester Absolvent seine juristischen Prüfungen ablegte.

950 kehrte er nach Singapur zurück und gründete zusammen mit seiner Frau die Anwaltsfirma Lee and Lee. Zwei Jahre später begann er auch politisch aktiv zu werden, nachdem er als juristischer Berater von Gewerkschaften Geschick bewiesen hatte. 1954 gründete er die Volksaktionspartei (People's Action Party/ PAP). 1955, als in der Kronkolonie Singapur durch Verfassungsänderung das Wahlrecht auf die Mehrzahl der Bevölkerung ausgedehnt wurde, zog Lee in die Gesetzgebende Versammlung ein. Seit 1954 wirkte er als Generalsekretär seiner PAP.

Die Autonomie-Verhandlungen mit London begleitet

Weitere Verhandlungen mit London, bei denen Lee den damaligen Chefminister Lim Yew Hock begleitete, führten am 12.4.1957 zur inneren Autonomie Singapurs. Eine neue Verfassung trat 1959 in Kraft, Lee Kuan Yew wurde erster Premierminister des Landes.

In den folgenden 30 Jahren bekleidete er das Amt und erwies sich als nüchterner pragmatischer Sozialist, der den Staat mit preußisch-puritanisch anmutender Strenge regierte. Die "Far Eastern Economic Review" hat ihn einmal als "politischen Superman seiner Epoche" bezeichnet und damit vor allem die Tatsache im Auge gehabt, daß Lee in einem Vierteljahrhundert den einstmals ziemlich verschlafenen Kolonialhafen zu einem wohlhabenden Staat und zum bedeutendsten Finanz- und Dienstleistungszentrum in Asien neben dem bis 1997 britischen Hongkong gemacht hat.

Die innenpolitische Stabilität des kleinen Staates lockte und lockt vor allem amerikanisches, japanisches und britisches Kapital ins Land. Die ungewisse Zukunft Hongkongs hat Singapur in den 90er Jahren hochkarätige Firmen und Arbeitskräfte zugeführt. Singapurs Bruttoinlandsprodukt erreichte 1996 30.922 Dollar pro Kopf bei einer Arbeitslosenquote von 1,8 Prozent (1997) und einer Inflationsrate von 2,4 Prozent, 70 Prozent der Bevölkerung leben in preiswerten Sozialwohnungen, Sozialfürsorge und Ausbildungsmöglichkeiten gelten als vorbildlich.

Wie lang dürfen die Haare des Mannes wachsen?

Als Schattenseite seines sehr persönlichen Regiments wird die Flut von Dekreten betrachtet, die alles und jedes regelten bis hin zur männlichen Haarlänge, Vorschriften über den Umgangston und Sauberkeit in den Straßen. Lee betont, dass es darum gehe, in einer sich rasant verändernden Welt asiatische Werte zu erhalten und meinte damit vor allem Beziehungen zwischen Menschen, in der Familie, dann in der erweiterten Familie und im Clan. Entwicklung sei durchaus ohne Demokratie denkbar, wenn man darunter Demokratie nach amerikanischem oder deutschem Muster verstehe mit Wechsel von Parteien in der Politik. Entscheidend sei, in jeder Generation die produktiven Kräfte zu pflegen.

Während der asiatischen Finanz- und Wirtschaftskrise 1997/1998 machte Lee eine wirtschaftliche Erholung davon abhängig, wie beherzt die Regierungen die nötigen Reformen anpackten, wobei Lee mehr Transparenz bei den Banken und bessere Regierungssysteme als Prioritäten nannte: "...das eigentliche Problem sind die ethischen Standards. Ethik meine ich hier in dem Sinne, dass Macht und Verantwortung nicht bloß als eine günstige Gelegenheit verstanden werden, sondern als etwas, das einem zu treuen Händen anvertraut ist."

Porträt-Quelle: Munzinger

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