Haushalt Wer sich das Geld für Eichel borgt

Eine kleine Truppe versierter Finanzjongleure stopft im Auftrag von Finanzminister Eichel die Löcher im Bundeshaushalt. Die Defizitmanager der Nation verbuchen Tagesumsätze im Milliardenbereich und dürfen schon bald Anleihen in Fremdwährungen herausgeben.

Berlin - Deutschland macht jedes Jahr neue Schulden. Nach den jüngsten Angaben von Finanzminister Hans Eichel (SPD) kommt in diesem Jahr die Rekordsumme von 43,5 Milliarden Euro zusammen. Für die Höhe der Schulden und ihre politische Begründung sind Eichel und sein Ministerium verantwortlich. Doch wer borgt sich eigentlich das Geld, das Deutschland zur Finanzierung seines Haushalts benötigt?

Weit weg von Berlin, im Norden der Finanzmetropole Frankfurt, sitzt die "Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH" mit derzeit 90 Mitarbeitern. Sie sind die eigentlichen Schuldenmacher der Nation - und echte Profis.

Die Finanzagentur ist die Denkfabrik des Bundes für das so genannte Schuldenmanagement. Sie entwickelt Strategien zur Bewirtschaftung des insgesamt rund 818 Milliarden Euro umfassenden Schuldenbergs und steuert die Ausgabe von festverzinslichen Wertpapieren, die der Bund zur Kapitalaufnahme an Investoren verkauft.

Wie managt man 818 Milliarden Euro Schulden?

Die Finanzagentur ist keine Behörde, sondern ein junges Unternehmen, das erst im Juni 2001 an den Start ging und wie eine Bank organisiert ist.

Früher waren ihre Aufgaben auf das Finanzministerium, die Bundesbank und die Bundeswertpapierverwaltung verteilt. Und wie bei "Start-Ups" eben so üblich, fehlte am Anfang sogar ein eigenes Büro - zunächst musste Eichels Arbeitszimmer in der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) herhalten. Nur sieben Mitarbeiter der Agentur sind ehemalige Beamte, alle anderen - darunter Banker und Naturwissenschaftler, erfahrene Finanzexperten ebenso wie junge Hochschulabsolventen - wurden speziell für den Job angeworben.

Euro als Geburtshelfer

Hintergrund für die Gründung der Finanzagentur war der Beginn der Euro-Ära. Auf einen Schlag verlor die alte D-Mark ihre Sonderrolle, die Bundesanleihen ("Bunds"), Bundesobligationen ("Bobls") und Bundesschatzanweisungen ("Schätze") in der Vergangenheit einen reißenden Absatz beschert hatte.

"Mit der Einführung der neuen Währung waren wir nicht mehr der einzige Staatsemittent. Um im Wettbewerb bestehen zu können, mussten wir uns neu aufstellen", erklärt Gerhard Schleif, der von der Deka-Bank zur Finanzagentur kam und einer ihrer beiden Geschäftsführer ist.

Seine Zwischenbilanz fällt positiv aus: Die Bundeswertpapiere sind heute im Schnitt immer noch zweifach überzeichnet und gelten als die Messlatte im Euro-Raum.

Tagesumsätze von mehreren Milliarden

Hedgefondsmanager zu Besuch

Damit es so bleibt, muss die Finanzagentur kräftig Werbung machen. Schleif war in diesem Jahr schon in den USA, in Asien und im Mittleren Osten unterwegs. "Wir müssen früh wissen, wenn sich die Bedürfnisse von Investoren ändern", sagt der 58-Jährige. Hedge-Fonds-Manager kommen zu Informationsbesuchen nach Frankfurt in die Finanzagentur und bewundern an den Wänden historische Wertpapiere aus Schleifs privater Sammlung. Auf den Türschildern der Mitarbeiter stehen englische Fachbegriffe wie "Financial Engineering" und "Portfolio Management". Auch der Finanzminister schaut ab und zu vorbei.

Die Ausgabe von neuen Bundeswertpapieren wird weit im Voraus geplant und laufend an die Marktsituation angepasst. Jeden Dezember kündigt die Finanzagentur den Investoren erste Details zu den Neuemissionen des kommenden Jahres an. "Wir sind das einzige Land, das diese Transparenz bietet", betont Schleif.

Tagesumsätze von mehreren Milliarden

Doch die Beschaffung des erforderlichen Geldes am Kapitalmarkt ist nicht die einzige Aufgabe der Agentur. Bei der Bundesbank unterhält der Bund ein Konto, auf das - ähnlich wie bei einem normalen Bürger - alle Einnahmen und Ausgaben eingehen. Die Tagesumsätze liegen meist im zweistelligen Milliardenbereich. Die Finanzagentur sorgt mit kurzfristen Krediten oder Anlagen dafür, dass der Saldo jeden Abend unter 100.000 Euro liegt. Bis zu sechs eigene Händler sind dafür im Einsatz.

Zwar erhält die Finanzagentur manchmal Post von aufgebrachten Bürgern, die sich über die hohen Schulden beschweren. Doch mit politischen Auseinandersetzungen hat Geschäftsführer Schleif nichts am Hut: "Ich gehe an den Job völlig emotionslos heran."

Fremdwährungsanleihen ab 2005

Innerhalb von zehn Jahren soll die Agentur die Laufzeiten der emittierten Bundeswertpapiere breiter streuen und gleichzeitig die Zinslast senken. Ab 2005 kann die Bundesrepublik erstmals auch Fremdwährungsanleihen - zum Beispiel in Dollar - ausgeben. Und noch eine Herausforderung steht an: Zum 1. Januar 2006 soll die Finanzagentur mit der Bundeswertpapierverwaltung im benachbarten Bad Homburg fusionieren, die mit 440 Mitarbeitern deutlich größer als sie selbst ist.

Von Alexander Missal, dpa