US-Wahl "Gewitter über der deutschen Wirtschaft"

Deutsche Unternehmen werden die Folgen von George W. Bushs Haushaltspolitik bald zu spüren bekommen, schätzt Dirk Schumacher, Volkswirt bei Goldman Sachs. Sie müssen sich auf weniger Wachstumsimpulse aus den USA und einen deutlich steigenden Euro einstellen.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Was bedeutet die Wiederwahl von Präsident Bush für die Weltwirtschaft?

Schumacher: Die Wahl hat zunächst keine relevanten direkten Effekte. Natürlich ist die US-Wirtschaft ein wesentlicher Motor der globalen Ökonomie - sowohl nach oben als auch nach unten. Aber die wirtschaftspolitischen Programme von George Bush und John Kerry haben sich nicht so fundamental unterschieden, als dass man sagen könnte, wenn der eine oder der andere gewählt worden wäre, dann hätte es starke Auswirkungen für den Rest der Welt gegeben.

mm.de: Als Europäer kann es uns also gleich sein, ob Demokraten oder Republikaner die Wirtschaftspolitik der USA bestimmen?

Schumacher: Es gibt Unterschiede - vor allem in der Fiskalpolitik. Die Wiederwahl von George Bush wird wohl dazu führen, dass der Rückgang des US-Defizits, welches in seiner Amtszeit so groß geworden ist, weniger langsam passieren wird. Es besteht sogar die Gefahr, dass ein großer Teil der Schulden permanent wird, weil Bush an den Steuersenkungen festhält. Unter seiner Führung wird das Haushaltsdefizit wahrscheinlich größer bleiben, als es unter Kerry der Fall gewesen wäre.

mm.de: Besteht die Gefahr, dass der Schuldenberg und die in Folge steigenden Zinsen die US-Wirtschaft irgendwann erdrücken?

Schumacher: Es muss sich in der Tat etwas ändern. Der expansive Kurs, der auch in der Nachbetrachtung nach dem Platzen der Börsenblase und den Terroranschlägen von 9/11 absolut erfolgreich war, kann jetzt, wo sich die Wirtschaft stabilisiert hat, so nicht weiter gefahren werden. Wahrscheinlich wird die Regierung versuchen, die Verschuldung etwas abzubauen. Sie wird es natürlich nicht so aggressiv machen können, dass am Ende der zweiten Amtszeit von Präsident Bush das Defizit getilgt ist. Doch das Thema muss angegangen werden. Ein Teil der Lösung des Problems ist die Aufwertung des Euros.

Nach Frankreich und nicht in die USA schauen

mm.de: Das würde allerdings die exportorientierte deutsche Wirtschaft schwer treffen. Wie sollte Europa auf die Wiederwahl reagieren?

Schumacher: Kurzfristig können wir da wenig machen. Das ist ein wenig wie ein Gewitter, das über die Euroland-Ökonomie und speziell die exportorientierte deutsche Wirtschaft einprasseln wird. Die Ungleichgewichte sind eben da und sie müssen über den Wechselkurs abgebaut werden. Darauf sollten sich die Unternehmen einstellen, so weit sie es können. Gleichzeitig werden wir weniger Wachstumsimpulse aus den USA bekommen. Wir müssen also die Binnenkonjunktur stärken, mehr inländische Nachfrage generieren. Und da ist Deutschland leider der Hinkefuß in Euroland.

mm.de: Sollten wir schnell europäische Champions - also weltweit führende Großkonzerne - als Gegengewicht zu den US-Konzernen aufbauen?

Schumacher: Die Politik sollte sich auf die Fortsetzung des Reformkurses konzentrieren, damit kann sie der Wirtschaft am meisten helfen. Bei den Baustellen die wir dort in den nächsten Jahren weiter haben werden, wäre eine Diskussion um staatlich geförderte Champions nur Ablenkung vom eigentlichen Thema. Champions entstehen nur dann, wenn sie einen starken Heimatmarkt haben.

Die interessante Thematik ist doch, wie wir als Deutsche damit umgehen, dass der französische Staat massiv einzelne Unternehmen fördert. Dies ist sicherlich eine Herausforderung. Doch das alles wirkt nur mittelfristig. Die entscheidende Frage ist jetzt, wie können wir kurzfristig auf den geringeren konjunkturellen Impuls von außen reagieren. Wir könnten mit einer stimulierenden Fiskal- oder einer expansiveren Geldpolitik antworten. Aber beides wird es so nicht geben. Folglich kann Euroland kurzfristig nicht viel machen. Die strukturellen Veränderungen, so notwendig sie sind, helfen ja nicht das momentane konjunkturelle Problem zu lösen.

mm.de: Gibt es überhaupt noch eine Chance, dass Bush in Sachen explodierender Staatsverschuldung umdenkt?

Schumacher: Ich glaube nicht. Da gibt es wenig Anzeichen. Meine amerikanischen Kollegen denken, dass es eine der ersten Taten von Präsident Bush sein wird, die bisher zeitlich befristeten Steuersenkungen als permanent zu erklären. Es gibt keine Indizien, dass er in der Fiskalpolitik umschwenken wird. Das US-Defizit war nicht relevant für den Ausgang der Wahl. Der Wähler empfand es eben nicht als einen großen Makel, dass das Defizit auf diese Höhe angeschwollen ist.

mm.de: Sie arbeiten für ein Unternehmen amerikanischen Ursprungs und sind selber Europäer. Wie haben Sie das Wahlergebnis aufgenommen?

Schumacher: Wir sind ein globales Unternehmen mit mehr als 50 Nationalitäten. Natürlich werden bei uns immer politische Ereignisse und Trends diskutiert, da sie die Märkte und damit unsere Klienten und uns beeinflussen. Aber politische Lagerbildung gibt es nicht. Einen transatlantischen Graben wie in der Politik hat es nach unserer Auffassung auch in der Wirtschaft nie gegeben, egal ob bei deutschen oder bei US-Unternehmen.

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