US-Wahl Die bemerkenswerte Gleichgültigkeit des Präsidenten

Die Chefvolkswirte führender deutscher Banken erwarten, dass die Wiederwahl von George W. Bush die Märkte kurzfristig stärkt. Mittelfristig drohen jedoch höhere Zinsen, steigende Schulden sowie eine rasante Talfahrt des Dollar: Es knirscht im Währungsgefüge.

Die Wiederwahl von George W. Bush dürfte kurzfristig für Erleichterung an den Börsen sorgen, meint Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Der neue Präsident der USA muss aber mit wachsenden Problemen daheim und einer sich abkühlenden US-Wirtschaft zurechtkommen: "Wenn Bush seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Schuldenberg nicht ablegt, werden ihn die Märkte dazu zwingen", sagte Kater gegenüber manager-magazin.de.

Die europäischen Märkte können mit einem Präsidenten Bush gut weiterleben und kurzfristig mit Kursgewinnen reagieren. "Trotz des erbittert geführten Wahlkampfes und vieler politischer Gegensätze war es keine ökonomische Richtungswahl: Bush wie Kerry setzen auf die Kraft der Märkte, und beide haben ähnliche wirtschaftliche Konzepte angeboten", sagt der Chefvolkswirt der Dekabank.

Abkühlung der US-Konjunktur auch in Europa zu spüren

Eine Wiederwahl des US-Präsidenten beseitigt indessen nicht die alten Probleme. "Das Wachstum in den USA wird sich im Frühjahr abschwächen, da die Steuersenkungspolitik zum Abschluss gekommen ist und die unmittelbaren Folgen auslaufen", sagt Kater. Zudem dämpfen die höheren Öl- und Rohstoffpreise sowie die steigenden Zinsen das Wachstum. Diese konjunkturelle Abkühlung in den USA werde bald auch Europa zu spüren bekommen.

Der neue US-Präsident muss sich gewaltigen Aufgaben stellen. Zum Doppeldefizit in Haushalt und Handelsbilanz kommen steigende Kosten der Gesundheits- und Sozialsysteme. Wenn Bush nicht "zumindest den Versuch" unternehme, das Defizit zu begrenzen, sei es nur eine Frage der Zeit, bis die Finanzmärkte nicht mehr so viel Geld in die USA pumpen und damit das US-Defizit finanzieren, meint Kater.

Dekabank: Es knirscht im Währungsgefüge

Es knirscht im Währungsgefüge

"Bush hat bislang eine bemerkenswerte Gleichgültigkeit gegenüber dem hohen Defizit an den Tag gelegt. Diese Gleichgültigkeit wird er in einer zweiten Amtszeit ablegen müssen, anderenfalls werden ihn die Märkte dazu zwingen", schätzt der Experte der Dekabank. Erste Spekulationen gegen die faktisch festen Wechselkurse in Asien zeigten, "dass es im Währungsgefüge knirscht". "Wir rechnen mit einem schwächeren Dollar und steigenden Zinsen in den USA, wenn Bush so weitermacht wie bisher."

Die Dekabank erwartet eine Unterstützung des gesamten Aktienmarktes in der Breite, da die von Kerry geplante stärkere Besteuerung von Auslandsgewinnen und Dividenden mit einer Wiederwahl von Bush vom Tisch ist. Dennoch muss diese kurzfristige Erleichterung nicht das Startsignal für eine Rallye an den Märkten sein.

Europa: Konzentration auf sich selbst

Europa tue gut daran, sich künftig stärker auf sich selbst zu besinnen. "Vom Wirtschaftswachstum in den USA sind in Europa bislang nur geringe Impulse angekommen. Das ist ein Hinweis darauf, dass wir uns auf unsere eigenen Strukturprobleme wie die reformbedürftigen Sozialsysteme und den schwachen Arbeitsmarkt konzentrieren sollten", sagt Kater.

Statt auf Hilfe von außen zu setzen, sollte sich Euroland stärker um die Aufgaben vor der eigenen Haustür kümmern. Mit kräftigen Impulsen aus den USA sei für die kommenden Monate ohnehin nicht zu rechnen.

Dresdner Bank: "Aktienmarktfreundliche Politik"

"Bush betreibt aktienmarktfreundliche Politik"

Michael Heise, Chefvolkswirt der Dresdner Bank, ist hinsichtlich der US-Wirtschaft etwas optimistischer. "Es besteht die Chance, dass sich die US-Konjunktur im Frühjahr nicht so deutlich abkühlen wird, wie allgemein befürchtet wird", sagte Heise gegenüber manager-magazin.de.

Der Preis dafür sei allerdings ein wachsender Schuldenberg: Niedrige Steuern und weiterhin hohe staatliche Ausgaben dürften dafür sorgen, dass das US-Defizit weiterhin extrem hoch bleibe. "Auf der Währungs- und Zinsseite besteht unter Bush weiter ein Risiko: Der Dollar dürfte weiter an Wert verlieren, und die Zinsen dürften steigen."

Eine Wiederwahl des Präsidenten George W. Bush setzt dennoch die Rahmenbedingungen für weitere Steigerungen am Aktienmarkt. "Bush betreibt eine expansive und aktienmarktfreundliche Fiskalpolitik", begründet Heise seine Einschätzung. Niedrige Steuern für Vermögende, Steuerfreiheit für Dividenden sowie die Einführung einer kapitalgedeckten Krankenversicherung seien Faktoren, die für steigende Nachfrage nach Aktien und Fonds sprechen.

Warum die Märkte noch Luft nach oben haben

Wenn sich die US-Konjunktur durch den hohen Ölpreis nicht aus der Bahn werfen lasse, könnten Anleger in den kommenden Monaten daher steigende Aktienmärkte sehen. "Europa wird hinter dem Wachstum der USA zurückbleiben, da die US-Wirtschaft nach einer Konsolidierungsphase ihre Stärken - hohe Flexibilität, Innovationskraft, ein schnell wachsender Kapitalstock - wieder ausspielen dürfte", meint der Chefvolkswirt der Dresdner Bank.

Europa habe mehrere Gründe, auf weiteres Wachstum der US-Wirtschaft zu hoffen. Zum einen verleiht steigende Nachfrage aus den USA Impulse, und zum anderen sinkt mit einem positiven Konjunkturverlauf das Risiko protektionistischer Aktionen der USA.

Amerika first: Protektionismus ist ernsthafte Gefahr

"Sowohl Bush als auch Kerry haben klar gemacht, dass sie notfalls auch die protektionistische Karte ziehen, um US-Arbeitsplätze zu schützen", sagt Heise. Dies drohe nicht nur China, sondern auch Europa, wie der Streit um Airbus- und Agrarsubventionen zeige. "Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA haben bislang trotz politischer Spannungen gut funktioniert", sagt Heise. "Es droht jedoch ein ernsthafter Konflikt, wenn Strafzölle und Handelsbeschränkungen ins Spiel kommen".

Bush könnte über über eine Politik des schwachen Dollar versuchen, den Druck auf Asien zu erhöhen und insbesondere China zu einer Aufwertung der eigenen Währung zu bewegen. Mit einer solchen "weak dollar policy" lasse sich nebenbei auch das eigene Leistungsbilanz-Defizit heruntermanagen. "Daher dürfte der Dollar mittelfristig weiter unter Druck bleiben, obwohl die US-Währung in der Regel kurzfristig mit Kursgewinnen auf die Wiederwahl eines US-Präsidenten reagiert", sagt Heise.

Commerzbank: "Stoff für Handelskonflikte"

Commerzbank: "Annäherung in zentralen Fragen"

Im Falle einer zweiten Amtszeit für George W. Bush müssen sich diejenigen in Europa neu orientieren, die bestehende Probleme im transatlantischen Verhältnis durch Aussitzen bis nach der Wahl lösen wollten, meint Ulrich Ramm, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Das dürfte aber kein größeres Problem sein: Meinungsverschiedenheiten in der Sache seien in der Vergangenheit oft zu sehr auf die Person George Bushs verengt worden. Da beide Seiten jedoch grundsätzlich an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert seien, werde man sich in den zentralen Fragen wohl annähern.

"Ausreichend Stoff für Handelskonflikte"

"In der Handelspolitik - einem wichtigen Aspekt der Beziehungen der EU mit den USA - dürfte alles beim alten bleiben, nicht zuletzt weil die Republikaner ihre Mehrheit im Kongress behauptet haben", meint der Experte der Commerzbank. Von den beiden Kandidaten stehe George Bush wohl für eine weniger aggressive Position in Handelsfragen.

Andererseits habe sich Bush in den vergangenen vier Jahren - wenn politisch opportun - von der reinen Freihandelslehre abgewendet und zum Beispiel massive staatliche Interventionen zugunsten der Stahlindustrie und der Landwirtschaft unterstützt. "Es wird auch in Zukunft ausreichenden Stoff für Handelskonflikte geben, wie zuletzt wieder bei Boeing/Airbus", sagt Ramm.

Kurzfristige Stütze für die Konjunktur

Auf kurze Sicht werde eine amerikanische Wirtschaftspolitik unter Bush die Konjunktur eher stützen - zum Beispiel durch die Festschreibung der Steuersenkung. Gleichzeitig werden damit aber die Defizite im öffentlichen Haushalt hoch bleiben, insbesondere wenn George Bush seine Ankündigung wahr macht und eine Teilprivatisierung des staatlichen Rentensystems anstößt.

"Eine solche Reform wäre für die öffentliche Hand anfangs sehr teuer", sagt Ramm. Mittel- bis langfristig werde sich allerdings rächen, dass Kongress und Präsident bislang die Haushaltsdefizite nicht als ernsthaftes Problem sehen.

"Eine Konsolidierung des US-Haushalts sowie umfassende Reformen des Rentensystems sind in den nächsten Jahren unbedingt erforderlich", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank. Die zukünftigen Belastungen werden nicht allein durch Ausgabenkürzungen oder höheres Wirtschaftswachstum zu finanzieren sein. Eine Steuererhöhung werde daher wohl unausweichlich.

Der Dollar dürfte nach Einschätzung der Commerzbank eher schwach tendieren, solange die Wahl noch nicht definitiv entschieden ist. "Viel entscheidender für die Entwicklung des Dollar sowohl auf kurze als auch auf mittlere Sicht ist aber die Nachhaltigkeit des US-Aufschwungs", sagt Ramm. "Nur im Falle eines nachhaltigen Aufschwungs bleiben Dollar-Investments so attraktiv, dass eine störungsfreie Finanzierung des US-Leistungsbilanzdefizits gesichert erscheint."

Eine anhaltende Konjunkturerholung hängt wiederum maßgeblich davon ab, ob es zu einer deutlichen Verbesserung der US-Beschäftigungszahlen kommt. Bereits am Freitag werden Zahlen für den Oktober veröffentlicht. Die Commerzbank erwartet eine markante Zunahme an Jobs in den USA.

Deutsche Bank: "Bush dürfte Kooperation suchen"

Die Wiederwahl von George W. Bush dürfte nach Ansicht von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, amerikanische Pharma- und Rüstungsaktien stützen sowie bis Jahresende für eine freundliche Stimmung an den Aktienmärkten sorgen. Bush dürfte in seiner zweiten Amtszeit zudem einen sanfteren Kurs einschlagen.

Frankfurt am Main - Für Europa bestehe kein Grund zu übertriebener Besorgnis: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Präsident Bush in seiner zweiten Amtszeit eher die Kooperation sucht, um die Lasten nicht alleine zu tragen", sagte Walter gegenüber manager-magazin.de.

Das Konzept niedriger Steuern werde Bush beibehalten. Da gleichzeitig höhere Ausgaben für den Militär- und Sicherheitsbereich zu erwarten seien, werde entgegen der Ankündigungen im Wahlkampf auch das US-Defizit hoch bleiben. "Kerry hätte vielleicht stärkere Haushaltsdisziplin geübt, doch unter Bush dürften die Zinsen rasch ansteigen", sagte Walter. Beim Wechselkurs habe das Wahlergebnis also keine Folgen: In beiden Fällen war langfristig mit einem schwächeren Dollar zu rechnen.

Es bleibt bei solidem US-Wachstum

Für 2005 rechnet der Chefvolkswirt der Deutschen Bank mit einer leichten Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums, da es vorerst keine weiteren geld- und finanzpolitischen Anreize geben werde. "Von einer Abkühlung der US-Konjunktur zu sprechen, ist aus europäischer Sicht jedoch vermessen", so Walter. Voraussichtlich werde das Wachstum knapp unter die Vier-Prozent-Marke fallen. "Solche Sorgen hätten wir in Deutschland gerne."

Entspannung statt Protektionismus und Konfrontation

Dass Präsident Bush mit protektionistischen Aktionen die Handelsbeziehungen zwischen den USA und Europa belasten könnte, hält der Experte der Deutschen Bank für unwahrscheinlich. "Bush muss keinen Wahlkampf mehr führen. Seine zweite Amtszeit ist für die Geschichtsbücher", sagt Walter.

Daher dürfte der Präsident schon aus praktischen Gründen eher auf Kooperation als auf Konfrontation setzen. Eine Rückkehr des US-Handelsbeauftragten Robert Zoellick sei das Beste, was dem Freihandel derzeit passieren könne. In der nächsten Welthandelsrunde seien nach Einschätzung von Walter konstruktive Ergebnisse zu erwarten.

Handelsbeziehungen dürften sich verbessern

Die Beziehungen zwischen deutschen und US-amerikanischen Unternehmen hätten sich trotz einiger politischer Irritationen längst wieder normalisiert, so Walter. Sobald das Wahlkampfgetöse verklungen sei, bestünden gute Chancen für eine weitere Verbesserung.

Auch an der Börse könnte die Wiederwahl bis zum Jahresende für steigende Kurse sorgen, da Bush eine eher aktienmarktfreundliche Fiskalpolitik betreibe (Verzicht auf Besteuerung der Dividenden, Festschreibung der beschlossenen Steuersenkungen auch für Vermögende). Voraussetzung sei allerdings, dass es nicht zu neuen Terroranschlägen komme und der Ölpreis nicht zu stark steige. Sowohl Dow Jones  als auch der Deutsche Aktienindex Dax  haben seit Wiederwahl des US-Präsidenten deutlich zugelegt.

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