Corporate Architecture "Gute Architektur ist formgewordene Sinnlichkeit"

Zunehmend mehr Unternehmen wollen neben guten Geschäftszahlen auch mit pfiffigen Gebäuden bei Kunden und Investoren punkten. Worauf müssen Vorstände dabei achten? manager-magazin.de sprach mit Architekt Hadi Teherani.
Von Martin Scheele

mm.de:

Unternehmen machen meist mit Zahlen oder Personen von sich reden. Mit Architektur seltener. Warum ist eine passende Gebäudearchitektur für ein Unternehmen von nicht zu unterschätzender Bedeutung?

Teherani: Eine Unternehmenskultur, die nicht in einer entsprechenden Architektur gelebt werden kann, halte ich für sehr schwer vermittelbar. Man residiert auch nicht hinter einem kolossalen Schreibtisch aus Eiche, wenn Teamarbeit im Zentrum des Unternehmenserfolgs steht. In der Durchdringung von individueller und gesellschaftlicher Sphäre wirkt die gläserne Transparenz eines Bürohauses auf einer Mikro- und auf einer Makroebene.

Intern formiert der optische Zusammenschluss der Mitarbeiter eine den Unternehmenserfolg sichernde Gruppenzugehörigkeit. Extern begründet das Verwickeltsein mit der Außenwelt ein höheres Verantwortungsbewusstsein - politisch wie ökologisch. Das in Zahlen und Daten zu belegen dürfte allerdings, wie auch im gegenteiligen Fall, schwer fallen.

mm.de: Welcher Dax-Konzern steht für die beste Unternehmensarchitektur?

Teherani: Ganz klar: BMW. Der Zylinderturm ist ein Münchener Wahrzeichen. Er ist zeitlos, hat identifizierenden Charakter und ist ein Meilenstein der Architekturgeschichte.

mm.de: Wann wird ein Gebäude zu einem Meilenstein der Architekturgeschichte?

Teherani: Identität stiftende Gebäude verlangen eine eindeutig definierte, anschauliche Architektur mit funktionalen Vorteilen und emotionaler Ausstrahlung. Die Schönheit eines Gebäudes basiert auf seiner Logik und Effizienz, nicht auf Dekor und Zeitgeist.

Stromlinienformen in der Architektur machen Großformen nicht nur optisch kleiner, sondern auch ökologisch und konstruktiv effizienter. Zum architektonischen Objekt als Bedeutungsträger gehören im Chaos wuchernder Städte nicht erst seit dem Pariser Centre Pompidou der 70er Jahre der überraschende Auftritt und der provokative Maßstabssprung.

"Daimler kaum schwächer vorstellbar"

mm.de: Sondern?

Teherani: Schon im Paris des Jahres 1847 fanden auf den Champs-Elysées unter einem Glasgewölbe von 100 Meter Länge, 40 Meter Breite und 20 Meter Höhe bis zu 8000 Menschen Platz. Das Publikum wurde magisch angezogen von tropischen Pflanzen, von Konzerten, einer Kunstgalerie, einem Café, Billardtischen und Verkaufsständen.

Auftraggeber des kommerziell sehr erfolgreichen Gebäudes war wie schon bei den Passagen die private Bauspekulation. Künstliche Paradiese und verzauberte Orte gehörten schon zur Stadtkultur des 19. Jahrhunderts.

Heute wachsen die Pflanzen auf der Etage, mitten im Bürohaus. Gesellschaftliche Brennpunkte im Zentrum der Stadt, die dem längst aufgegebenen Jardin d'hiver von Paris ebenbürtig wären, fehlen der Stadt jedoch heute. Retrokultur zielt dagegen auf klein karierte Fassaden, nicht auf öffentliches Leben in großen Dimensionen.

mm.de: Wir haben über die BMW-Zentrale gesprochen. Wie bewerten Sie die Zentrale des BMW-Konkurrenten DaimlerChrysler?

Teherani: Schwächer ist die architektonische Darstellung technischen Anspruchs kaum vorstellbar. Das wird auch mit der im Sommer 2000 eröffneten Mercedes-Welt in Berlin deutlich, dem größten Autohaus der Welt. Wer aber angenommen hatte, dass die Edelmarke auf diesem Weg den späten Einstieg in die Architektur gesucht hätte, sah sich getäuscht. Der Glaspalast in Sichtweite der Straße des 17. Juni bietet zwar eine mit 160 Meter Länge gigantische, beeindruckende Halle, aber keine stadtbildende Architektur.

mm.de: Warum?

Teherani: Zwar hat DaimlerChrysler, hier insbesondere Mercedes, von Nike und anderen Vorzeigeunternehmen gelernt und mystifiziert seine Produkte jetzt zwischen Kletterrosen und Wasserspielen auf spiralförmig angeordneten Themeninseln, aber Architektur als Botschaft der Marke und Symbol ihrer Werte bleibt entbehrlich. Dabei hat Mercedes mit alljährlich 1,2 Millionen Besuchern, mehr als 5000 verkauften Neuwagen und einem Gesamtumsatz von einer halben Milliarde Mark brilliante Rahmenbedingungen.

"Architektur sollte begeistern können"

mm.de: Mit BMW  und DaimlerChrysler  haben wir über zwei Autohersteller gesprochen. Warum gelten - und hier auch vor allem Volkswagen  - die Autokonzerne als Vorreiter einer verstärkten Außendarstellung?

Teherani: Ende der 80er Jahre steuerten die Werbetexter der Autofirmen auf der Suche nach Imageglanz und Stilbewusstsein mutig in die offene Konfrontation mit der architektonischen Realität ihrer Auftraggeber. Neben Plakatwänden, auf denen kesse Damen ihre Pumps zum Rhythmus technikbegeisterter Werbeslogans in Motorhauben bohren, zeigt sich noch heute ein breiter Graben zwischen Produkt und Präsentation, zwischen technischem Fortschritt und Stadtgestalt, zwischen Unternehmenserfolg und Stadtkultur.

mm.de: Bitte erläutern Sie das.

Teherani: Angesichts des produktimmanenten Stilbewusstseins, das den Autofan Le Corbusier 1922 zu Vergleichen mit dem Parthenon veranlasste, ist ein Rückschritt unverkennbar. Von der unfreiwilligen und zufälligen Schützenhilfe gediegener Altbauten abgesehen bleibt die Distanz der Autohersteller zur gebauten Selbstdarstellung der Supermärkte marginal. Im Gegenteil, die amerikanische Handelskette "Best" setzte mit ihren zerborstenen und im Verfall begriffenen Fassaden schon vor 30 Jahren auf Architektur zum Ruhm der Marke.

Deutschland liegt auf diesem Gebiet von Ausnahmen abgesehen weit zurück. Dabei lässt sich ein auf Architektur basierender Unternehmenserfolg schnell belegen, etwa mit unserem architektonischen Konzept für den Leuchtendesigner Tobias Grau. Dieses Firmengebäude in einem versteckten Gewerbepark ist kaum aufzuspüren, und doch symbolisiert es das Unternehmen weltweit.

mm.de: Was ist für Sie heute moderne Gebäudearchitektur?

Teherani: Architektur sollte Menschen begeistern können. Sie sollte urbane Verstrickungen und Nutzungsüberlagerungen provozieren und ein Gefühl für die Herausforderungen unserer Zeit vermitteln. Auf diesem Weg kann Architektur zu einer Orientierungshilfe für die Menschen wie die Stadt werden. Nicht um gesellschaftliche Perspektiven auszulösen oder zu lenken, wie es die Moderne der 20er Jahre vergeblich wollte, aber doch um neue Wege und Entwicklungen zu illustrieren.

"Wir brauchen ganzheitliche Konzepte"

mm.de: Was sind Ihre Visionen?

Teherani: Das so genannte ökologische Bauen auf das private stille Glück im Winkel zu beschränken - also: Holzhaus, Brennholzstapel und Bauernmöbel - ist ein Trugschluss, Bio-Mimikry in Bildern. Wir müssen uns vor allem um die Städte kümmern, um Verdichtungsmodelle, Verkehrsmodelle, Zeitbudgets, um eine intelligentere, komplexere Verzahnung von Natur, Wissenschaft, Technik und Design.

Denn wir sind auf dem besten Wege, den Amerikanern darin nachzueifern, zehn Jahre unseres Lebens im Auto zu verbringen, weil wir nur noch auseinander sortieren und trennen, zu wenig verbinden und überlagern. Darum engagieren wir uns gerade für einen Wohnungsbau, der die Qualitäten des Einfamilienhauses auf den Etagen der Stadt realisiert.

Das Dach über dem Kopf und eine Fassade aus dem Stilbaukasten sind mir zu wenig. Der Architekt muss ganzheitliche Lösungen finden, er muss Städtebau, Ökologie, Ökonomie, Identität und Emotion gleichrangig berücksichtigen. Ohne diese Komplexität führt ökonomisch orientiertes Planen zu sehr kurzfristig angelegten Scheinerfolgen.

mm.de: Welchen praktischen Nutzen bewerten Sie als wichtigsten bei der Gebäudearchitektur?

Teherani: Eines der wesentlichen Grundbedürfnisse, das wir bei der Arbeit befriedigen, ist der Wunsch uns zu versammeln. Der Bewegung zu kleineren, mobileren, flexibleren und intelligenteren Einheiten bis hin zur völligen Autonomie des Einzelarbeitsplatzes innerhalb eines Raumkontinuums Bürohaus und Stadt steht die Faszination von Gemeinschaft und Stadt gegenüber. Weltweit operierende Firmen benötigen nach wie vor zentrale Verwaltungen, die in Sachen Kommunikation, Ökologie und Image mehr zu bieten haben als die Tristesse langer Bürofluchten.

Wer in Zukunft hoch qualifizierte und hoch motivierte Mitarbeiter beschäftigen will, muss nicht nur Arbeitsplätze schaffen, egal wie und wo, sondern eine Arbeitskultur, die Kollektivität und Individualität vereint. Es ist schwer vorstellbar, dass sich dieser Wandel vor architektonischen Motiven der Vergangenheit vollzieht. Eine individuelle, spezifische, aber dennoch langfristig und zeitlos, also architektonisch angelegte Umsetzung von Unternehmenswerten wird gegenüber der schlichten, direkten Signalisierung von Farben, Schriftzügen oder Logos immer im Vorteil sein.

Den Begriff "Zeitlosigkeit" darf man jedoch nicht missverstehen. Architektur, die ihre Zeitumstände nicht reflektiert, ist keine gute Architektur. Auch ein Porsche und eine Leica sehen heute anders aus als vor 50 Jahren.

"Der Fehler der klassischen Moderne"

mm.de: Was müssen moderne Gebäude darüber hinaus leisten?

Teherani: Der entscheidende Punkt einer Debatte über architektonische Qualitäten ist die Frage nach der Vermittlung zwischen architektonischer Objektwelt und dadurch ausgelöster subjektiver Stimmung. Architektur entsteht für Menschen. Architektur vermittelt Szenen, Lebensräume, Ausstrahlung. Die ökonomisch und ökologisch angelegte zeitgemäße Bautechnik im Hintergrund ist lediglich eine unabdingbare Voraussetzung dafür.

Intelligente, ressourcenschonende Gebäude stehen immer vor denselben Anforderungen. Die weichen Faktoren Emotion und Identität sind heute wichtiger. Die Atmosphäre im Zwischenraum der architektonischen Objekte darf nicht autoritär gesetzt werden. Das war der Fehler der Moderne der 20er Jahre.

Die Atmosphäre der Stadt darf aber auch nicht weniger autoritär als Retrodesign festgeschrieben werden. Insofern ist eine Debatte pro oder contra Hochhaus, pro oder contra Ziegelstein müßig, solange es nicht um einen konkreten Standort und eine konkrete Aufgabe geht. Ganz gleich welche Bauaufgabe zu lösen ist, geht es immer um den im weitesten Sinne lebenswerten Raum, innen wie außen.

mm.de: Heute müssen Gebäude also Botschaften vermitteln, wird die Funktion dabei zweitrangig?

Teherani: Form ist weder Selbstzweck noch Ergebnis des Entwurfsprozesses, sondern Instrument des Entwurfs. Nutzung und Form eines Gebäudes sind zwei unterschiedliche Ausprägungen der gemeinsamen Basis Raum. Dabei kommt der Virtualität und der Dynamik der Architektur, der Auflösung ihrer Grenzen und Konventionen, nicht ihrem Fixieren nach historischen Vorlagen entscheidende Bedeutung zu.

Das Haus der Zukunft ist eine Sinfonie räumlicher Formen, jeder Raum ein notwendiger Teil des Ganzen. Konstruktive Materialien, Wände, Decken, Böden sind nur Mittel zu einem einzigen Zweck: der Definition von Raumformen. Das war schon die These der Moderne der 20er Jahre, wir haben heute allerdings weit bessere technische Voraussetzungen.

Bautechnik ist dennoch nur Mittel zum Zweck, sie dient allein dazu, architektonischen Raum zu kreieren. Architektonische Wunderdinge ereignen sich immer räumlich. Technische Wunderdinge, wie eine punktgehaltene gläserne Schutzhaube gegen den Straßenlärm, können ein neues Raumkonzept beflügeln, aber nicht auslösen. Nichts kann die Emotionalität der dritten Dimension, des Raumes wirklich ersetzen. Gute Architektur ist formgewordene Sinnlichkeit, Kultur, Moral, Botschaft.

"Echter Luxus dramatischer Räume"

mm.de: Wo hört kluge Selbstdarstellung auf, wo fängt der Protz an?

Teherani: Protz gründet nicht auf Raumqualität und Zweck, sondern bleibt reine Dekoration. Unser Weg ist ein anderer, wir inszenieren mit mehrgeschossigen Etagengärten und luftigen Eingangshallen Raumüberschüsse, die in der ökonomischen Gesamtbilanz nichts kosten, sondern im Gegenteil dank thermischer Synergien aufwändige Gebäudetechnik einsparen. Teure Materialien bleiben dagegen reine Oberfläche.

Das entscheidende architektonische Qualitätsmerkmal ist der Raum, das Volumen, der Ausblick, eine Dynamik der Überschneidungen und Beziehungen. Nur in Häusern, die architektonisch sprachlos bleiben, achtet man auf Materialdetails und Ausstattungsaufwand. Ein intelligenter Einsatz der Mittel setzt vor allem auf den Luxus dramatischer Räume.

mm.de: Heißt modern bauen, nicht automatisch viel Glas und Stahl einzusetzen? Einige Architekturkritiker stört die Inflation von Glas- und Stahlbauten? Ist gar das Stadtbild bedroht?

Teherani: Aufgabe der Architekten ist die zeitgenössische Arbeit an der gesellschaftlichen Bedeutung von Architekturformen, nicht deren Abschaffung durch Konventionen, Gestaltungssatzungen oder Materialvorschriften. Es geht nicht um das Wiederherstellen von Geschichte, sondern um das Erzählen von neuen, faszinierenden Geschichten mit zeitgenössischen Mitteln. Nur so setzt sich Stadtgeschichte fort.

Glas hat dabei viele Vorteile: Wir können damit den Innen- und Außenraum in ein komplexes Gleichgewicht bringen. Eindeutige Raumgrenzen lösen sich in Schichten, Membranen und Filter auf. Diese ineinander übergehenden Räume - die ungleichmäßigen Formen, die verschwimmenden Grenzen, die instabilen Beziehungen zwischen innen und außen - ermöglichen neue Erfahrungen, erneuern unsere festgefahrenen Wahrnehmungen.

Lichtdurchflutete und dennoch klimatisch geschützte Räume sind ohne Glas nicht realisierbar. Vor allem hat dieses Thema zwei Perspektiven. Kleine Fensterformate wirken aus dem Straßenraum betrachtet anders als von innen gesehen - ohne Aussicht und ausreichendes Tageslicht.

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