Beste Fabrik Das Glück zu Erlangen

Das Erlanger Siemens-Gerätewerk wurde jetzt zur "Besten Fabrik Europas" erkoren. Die Musteranlage zeigt, wie Unternehmen die gewünschte Flexibilität bei den Arbeitskräften schon heute verwirklichen können - ohne dass die Arbeitszeit verlängert werden müsste.

Erlangen - "Die Zeiten, wo jeder sieben Stunden am Tag arbeitet, sind vorbei", sagte Josef Röhrle. Im Siemens-Gerätewerk (GWE) in Erlangen hat der Werkleiter diese Erkenntnis konsequent umgesetzt: Gearbeitet wird dann, wenn Arbeit da ist.

Sein "ganzheitliches Produktionssystem" hat dem Gerätewerk, in dem 1100 Beschäftigte Antriebe und Steuerungen für Werkzeug- und Produktionsmaschinen fertigen, jetzt den Titel "Beste Fabrik Europas" eingebracht. Am 25. Oktober wird die Auszeichnung in Nürnberg verliehen. Veranstalter des Industriewettbewerbs "Die Beste Fabrik" sind die französische Managementschule INSEAD in Fontainebleau bei Paris und der Lehrstuhl für Produktionsmanagement an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar.

Der Umbau des Werks begann Anfang der 90er Jahre in der Krise des Maschinenbaus. "Das hat uns stark erwischt", sagt Röhrle. Man habe ein zunächst sehr schmerzhaftes Restrukturierungsprogramm eingeleitet. "Am Anfang stand die Überlegung: Wir fertigen nur das, was wir bereits verkauft haben." Siemens-GWE konzentrierte sich auf Just-in-Time-Produktion. Geliefert werde heute binnen zwei Wochen, sagt Röhrle. Die reinen Fertigungslaufzeiten wurden deutlich auf zwei bis drei Tage reduziert.

Stundenkonten von minus 100 bis plus 500

Zugleich entwickelte GWE neue Arbeitszeitmodelle. Je nach Auftragslage wird in Erlangen zwischen 30 und 40 Stunden wöchentlich gearbeitet. Die meisten der Beschäftigten (der Frauenanteil liegt bei 49 Prozent) haben Gleitzeitkonten von minus 100 bis plus 500 Stunden. "Damit können wir im Jahresmittel Auftragsschwankungen von 30 Prozent verkraften, ohne Personal einstellen oder entlassen zu müssen", sagt der Werkleiter.

Auf die Wirkungen für die Mitarbeiter ist der Werkleiter stolz: Seit zwölf Jahren habe es keine betriebsbedingten Kündigungen mehr gegeben. Während der Umsatz in den vergangenen Jahren auf 450 Millionen Euro (2003) verdreifacht wurde, konnte das Personal in dieser Zeit um 30 Prozent aufgestockt werden.

Hauptsache, die Arbeit wird erledigt

Hauptsache, die Arbeit wird erledigt

Die Beschäftigten bestimmen weitgehend selbst über ihr Kommen und Gehen. Wichtig sei, dass die Aufträge täglich abgearbeitet würden, sagt der Werksleiter. Neben hoher Flexibilität sei die Qualifizierung der Mitarbeiter entscheidend für den Erfolg. Fast jeder Beschäftigte habe eine "Mehrfachqualifikation". Zudem werde viel Verantwortung auf die Kollegen übertragen: "Jede Maschine, jedes Werkzeug bei uns hat einen 'Besitzer', der sich darum kümmert."

Zielvereinbarungen für die Beschäftigten und ein Bonussystem, das sie am Unternehmenserfolg beteiligt, sind nach Röhrles Worten weitere Elemente im Produktionsmanagement. Betriebsrat und Gewerkschaft zögen mit, "weil wir eine hohe Arbeitsplatzsicherheit haben". Das bestätigt auch die IG Metall in Erlangen. Deren Chef, Wolfgang Niclas, hebt das "vernünftige Miteinander" hervor. "Hier wird der Erfolg nicht in der Umgehung von Tarifvereinbarungen oder nur durch Arbeitszeitverlängerungen gesucht."

Fortsetzung folgt

Zwar werde den Beschäftigten einiges abverlangt, sagt Niclas, und es gebe auch immer wieder harte Auseinandersetzungen. "Aber es herrscht ein Umgang miteinander, wie ich ihn mir grundsätzlich wünschen würde."

80 bis 90 Prozent des Erlanger Modells seien auf andere Unternehmen übertragbar, meint Röhrle. "Wir haben Probleme am Standort Deutschland, aber in den Arbeitsabläufen gibt es sehr viele Optimierungsmöglichkeiten." Auch im eigenen Unternehmen sollen die Prozesse weiter verfeinert werden: "Mit dem Thema Flexibilisierung sind wir noch lange nicht am Ende."

Stephan Maurer, DPA

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