Opel und GM Die Zentrale hat immer Recht

Bei den Sanierungsverhandlungen prallen eine zentralistische Unternehmenskultur und ein veraltetes Kulturverständnis aufeinander. Strategieexperte Hermann Simon erläutert im Interview, welches Risiko die Bochumer Opel-Mitarbeiter mit ihrem Konfrontationskurs eingehen.

mm.de:

Der Ruf von General Motors hat in Deutschland stark gelitten. Hätte das Management von GM durch behutsameres Vorgehen den wilden Streik in Bochum vermeiden können?

Simon: Im Falle Bochum und GM treffen zwei konträre Welten aufeinander. Bochum ist eine traditionelle Arbeiterstadt mit einem starken linken Kern, in der die IG Metall einen starken Einfluss hat. General Motors ist ein amerikanischer Riese, der unter einem enormen Wettbewerbsdruck steht und mittelfristig ums Überleben kämpft. Da kann es nur krachen.

Natürlich hätte das GM-Management taktisch und psychologisch geschickter vorgehen können. Aber das ist auch - ähnlich wie im Fall Karstadt - ein Teil des Verhandlungspokers. Eine Drohkulisse wird aufgebaut, um die Ergebnisse in die gewünschte Richtung zu beeinflussen.

mm.de: Das unmittelbare Ergebnis war ein Produktionsstopp im Bochumer Werk, der zeitweise auch die GM-Werke in Antwerpen, Rüsselsheim und Ellesmere Port lahm gelegt hat ...

Simon: Das war weder von GM gewünscht, noch hat es die Verhandlungsposition der Opel-Mitarbeiter in Bochum gestärkt. Letztlich muss man aber für beide Seiten ein gewisses Verständnis aufbringen. Wenn es General Motors nicht schafft, die Kosten in Europa massiv zu senken, dann werden sie weiter Marktanteile und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, und der Karren rollt dem Abgrund entgegen. Umgekehrt stehen die Arbeiter in Bochum natürlich auch vor einer äußerst schwierigen Situation, denn es geht um die persönliche Existenz.

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Krach der Kulturen
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mm.de: Kritiker führen die Krise bei Opel vor allem auf Managementfehler in Detroit zurück. Bringt General Motors genug Verständnis für den europäischen Markt auf?

Simon: General Motors ist ein weltweit agierender Konzern. Es gibt bei GM Leute, die den europäischen Markt verstehen, und es gibt viele, für die das nicht zutrifft. Der frühere GM-Chef Jack Smith war selbst längere Zeit Europa-Chef und hatte meines Erachtens ein besseres Verständnis für den europäischen Markt als die heutige Führung, trotz Bob Lutz. Das hat übrigens nicht unbedingt etwas mit der Formel "Amerikaner vs. Europäer" zu tun.

Der frühere Opel-Chef David Herman, selbst Amerikaner, hat sich bei seinen amerikanischen Kollegen den Mund fusselig geredet, ohne Erfolg. Immer ging es darum, Kosten zu senken, die Anforderungen des deutschen Marktes fanden kaum Gehör. Das rächt sich heute. Die Zeit für GME-Vize Carl-Peter Forster war zu kurz, um diese jahrelange Fehlentwicklung wirksam umzudrehen.

Welche Chance die Gespräche haben

mm.de: Bei den Verhandlungen treffen auch unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander. Haben die Sanierungsgespräche unter diesen Voraussetzungen eine Chance?

Simon: Die Unternehmenskulturen des Managements in Detroit und der Arbeiter in Bochum sind in der Tat sehr verschieden. Bei GM in Detroit herrscht eine eher zentralistische Kultur, das heißt die Zentrale hat im Zweifelsfalle Recht, die Stimmen aus den europäischen Märkten werden nicht wirklich gehört, egal ob es um die Mitarbeiter oder die Kunden geht. Das berichteten mir zahlreiche Opel-Topmanager seit Jahrzehnten und daran hat sich nichts geändert.

In Bochum dagegen herrscht ein traditionelles, antagonistisches Verständnis der Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehung, so als säße der Hauptgegner im eigenen Unternehmen und nicht bei den Wettbewerbern beziehungsweise den billiger anbietenden Arbeitern im Ausland.

Das Schicksal, das nun den Bochumern droht, hat auch mit diesem veralteten Kulturverständnis zu tun. Dass es anders geht, haben gerade in jüngster Vergangenheit viele deutsche Firmen, zum Beispiel Siemens, bewiesen.

Ich hoffe, beide Seiten lernen aus den Erfahrungen. Die Bochumer Opel-Mitarbeiter sollten sich auch bewusst sein, dass sie langfristig am kürzeren Hebel sitzen. Die Globalisierung kann man verdrängen, aber deswegen wird sie nicht verschwinden.

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