Opel Langsam gegen die Wand

Der Frust in Rüsselsheim kennt keine Grenzen - doch die Verantwortlichen für die Misere sitzen jenseits des Atlantiks, im fernen Detroit. So sind die Opel-Arbeiter gefangen - zwischen Wut und Resignation.

Rüsselsheim - Olaf Kleinbühl ringt mit den Worten. Wie soll er einem Ortsfremden erklären, was Opel für Rüsselsheim bedeutet? "Der Opel, da hängt unsere Seele dran", bricht es schließlich aus ihm heraus. Der 38-Jährige ist SPD-Chef in Rüsselsheim und kann es immer noch nicht fassen, was da gerade mit der Stadt passiert.

Vor drei Jahren erst war die neue Opel-Fabrik errichtet worden, ein silberner Wunderbau, den jeder Autofahrer von der B 43 bestaunen kann. Die modernste Autofabrik Europas wurde sie genannt. "Wie können sie drei Jahre später über die Schließung reden?", fragt Kleinbühl.

Die Schließung ist vom Tisch, doch es sollen 4000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Das sind doppelt so viele Mitarbeiter, wie der zweitgrößte Arbeitgeber Rüsselheims, Electronic Data Systems (EDS), insgesamt hat.

Vor dem Adam-Opel-Haus stehen Fernsehkameras. Drinnen hat die Geschäftsführung gerade die Sparpläne von General Motors (GM) für Europa bekannt gegeben. Rund 10.000 der 12.000 geplanten Stellenstreichungen fallen in Deutschland an. Details sickern später durch: Neben Bochum, wo ebenfalls rund 4000 Arbeitsplätze wegfallen sollen, ist Rüsselsheim, der Standort, der von dem europäischen Sparprogramm am stärksten betroffen ist.

Nicht die erste Krise

Doch während im Opel-Werk in Bochum bereits am Nachmittag die Arbeit niedergelegt wird, bleibt es im 60.000 Einwohner großen Rüsselsheim zunächst ruhig. Eine Schülerdemo war am Donnerstagvormittag auf den Marktplatz gezogen, mit weit weniger Teilnehmern als erwartet. Die Arbeiter, die aus den Werkstoren kommen, wirken auch am Freitag resigniert. Ärger und Wut finden keinen Adressaten, denn die Verantwortlichen sitzen in Detroit, jenseits des Atlantiks. "Das verpufft doch", sagt einer.

Es ist nicht die erste Krise, die der Opel-Stammsitz durchlebt. Der Höchststand der Beschäftigung war 1979 bei 40.000 erreicht. Seither hat sich die Rolle des Autoherstellers in Rüsselsheim immer weiter reduziert. "Früher, da gab es keine Frage, wo man zur Ausbildung hingeht", sagt Kleinbühl. Aber das sei schon seit den achtziger Jahren nicht mehr so.

Den Rhythmus bestimmen die Pendler

Der Rhythmus der Tage in Rüsselsheim wird zunehmend von den Pendlern nach und aus Frankfurt bestimmt, nicht mehr vom Schichtwechsel. Die backsteinernen Opel-Fabrikhallen aus dem 19. Jahrhundert, die mitten in der Innenstadt liegen, stehen großenteils leer.

GM überlegt, ein Oldtimer-Museum dort einzurichten. Die "Opel-Schenke" hat längst zugemacht. "Da ist jetzt ein Grieche drin", erklärt ein Kioskbesitzer.

Vieles in Rüsselheim zeugt noch von den fetten Jahren. Die Straßen sind extrabreit, das Rathaus ist ein Prachtbau. Der Große Sitzungssaal ist modern, mit viel Glas, hellem Holz und Metall. Die Stühle sind blau bezogen wie im Bundestag. Die Renovierung wurde mit einer der letzten Opel-Steuerzahlungen finanziert. Das war Anfang der Neunziger. Mittlerweile zahlt die Firma, die im fünften Jahr rote Zahlen schreibt, keine Gewerbesteuer mehr. Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt sind in den letzten 15 Jahren von 120 Millionen auf zwölf Millionen Euro eingebrochen.

Der Opelaner trägt keinen Blaumann mehr

Auch die Beschäftigtenstruktur bei Opel hat sich geändert. Der klassische Opelaner in Rüsselsheim trägt heute keinen Blaumann mehr. 5500 Fließbandarbeiter gibt es noch, aber allein 8500 sind Entwickler und Ingenieure. Die eigentliche Produktion verliert in Hochlohnländern an Bedeutung. Selbst im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum, die Europazentrale der Opel-Forscher, sollen Arbeitsplätze abgebaut werden.

Oberbürgermeister Stefan Gieltkowski spricht bereits von einem Leben nach Opel. In der Vergangenheit habe man den Arbeitsplatzabbau schließlich auch kompensieren können. So habe Opel seit 1975 Tausende Arbeitsplätze abgebaut. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs habe in dem gleichen Zeitraum jedoch nur um 600 abgenommen. "Die Lichter in Rüsselsheim werden nicht ausgehen", verspricht er. Die Lage am Frankfurter Flughafen eröffne viele Alternativen.

Doch auch Gieltkowski sagt, es sei die größte Krise Rüsselheims, seit er denken kann. Für viele Bürger fühlt sich der Abbau von 4000 weiteren Arbeitsplätzen an wie der Anfang vom Ende. "Man hat das Gefühl, langsam gegen eine Wand gefahren zu werden", sagt Kleinbühl. Besonders alarmiert sind die türkischen Arbeiter. "Sie glauben, dass sie als Erste gehen müssen", sagt Kazim Dogan, der für die türkische Zeitung "Milliyet" berichtet. Rund 2000 der insgesamt 18.000 Opelaner sind Türken.

"Verantwortungslose" Standortkritik von GM

Der Zorn richtet sich ausnahmslos gegen General Motors, den Mutterkonzern, der im fernen Detroit seine Finanzmargen pflegt. Gieltkowski hält die Standortkritik, die GM-Manager seit Wochen in den Medien äußern, für verantwortungslos.

Er sieht gravierende Konsequenzen für Rüsselheims Image als Wirtschaftsstandort. Vergangene Woche war er auf der Expo Real in München, um Rüsselheims Gewerbeflächen anzupreisen. "Am nächsten Tag sehe ich die Schlagzeile in der Zeitung: Standort Rüsselsheim vor Schließung", schimpft er. "Damit war mein ganzer Auftritt für die Katz."

Am schlimmsten sei jedoch die Unsicherheit, die das Spekulieren mit sich bringe. Zwar hatten das "Rüsselsheimer Echo" und andere Lokalzeitungen den Donnerstag zum "Tag der Entscheidung" ausgerufen, doch die Ungewissheit dauert auch danach an. Details sind weiter geheim, und das Vertrauen in die Absichten von GM ist gering. "Die Debatte lähmt die Opel-Mitarbeiter und die Stadt", klagt der Oberbürgermeister. "Die reden über nichts anderes."

Jetzt wird verhandelt

Noch sei gar nichts entschieden, betont der Opel-Betriebsrat, der sich einen Rest an Einfluss nicht nehmen lassen will. "Der GM-Vorschlag war erst der Startschuss. Jetzt wird verhandelt", sagt Udo Löwenbrück, Mitglied des Betriebsrats seit 1987. Bis Ende des Jahres soll eine Lösung gefunden sein.

Dass die wesentlich anders aussehen wird als der GM-Vorschlag, ist unwahrscheinlich. Was den Opelanern Mut macht, ist die Tatsache, dass sie dem global agierenden Management in der Vergangenheit einen koordinierten Protest entgegensetzen konnten: Als die Schließung des englischen Werks Luton drohte, wurde nicht nur in Luton gestreikt, sondern in ganz Europa - und Luton gerettet. Nächsten Dienstag soll für Bochum und Rüsselsheim eine erste Warnaktion an mehreren europäischen Standorten stattfinden. Mehrmals haben sich die Betriebsräte aller europäischen Werke zur Koordinierung getroffen, zuletzt am Donnerstag in Frankfurt.

Doch es könnte ein vergebliches Gefecht sein. Die Zeichen des Strukturwandels sind in Rüsselsheim bereits sichtbar: Die Route der Industriekultur, die am Main entlangführt, deutet sachte an, dass die Zukunft der "Old Industry" im Tourismus liegen könnte. Ein Antrag auf einen Wegweiser an der Autobahn, der Rüsselsheim als Denkmal des Industriezeitalters darstellen könnte, wurde am Donnerstag in der Stadtverordnetenversammlung debattiert.

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