Kritik an GM "Die haben den europäischen Markt nicht verstanden"

Bei Opel droht 10.000 Menschen der Jobverlust - doch die entscheidenden Fehler haben GM-Manager in Detroit begangen, meint Branchenexperte Willi Diez. Im Interview mit manager-magazin.de spricht er über verschlafene Diesel-Trends, ein miserables Marken-Konzept und darüber, wie sich Massenentlassungen vermeiden lassen.

mm.de:

10.000 Arbeitsplätze sind in den deutschen Opelwerken bedroht. Ist der Stellenabbau unumgänglich?

Diez: Ich glaube, da gibt es schon Alternativen. Dem Management von General Motors geht es nicht um 10.000 Arbeitsplätze, sondern darum, 500 Millionen Euro einzusparen. Wenn man Wege findet, dies auch auf andere Art und Weise zu erreichen, wird man den Beschäftigungsabbau zumindest mindern können - beispielsweise durch flexiblere Arbeitszeiten oder Streichung von übertariflichen freiwilligen Leistungen. Ich denke, dass die jetzt beginnenden Verhandlungen auch in diese Richtung gehen werden.

mm.de: Der Betriebsrat fordert den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und eine Standortsicherung. Was ist das erreichbare Maximalziel für die Arbeitnehmer bei Opel?

Diez: Jeder formuliert im Vorfeld von Verhandlungen Maximalpositionen. Man muss natürlich sagen, so brutal es sich anhört: Natürlich ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht das Beste, wenn man ein Werk komplett schließt. Das ist immer besser, als wenn die Kapazität nach und nach heruntergefahren wird, weil dann immer noch die Infrastrukturkosten bestehen.

mm.de: Halten Sie es für möglich, dass in Deutschland tatsächlich Werke geschlossen werden?

Diez: In Rüsselsheim steht das modernste Werk, das Opel hat. Dort müsste eine hohe Produktivität möglich sein bei einer vernünftigen Auslastung. Es wäre betriebswirtschaftlicher Irrsinn, erst schätzungsweise eine halbe Milliarde Euro in ein neues Werk zu investieren und es dann zu schließen.

Ich glaube nicht, dass tatsächlich ein Werk geschlossen wird. Solche Probleme, wie Opel sie hat, lassen sich nicht rein betriebswirtschaftlich beurteilen. Da geht es auch um regionalpolitische Fragen. Man wird versuchen, jetzt über den Verhandlungsweg die Beschäftigungsfolgen abzumildern, indem die Mitarbeiter möglicherweise Einbußen bei ihren Einkommen hinnehmen.

Die Fehlerliste der GM-Manager

mm.de: Wer trägt die Verantwortung für die Misere? Dem Management in Detroit werden schwere Fehler vorgeworfen.

Diez: Man muss die langfristige Entwicklung sehen. Opel ist ja nicht erst seit einem Jahr krank sondern seit Mitte der 90er Jahre. Die Fehler, die damals gemacht wurden, wurden ganz wesentlich bei General Motors gemacht und nicht bei Opel in Rüsselsheim.

Beispielsweise beim Thema Dieselmotoren: Die Rüsselsheimer haben einfach aus Detroit nicht die Budgets bekommen, um eigene Technologien zu entwickeln. Man hat in den USA nicht eingesehen, warum Pkw so etwas brauchen. Die Amerikaner haben den europäischen Markt nicht richtig verstanden. Als alle anderen schon direkt einspritzende Dieselmotoren hatten, hatte Opel noch die Technologie der 70er Jahre.

Zudem haben die Amerikaner auch den Fehler gemacht, ohne ein schlüssiges Konzept Marken wie Saab und Daewoo zusammenzukaufen. Eigentlich hat General Motors drei Marken, die sich hervorragend ergänzen. Anstatt Synergieeffekte zu nutzen und den Markt in Europa damit aufzurollen, lässt das Management alle drei nebeneinander her wursteln. Und erst jetzt kommt man auf die Idee, man könnte gemeinsame Projekte mit Saab und Opel entwickeln.

Detroit hat also auch in den letzten Jahren keine ruhmreiche Rolle gespielt in der Geschichte von Opel. Viele der Fehler, die jetzt zu der Situation geführt haben, muss man dem dortigen Management anlasten.

mm.de: Wurden auch in Rüsselsheim Fehler gemacht?

Diez: Opel hat in den vergangenen Jahren den Fehler begangen, dass sich das Unternehmen mit vielen ihrer großen Händler überworfen hat. Da gab es immer wieder Konflikte über Margen und Großabnehmergeschäfte. Man hat die gesamte Vertriebs- und Handelsorganisation nicht so gepflegt, wie man das hätte tun sollen. Opel hat einen Konfliktkurs gefahren, der dazu geführt hat, dass viele Händler zwischenzeitlich Toyota- und Honda-Modelle verkaufen. Und das ist natürlich nicht gut für die Marke.

Warnsignal für unsere Autobranche

mm.de: Welche Wirkung haben die Proteste der Opel-Arbeiter?

Diez: Die Leute, vor allem in Bochum, stehen jetzt mit dem Rücken zur Wand. Die werden ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen, und das wird General Motors Geld kosten. Es wäre von Seiten des Managements sicherlich sinnvoller gewesen, die Zahl der bedrohten Stellen nicht gleich öffentlich zu kommunizieren. Es ist ja auch vorher schon viel gepoltert worden.

Man hätte diese Dinge zunächst besser im kleinen Kreis besprochen und die Verhandlungen aufgenommen. Damit provoziert das Management diese völlig verständlichen Reaktionen. Ich glaube aber nicht, dass ein bundesweiter Streik droht. Jetzt beginnt die Verhandlungsphase, und vielleicht gelingt es dabei, den Stellenabbau zu minimieren.

Die Situation bei Opel ist auch ein Warnsignal für andere Vertreter der Branche: So sollten die Vertreter der Arbeitnehmer bei Volkswagen darüber nachdenken, ob sie auf der Höhe der Zeit sind, wenn sie vier Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern. Wenn das alles umgesetzt würde, was bei VW im Moment gefordert wird, hätten wir bei VW in ein paar Jahren die gleiche Situation wie bei Opel.

mm.de: Wo sehen Sie die Hauptprobleme bei Opel?

Diez: Die Kosten sind nach wie vor zu hoch. Einschnitte der Vergangenheit, etwa mit dem so genannten Olympiaprogramm, haben offensichtlich nicht ausgereicht. Ansonsten ist die Modellpalette erst gerade dabei, sich zu erneuern. Die Modelle Astra und Meriva laufen gut. Aber der Vectra ist nicht besonders attraktiv, daneben müssten der Corsa und der Zafira erneuert werden. Die Modellpolitik braucht eine weitere Modernisierung. Es sind aber positive Ansätze da. Ich befürchte nicht, dass bei Rüsselsheim irgendwann die Bücher zugemacht werden müssen.

mm.de: Inwiefern wird die Marke Opel durch die Sparpläne beschädigt?

Diez: Die Marke wird beschädigt durch die rüden Drohungen, die da von General Motors ausgesprochen werden. Gleichzeitig sieht man die Bilder von den verzweifelten Arbeitern in Bochum und Rüsselsheim. Das wirkt sich auf das Markenimage nicht positiv aus. Aber solche Dinge sind häufig schnell vergessen. Wenn die Produkte in Ordnung sind, dann kaufen die Leute auch wieder.

mm.de: Steckt die deutsche Automobilindustrie nun in einer handfesten Krise? Schließlich hat auch VW wirtschaftliche Probleme.

Diez: Die Premiumhersteller sind im Moment alle gut unterwegs. Porsche hat diese Woche bekannt gegeben, ihren Mitarbeitern 3000 Euro Erfolgsprämie zu bezahlen. Bei Mercedes läuft es momentan etwas schlechter, aber die Stuttgarter werden nächstes Jahr wieder Vollgas geben mit A-Klasse, M-Klasse und der neuen S-Klasse. Auch bei Audi läuft es gut, bei BMW sowieso. Probleme haben nur die Volumenhersteller. Von einem Niedergang kann man in der deutschen Automobilindustrie - besonders mit Blick auf die Premiumhersteller - nicht sprechen.

Opel-Historie: Die Blitz-Marke - von 1899 bis heute Saab vs. Opel: Warum die Schweden uns ausstechen


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