Montag, 14. Oktober 2019

Saab vs. Opel 6 : 3 für Schweden

Saab in Trollhättan oder Opel in Rüsselsheim beziehungsweise Bochum - eines der Werke könnte geschlossen werden, droht die Konzernmutter General Motors. Im Januar soll die Entscheidung fallen. manager-magazin.de listet auf, was die GM-Prüfer analysieren - und warum das Ergebnis gegen die Opel-Werke spricht.

Hamburg - Die Beschäftigten der verlustreichen Adam Opel AG müssen weiter um ihre Zukunft zittern. Schon vor Bekanntgabe des drastischen Sparprogramms durch den US-Mutterkonzern General Motors (GM) Börsen-Chart zeigen verdichteten sich die Anzeichen, dass Opel von den Kostensenkungen besonders hart getroffen werden könnte. 6000 bis 7000 der rund 33.000 Arbeitsplätze bei Opel in Deutschland sind nach nicht dementierten Schätzungen gefährdet.

 1. Die Personalkosten: Nur 56 Prozent der Löhne und Gehälter , die Opel in Rüsselsheim und Bochum zahlt, werden in Trollhättan ausgeschüttet. Die Lohnkosten machen bei Autoherstellern zwar nur rund ein Fünftel der Gesamtkosten aus - am Ende sind es aber etwa 6 Prozent, die GM pro Auto durch eine Produktion hoch im Norden spart. Fazit: 0 : 1 gegen Deutschland  2. Die Effizienz: Auch in Schweden ist die Rentabilität noch nicht so hoch wie an anderen Produktionsstandorten - neben Rüsselsheim und dem Opel-Werk in Bochum zählt es zu den Sorgenkindern von GM. Dazu tragen auch hohe Abwesenheitsquoten auf Grund von Krankheit bei. Das Saab-Management fordert nun Mehrarbeit ohne Lohnausgleich und eine drastische Senkung der Krankentage. Konzernchef Rick Wagoner hat in den vergangenen Tagen mehrfach die Wettbewerbsfähigkeit von Rüsselsheim kritisiert. Allein gemessen an den Fahrzeugen, die pro Stunde produziert werden, sei Rüsselsheim nicht so gut wie andere Standorte. Dazu kommt, dass die Energiekosten in Schweden - insbesondere Strom - deutlich günstiger sind als in Deutschland. Da in Schweden ein Großteil der Energie aus Wasserkraftwerken stammt, ist dieser Vorteil langfristig gesichert. Fazit: 0 : 2 gegen Deutschland  3. Das Markenimage: "Opel, der Zuverlässige" sei zum Allerweltsauto verkommen, kritisierte Helmut Becker, Leiter des Münchener IWK (Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation), gegenüber manager-magazin.de. Das gelte weniger für den aus seiner Sicht gelungenen Golf-Konkurrenten Astra, sondern vielmehr für das Mittelklassemodell Vectra, das in Rüsselsheim montiert wird. Die Marke Saab dagegen biete - obwohl von GM stiefmütterlich behandelt - immer noch viel Potenzial als Premiummarke, die man neu beleben könne. "Und ein Saab muss einfach 'Made in Sweden' sein." In Europa sei Saab die einzige Premiummarke des GM-Konzerns. Fazit: 0 : 3 gegen Deutschland
 4. Die Logistikkosten: Deutschland als europäisches Kernland kann für sich die niedrigeren Transportkosten verbuchen. Sowohl die Zulieferer wie auch die Händler sind von Rüsselsheim schneller und kostengünstiger zu erreichen als von Schweden aus. Dass auf der neuen Plattform für mehrere Mittelklassemodelle im GM-Konzern - Epsilon genannt - sehr wahrscheinlich mehr Vectras, die werksnah im Inland vertrieben werden, als Saabs entstehen, ist ein Pluspunkt für Rüsselsheim. Die schwedische Regierung hat den Malus erkannt und eine Autobahnanbindung für Trollhättan, das 75 Kilometer nordöstlich der Küstenstadt Göteborg liegt, in Aussicht gestellt. Derzeit ist das Werk nur über eine Landstraße zu erreichen. Fazit: 1 : 3 gegen Deutschland  5. Die Produktionsbedingungen: Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Opel ist größer und moderner. Vor drei Jahren wurden in das nahe Frankfurt gelegene Werk Rüsselsheim 750 Millionen Euro investiert. Nach einer Studie des Leverkusener Instituts B&D Forecast war das Werk im vergangenen Jahr allerdings nur zu 52 Prozent ausgelastet - könnte eine steigende Nachfrage also leicht verkraften. Schließlich wäre es technisch und räumlich bedingt teurer, die Produktionsanlagen in Schweden so umzurüsten, dass der Vectra dort produziert werden könnte, als wenn man die Saab 9-3-Produktion in Deutschland integrierte. Fazit: 2 : 3 gegen Deutschland  6. Die Lobby-Frage: Carl-Peter Forster war vor seinem Aufstieg zum Vizechef von GM Europa (unter anderem mit dem Aufgabengebiet "Personal") Opel-Chef in Deutschland . Er ist mit den Gegebenheiten und den wichtigen Angestellten in Deutschland jahrelang vertraut - viele Entwicklungen tragen seine Handschrift. Daraus folgt nicht automatisch, dass Forster seine Hand schützend über Rüsselsheim und Bochum hält, aber es wäre auch nicht abwegig. Fazit: 3 : 3 im Standortvergleich
 7. Die Loyalität zur Marke: Opel und Saab in der Krise. Bei welcher Marke werden mehr Käufer durch die Streichdiskussion verschreckt? Unter Saab-Käufern finden sich viele Individualisten, die sich für das Design, das Besondere der Marke entscheiden. Opel-Käufer zählen dagegen eher zu den Rationalisten - die ersten Kundenreaktionen belegen offenbar, dass die Marke mit dem Blitz wesentlich weniger stark geordert wird. Folge: Weniger Aufträge und damit weniger Effizienz in der Rüsselsheimer Vectra-Produktion. Saab leidet weniger unter diesen Krisenfolgen. Fazit: 3 : 4 gegen Deutschland  8. Die Sozialbeiträge: Die Lohnnebenkosten sind grundsätzlich ein gewichtiges Argument für Investoren, dem Standort D den Rücken zu kehren. Stephan Droxner, Autospezialist im Research der Landesbank Baden-Württemberg gegenüber manager-magazin.de: "Deutschland ist Weltspitze in Bezug auf die Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung von Angestellten. Diese im internationalen Vergleich exorbitant hohen Kosten abzuschmelzen, ist eine der wichtigsten Forderungen an die Politik." Weil dies - wenn überhaupt - nicht von heute auf morgen geschieht, sind die deutschen Opel-Standorte gegenüber Trollhättan im Nachteil. Fazit: 3 : 5 gegen Deutschland  9. Der Bush-Faktor: Offen sprechen Opel-Mitarbeiter davon, dass die GM-Sparkeule für Deutschland politisch motiviert sei. Der US-Konzern hatte Opel schon 1929 übernommen. Die Brüder Fritz und Wilhelm Opel verkauften an den damaligen GM-Chef Alfred P. Sloan für 33,4 Millionen Dollar, was etwa 160 Millionen Reichsmark entsprach. Der US-Konzern hatte damit die Hürde der Schutzzölle, die auf dem deutschen Markt galten, genommen. "Die Maschinenparks sind in hervorragendem Zustand, das Werk hoch flexibel und die Mitarbeiter sehr gut ausgebildet", so Sloan damals. Diese Einschätzung hat sich bis heute verändert. Die vor kurzem beschlossene Produktionsverlagerung von 100.000 Zafiras pro Jahr vom Werk Bochum in das polnische Gleiwitz wurde angeblich auch vorgenommen, weil Polen wegen seiner Haltung im Irak-Krieg von US-Präsident George W. Bush "belohnt" werden sollte. Tatsache ist, dass die polnische Regierung bei der Bestellung von 60 Kampfjets der Marke Lockheed-Martin vor sechs Jahren bereits die Schaffung von Arbeitsplätzen im Land verlangt hatte. Und die GM-Spitze unterstützt den Bush-Wahlkampf finanziell. Andrew H. Card, heute Stabschef des Weißen Hauses, war bis Ende 2000 Lobbyist in Diensten von General Motors. Die für Opel negative Verknüpfung dieser Fakten wird sich kaum belegen lassen - die Angestellten spielen die Karte in der Diskussion aber offen aus. Fazit: 3 : 6 gegen Deutschland

Deutschland oder Schweden -
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Während sich Opel mit Rabatten und Marketingaktionen im Preiskampf auf dem europäischen Markt über Wasser hält, hat GM die Eckpunkte des ersten Sparpakets am Donnerstag parallel zur Bekanntgabe der Quartalszahlen in Detroit veröffentlicht.

Das angestrebte Einsparvolumen soll bei etwa einer halben Milliarde Dollar liegen. Werksschließungen werden nach bisherigen GM-Angaben aber derzeit nicht verkündet. Ob und welchen Standort das Fallbeil trifft, wird demnach erst im Januar bekannt gegeben - bisher seien die umfangreichen Analysen der verschiedenen Werke noch nicht abgeschlossen.

Finanzspritzen verwehrt

Die für Deutschland schmerzhaftesten Schnitte wären die mögliche Schließung des 1902 errichteten Werks in Rüsselsheim (knapp 20.000 Beschäftigte) oder des in den 50er Jahren gebauten - und heute teilweise überalterten - Werks in Bochum. 10.000 Opel- und Opel-Powertrain-Mitarbeiter produzieren hier derzeit den Opel Astra, den Opel Zafira sowie Achsen, Motoren und Getriebe. Die Powertrain-Beschäftigten (etwa 3500) sind bei einer Joint-Venture-GmbH zwischen Fiat und GM angestellt.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat eine finanzielle Unterstützung der "Opelaner" bereits ausgeschlossen. "Wir werden nicht mit öffentlichem Geld winken. Das bringt nichts", sagte Wirtschaftsminister Harald Schartau (SPD) kürzlich in Düsseldorf.

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