Karstadt-Sanierung Eine Konsumwelt bricht zusammen

Pralinen und Uhren neben langen Unterhosen – weil der KarstadtQuelle-Konzern die Modernisierung verschlafen hat, stehen die biederen Verkaufshallen vor dem finanziellen Aus. manager-magazin.de hat sich in der Filiale Hamburg-Eppendorf umgesehen.

Hamburg - Die Sirene heult. Am Karstadt-Haupteingang in Hamburg-Eppendorf sitzt ein kleiner Junge auf einem Mini-Bulldozer, der mit lautem Getöse hin und her wippt. Die Fahrt kostet 50 Cent. Im Schaufenster daneben weisen knallorange Plastikkürbisse auf eine Halloween-Feier im Pariser Disneyland hin - zwei Tage Erlebnispark und eine Übernachtung ab 119 Euro. Ein bisschen Rummelplatz, ein bisschen Traum von der Ferne: Lange Zeit galt Karstadt  als Eintrittskarte in eine schillernde Konsumwelt. Nun droht diese Welt zusammenzubrechen.

"Seit 30 Jahren kaufe ich bei Karstadt ein", erzählt eine ältere Dame, die gerade vom Kaufhausfriseur kommt. Einige Umstrukturierungen habe sie in dieser Zeit bereits miterlebt. Aber dass viele Filialen nun durch Sanierungsmaßnahmen bedroht sind?

Während die Mitarbeiter nun mehr arbeiten und auf Lohn verzichten müssten, sprudelt es aus ihr heraus, habe der frühere KarstadtQuelle-Chef Wolfgang Urban angeblich 10 Millionen Euro Abfindung bekommen: "Das fliegt den Leuten hier wie die Faust ins Gesicht." Dass der Aufsichtsratschef von KarstadtQuelle, Thomas Middelhoff, relativierte, Urbans Abschiedsgeld hätte unter 2,5 Millionen Euro gelegen - keine Besänftigung für die Karstadt-Kundin.

Die Imageprobleme des bunten Warenhauses

Im Kaufhaus läuft noch alles wie bisher. Im Schnäppchenmarkt im Erdgeschoss werden lange Unterhosen für fünf Euro und Duschgels für 99 Cent angeboten. Ein paar Schritte weiter, schräg gegenüber des Pralinenregals, steht die Uhren- und Schmucktheke. Zur Enttäuschung eines Kunden gibt es dort aber kein Ersatz-Armband für seine Swatch-Uhr: "Da müssen Sie schon in die Innenstadt fahren", sagt die Verkäuferin.

Das mehrstöckige Warenhaus bietet von allem ein bisschen, wie ein großer Basar. Doch wo liegt das klare Profil des Karstadt-Modells? Für Niedrigpreise stehen Discounter wie Aldi oder vermeintliche Billiganbieter wie Saturn. Dabei kann Karstadt preislich bisweilen durchaus mithalten.

Die neue Canon-Digitalkamera Powershot A95 kostet hier 379 Euro, bei Saturn 399 Euro. Trotzdem: Wer Geiz geil findet, geht lieber zu Saturn. Ein Imageproblem. Und was den Bereich Service und Kundennähe anbelangt: Das Personal wurde in den vergangenen Jahren immer wieder ausgedünnt. Der Kunde muss nach Verkäufern suchen und bisweilen Schlange stehen, wenn er Beratung wünscht.

Karstadt wollte moderner werden. Bis zuletzt mühte sich der Konzern fieberhaft, von seinem altbackenen Wühltisch-Image wegzukommen. Noch Mitte September, als die prekäre finanzielle Lage von KarstadtQuelle längst bekannt war, eröffnete die Filiale Eppendorf eine moderne Esprit-Modeabteilung im ersten Stock. Dort läuft Chartmusik, an der Kasse steht eine junge Dame mit modischer Pony-Frisur und schulterfreiem Oberteil. Ein deutlicher Kontrast zur klassischen Karstadt-Verkäuferin, die ihre Haare gerne toupiert trägt und Kölnisch-Wasser-Duft versprüht.

Wie geht es weiter mit den Filialen?

Der zweite Stock hat sich die traditionelle Krämerladen-Atmosphäre bewahrt: Auf einem Tisch türmen sich bunte Wollknäuel, direkt daneben gibt es Varta-Taschenlampen. Wischmopps hängen neben dem Regal mit den Mehrfachsteckdosen. Ein Kunde sucht einen neuen Scherkopf für seinen Panasonic-Elektrorasierer. "Wir haben nur Grundig und Braun im Sortiment", sagt ihm ein Verkäufer, "fragen Sie doch mal beim Drogeriemarkt Budnikowsky".

Wer an diesem Morgen einkauft, hat Zeit: Vor allem Rentnerinnen und Mütter mit Kinderwägen schlendern an den langen Verkaufsregalen entlang. Doch etwas stört die träge Einkaufsruhe - das Gerücht von der Schließung der Filiale. Wenn sich Kunden an der Kasse erkundigen, bekommen sie alle möglichen Antworten. "Im Moment wird hier gar nichts geschlossen", sagt ein Mitarbeiter in der Elektronikabteilung barsch, "das ist nur die Presse, die so etwas schreibt".

Eine andere Verkäuferin blickt erschrocken auf. Soll die Karstadt-Filiale dicht gemacht werden? "Nein, nein, nein", sagt sie mit entschiedenem Kopfschütteln, "erst mal nicht." Rasch verschwindet sie hinter der Ladentheke. Im Café auf der zweiten Etage debattieren aufgeregte Mitarbeiterinnen, so dass man das Gespräch auch als Passant mitbekommt. "Du brauchst den Kunden nichts zu erzählen", sagt eine Frau zu ihrer Kollegin, "die sehen das ja alle im Fernsehen."

Im Karstadt-Sportgeschäft nebenan herrscht eher gelassene Ruhe - die Sporthäuser mit ihrem klaren Profil sollen im Konzern verbleiben. An den Garderoben hängen Jogginganzüge und Puma-Trendklamotten, doch auch hier ist an diesem Vormittag wenig los. Auf einem Regal liegt eine aufgeschlagene Zeitung: "Hoffnung und Wut in Hamburg", steht dort. Bundesweit 77 unrentable Filialen sollen für eine Dauer von drei Jahren in eine GmbH überführt und dann verkauft werden. Zumindest während dieser Zeit sei keine Schließung geplant, trösten sich die Mitarbeiter. Die Frau an der Kasse sagt: In keiner der betroffenen Filialen wisse man, wie es weitergeht.