Karstadt-Sanierung "Das sind schlimme Zeiten"

Bundesweit versammelten sich am Mittwochvormittag Mitarbeiter in Karstadt-Filialen zu Krisensitzungen. Weil viele um ihre Arbeitsplätze fürchten, herrschte gereizte Stimmung. manager-magazin.de war vor Ort.

Hamburg - Mit Tabletts in der Hand laufen Karstadt-Mitarbeiter am Buffet entlang, nehmen sich Brötchen und Kaffee. Dennoch herrscht an diesem Morgen in der Kantine der Filiale Mönckebergstraße alles andere als Frühstücksatmosphäre. Sie habe von der geplanten Sanierung des angeschlagenen KarstadtQuelle-Konzerns  "aus dem Fernsehen erfahren", erklärt eine Mitarbeiterin, "das sind schlimme Zeiten".

"Ich kann es nicht mehr hören", sagt eine Kollegin, "jeder spricht mich darauf an, auch die Kunden". Um kurz vor halb zehn sind bereits kaum noch Stühle frei, zahlreiche Mitarbeiter stehen am Rand und warten darauf, was ihnen der Geschäftsführer vom Rednerpult aus zu sagen hat. Es geht um "Entscheidungen des Vorstands und des Aufsichtsrats über die Neuausrichtung der Karstadt Warenhaus AG", ist auf einer Großleinwand zu lesen. Soll heißen: Die Mitarbeiter werden über die radikalsten Einschnitte der Konzerngeschichte informiert.

Dabei seien bereits jetzt schon Sparmaßnahmen erfolgt, beklagen einzelne Mitarbeiter: "Wir werden immer weniger Leute, doch die Aufgaben bleiben". Dass ihr Ärger an die Öffentlichkeit gerät, ist nicht im Interesse des Arbeitgebers. Die Betriebsversammlung soll streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden - wer als Pressevertreter in der Kantine erwischt wird, muss sich kurzerhand durch den Hinterausgang bugsieren lassen.

Verdi kündigt Widerstand an

Bundesweit haben die Gewerkschaft Verdi und Betriebsräte etwa 100.000 Karstadt-Mitarbeiter eingeladen, am Mittwochvormittag an den Betriebsversammlungen teilzunehmen. Nach Verdi-Angaben blieben am Vormittag die 181 Warenhäuser des KarstadtQuelle-Konzerns vorübergehend geschlossen. Gegen 11.30 Uhr erklärte ein Karstadt-Sprecher gegenüber manager-magazin.de, dass "das Gros der Filialen bundesweit" die kurzfristigen Schließungen bereits wieder aufgehoben habe. Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass es an einem Standort zum Vollstreik kommen könne.

Mindestens 77 Warenhäuser sollen möglichst rasch verkauft oder in eine Auffanggesellschaft überführt werden. So lauten die Sanierungspläne des Vorstandschefs Christoph Achenbach und des Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Middelhoff, die sie gestern offiziell verkündet haben. Zum Verkauf stehen außerdem die Textilketten SinnLeffers und Wehmeyer sowie die Logistikbetriebe und die Karstadt-Fitness-Center.

Verdi kündigte Widerstand gegen die Pläne an. "Wir fordern, dass die 77 kleinen Häuser unter dem Dach von Karstadt bleiben und dort eine wirkliche Chance bekommen, sich nach vorne zu entwickeln", forderte Verdi-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold im Interview mit SPIEGEL Online, "gleichzeitig soll in den 89 anderen Häusern nicht weiter im Verkauf Personal abgebaut werden."

Auch Verdi-Handelsexperte und KarstadtQuelle-Aufsichtsrat Rüdiger Wolff übte Kritik. Der Sanierungsplan gehe "fast ausschließlich zu Lasten der Arbeitnehmer, die für Fehler des Managements bezahlen" müssten, sagte Wolff gegenüber den Nachrichtenagenturen DDP und VWD. Am kommenden Montag wollen der Gesamtbetriebsrat und die Karstadt-Tarifkommissionsmitglieder über das weitere Vorgehen beraten. Zumindest bis dahin seien keine Protestaktionen geplant, sagte eine Verdi-Sprecherin.

Clement: "Keine abrupten Entscheidungen"

Auch die Politik hat sich inzwischen zu Wort gemeldet: Die Bundesregierung erwartet laut Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) keine übereilten Schließungen von Karstadt-Filialen. "Ich gehe davon aus, dass dort nicht abrupt Entscheidungen fallen zu Lasten von Standorten und vor allen Dingen zu Lasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern", äußerte sich Clement gegenüber Reuters-TV. Die Bundesregierung habe Kontakt zur Konzernführung und stehe "mit den Instrumenten, die wir haben, zur Verfügung".

SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter sprach sich jedoch gegen Staatshilfen für KarstadtQuelle aus: "Ich sehe nicht, weshalb der Steuerzahler, die Allgemeinheit, jetzt für diese Managementfehler eintreten soll." Die vielen Arbeitsplätze, die hier gefährdet seien, "haben die Manager auf dem Gewissen", sagte Benneter gegenüber dem Sender NTV.