KarstadtQuelle Radikalkur - Verdi läuft Sturm

Der Warenhauskonzern wird sich von fast der Hälfte seiner Warenhäuser trennen. Kleinere Häuser sowie Fachketten wie Sinn-Leffers und Wehmeyer sollen verkauft werden. Konzernchef Christoph Achenbach warb für den Sanierungskurs: Die Gewerkschaften kündigten Proteste an.

Essen - Im laufenden Jahr rechnet der Konzern wegen des Umbaus mit einem Vorsteuerverlust von bis zu 1,34 Milliarden Euro. Die Anleger könnten für 2004 und 2005 daher nicht mit einer Dividende rechnen, teilte der Konzern am Dienstag in Essen mit. Bereits im kommenden Jahr soll der Sanierungskurs aber positive Ergebnisse bringen.

KarstadtQuelle wolle sich möglichst schnell von 77 kleineren seiner insgesamt 180 Warenhäuser trennen oder sie zunächst in einer eigenen Gesellschaft fortführen, kündigte Konzernchef Christoph Achenbach an. 89 Warenhäuser würden auch in Zukunft zum Kerngeschäft zählen.

Die Fachketten wie die Bekleidungshäuser Sinn-Leffers und Wehmeyer, die Sportgeschäfte Runners Point und Golf House sollen verkauft werden. Auch die Beteiligung an der US-Kaffeehauskette Starbucks in Deutschland will der Konzern abstoßen. Durch die Sanierung will der Konzern im Warenhausbereich bis 2006 Kosten in Höhe von 210 Millionen Euro einsparen.

Versandhandel neu ordnen, Immobilien an die Börse

Im Versandhandel will KarstadtQuelle seine Hauptmarken Quelle und Neckermann neu positionieren und den Spezialversand ausbauen. Hier erwartet das Unternehmen bis 2006 150 Millionen Euro Einsparungen. Die mit der Lufthansa gehaltene Touristikbeteiligung Thomas Cook - der Reiseanbieter hatte zuletzt erhebliche Verluste geschrieben - bleibe hingegen im Kerngeschäft, hieß es.

Bei seinen Immobilien erwäge KarstadtQuelle die Auslagerung in ein börsennotiertes Unternehmen, hieß es.

"Historischer Solidarpakt" soll Zukunft sichern

Ein "historischer Solidarpakt" zwischen Management, Belegschaft, Anteilseignern und Banken soll nach Angaben von Achenbach die Zukunft des Konzerns sichern.

Angaben zur Höhe des bevorstehenden Personalabbaus machte der erst wenige Monate amtierende Konzernchef zunächst nicht. Reuters hatte aus Unternehmenskreisen erfahren, dass rund 8500 Vollzeitstellen zur Disposition stehen dürften. Nach Angaben Achenbachs umfasst das Sanierungskonzept auch einen Gehaltsverzicht des Managements, teilweisen Urlaubsverzicht und den Abbau von Sozialleistungen.

Analysten bewerteten das Sanierungskonzept grundsätzlich positiv, äußerten aber auch Zweifel an einer raschen Realisierbarkeit. Wichtig sei jedoch, dass die Großaktionäre - darunter die Münchener Allianz - die Restrukturierung und die Kapitalerhöhung mittrügen.

Achenbach - "Schmerzhafte Schritte"

8500 Jobs bedroht

KarstadtQuelle hat die Konsumflaute in den vergangenen Jahren ungleich deutlicher zu spüren bekommen als Konkurrenten wie die deutlich größere Metro-Gruppe, die nach Angaben aus Branchenkreisen nicht als Interessent für die zum Verkauf stehenden Geschäfte der Essener in Frage kommt.

Während die Düsseldorfer Metro besonders im Ausland kräftig Kasse macht und von ihrem florierenden Großhandel profitiert, ist KarstadtQuelle stark vom Geschäft im Inland abhängig.

Die im Nebenwerteindex MDax  notierten Aktien von KarstadtQuelle , die am Vortag zeitweise 9 Prozent an Wert verloren hatten, drehten nach Vorstellung des Sanierungskonzeptes ins Plus.

Achenbach: "Schmerzhafte Schritte"

Die schwache Kundennachfrage in Deutschland sei ein Faktor, aber nicht der einzige und entscheidende Grund für die Probleme bei KarstadtQuelle  gewesen, sagte Achenbach. Weitere Gründe seien die mangelnde Fokussierung und Schwächen im Beteiligungsportfolio. Dies werde sich ändern, betonte Achenbach. Der Konzern stehe vor "schmerzhaften Schritten".

Der Konzern werde sich von Randaktivitäten und Verlustbringern trennen, sagte Achenbach. Da man keine allzu große Hoffnung auf eine rasche Erholung der Binnenkonjunktur hege, habe man sich zu weiteren Schritten entschlossen.

Karstadt werde sich im stationären Einzelhandel stark fokussieren und sich deshalb von Randbereichen trennen. Sportfachgeschäfte wie Runners Point oder Golf House seien profitabel, aber zu klein, um im Konzern zu verbleiben. Häuser wie Wehmeyer würden derzeit nicht die Kapitalkosten erwirtschaften.

Für das Kernportfolio von 89 Warenhäusern, die eine große Verkaufsfläche haben und überwiegend in größeren Städten stehen, strebe man deutliche Umsatz- und Ergebnissteigerungen an. Für das "Mittelstadtportfolio" mit rund 77 Filialen werde man eine neue Struktur finden.

Allianz will Kapitalerhöhung mittragen

Der Versicherungskonzern Allianz ist unterdessen zur Teilnahme an der Kapitalerhöhung des angeschlagenen Handelskonzerns KarstadtQuelle bereit und hat sein Vertrauen in das neue Karstadt-Management bekundet. "Wir sind grundsätzlich bereit, an der Kapitalerhöhung entsprechend unserem Anteil teilzunehmen", sagte ein Allianz-Sprecher am Dienstag auf Anfrage in München.

Die Umstrukturierung des Handelskonzerns sei nötig, damit KarstadtQuelle wieder auf einen Wachstums- und Rentabilitätspfad zurückkehre. Die Allianz-Gruppe ist mit einem Anteil von rund 10,5 Prozent Großaktionär bei KarstadtQuelle.

Heftiger Protest von Verdi

Heftiger Protest von Verdi

Die Dienstleistergewerkschaft Verdi protestierte gegen das Sparpaket. Rund 20.000 der rund 100.000 Arbeitsplätze bei KarstadtQuelle sind nach Angaben der Gewerkschaft von den bevorstehenden Sanierungsplänen betroffen.

In einer gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat des Konzerns in Berlin veröffentlichten Erklärung schrieb Verdi am Dienstag, das Konzept für die Warenhäuser sei gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtrat durchgesetzt worden.

Die Maßnahmen seien "nicht nur für die Arbeitnehmervertreter ein unzumutbarer Einschnitt. Arbeitsplätze und Einkommen würden "nachhaltig gefährdet". Wer eine "Sanierung mit dem Zollstock" wolle, "zeigt, dass er das Geschäft nicht versteht", erklärte die Gewerkschaft unter Anspielung auf die Ankündigung des Aufsichtsrats, sich von Kaufhäusern mit weniger als 8000 Quadratmeter Fläche zu trennen.

Die Maßnahmen für die Versandsparte hätten die Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten Quelle und Neckermann mitgetragen, erklärten Verdi und der Gesamtbetriebsrat. Auch den beabsichtigten "Verkauf von Sinn-Leffers, Wehmeyer et cetera" trügen die Arbeitnehmer mit, "sofern dort, wie geplant, Arbeitsplätze und Tarifbindung gesichert werden".

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