Autobranche Deutschland Piëchs Altlasten

Ohne Zweifel haben VW und die Stadt Wolfsburg Ferdinand Piëch viel zu verdanken. Dennoch müssen sich beide schnell vom einstigen Technokraten emanzipieren. Zur Not auch unter Schmerzen. Der zweite Teil der mm.de-Serie.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Die Konkurrenz aus Stuttgart überflügelt, die Rivalen aus München distanziert und die Wettbewerber aus Bochum und Kaiserslautern weit hinter sich gelassen. In Wolfsburg herrscht Ende September allerbeste Stimmung. Damit keine Missverständnisse entstehen, die Rede ist von der VfL Wolfsburg Fußball GmbH, den Bundesligakickern, denen derzeit die mit "GTI" dekorierte Brust schwillt. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Tabellenführer in der Bundesliga zu sein, macht selbstbewusst.

Beim Sponsor Volkswagen  sind Siegesgesten hingegen zurzeit eher Mangelware. Ganz im Gegenteil häufen sich in den vergangenen Monaten die Negativschlagzeilen - Absatzkrise, Währungsverluste und Abu Dhabi lassen grüßen. Da klingt es schon fast zynisch, wenn die GTI-Variante des Golf V jüngst ausgerechnet mit dem Slogan "Revival of the fittest" präsentiert wurde.

Denn unter den gut 103.000 tariflich bezahlten Mitarbeitern in den deutschen Standorten der Kernmarke VW geht die Angst um, den Kampf ums berufliche Überleben zu verlieren. Wenn die Gewerkschaften sich nicht auf die Forderungen des Unternehmens einlassen, seien 30.000 Arbeitsplätze hier zu Lande in Gefahr, hatte Volkswagen-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch die Stimmung vor dem Beginn der laufenden Tarifrunde noch angeheizt. Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder setzt dennoch auf eine friedliche Lösung. "Ich glaube nicht, dass irgendjemand einen Streik will", sagte er Anfang der Woche der französischen Zeitung "Les Echos". Dennoch schließt er einen Arbeitskampf nicht aus.

Erfolgsgeschichte "5000 mal 5000"

Insgesamt beschäftigt der Volkswagen-Konzern in Deutschland knapp 173.000 Mitarbeiter, davon gut 58.000 bei Audi in Ingolstadt und Neckarsulm. Die aktuellen Gehaltsverhandlungen betreffen die VW-Werke in Wolfsburg (50.200 Beschäftigte), Hannover (15.000), Braunschweig (6600), Kassel (15.300), Emden (9500) und Salzgitter (7200). Darüber hinaus beschäftigen die Volkswagen Sachsen GmbH in Chemnitz und Mosel rund 7100, die Gläserne Manufaktur in Dresden (Phaeton, demnächst eventuell Bentley) 450 und die Auto 5000 GmbH in Wolfsburg circa 3200 Mitarbeiter.

Golf V: Mit Klimaanlage den Verkauf angheizt

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Touran: Der Minivan kam spät, aber dann gewaltig

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Phaeton: Technik top, Image mau

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Volks-Wagen?
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Gerade das von Personalvorstand Peter Hartz erfundene Modell "5000 mal 5000" zeigt, dass auch in Deutschland wettbewerbsfähige Autos gebaut werden können. Der Touran gehört zu den am häufigsten verkauften Autos in Deutschland, bei den Minivans ist er Marktführer. Und dass, obwohl Volkswagen nun nicht gerade als Vorreiter in diesem Segment bezeichnet werden kann.

Bluten für die Luxusboliden

Bluten für die Luxusboliden

Der Erfolgsgeschichte der Familienlimousine stehen auf der anderen Seite zahlreiche Fehlschläge gegenüber. Vor allem die Investitionen in Luxusboliden (Phaeton, Bentley, Bugatti) verschlingen Milliarden. Die Belegschaft müsse für diese Fehlentscheidungen jetzt "bluten", sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, Bernd Osterloh, am Samstag den "Wolfsburger Nachrichten". So setzte VW in 2003 zum Beispiel nur rund 6000 Phaetons ab, im August dieses Jahres wurden zuletzt sogar nur 214 Edel-VWs zugelassen. Zum Vergleich: Der Audi A8 fand im gleichen Zeitraum 473 neue Fahrer. Damit schloss der Konzernbruder fast zu 7er BMW (586) und Mercedes S-Klasse (561) auf.

Branchenexperten sind sich aber einig, dass die Belastungen durch die glamourösen Wertvernichter zum größten Teil nicht dem aktuellen Volkswagen-Lenker Pischetsrieder, sondern seinem Vorgänger und jetzigem Oberaufseher Ferdinand Piëch zuzuschreiben sind. "Ich sehe in Piëch einen Hauptverantwortlichen für die aktuellen Probleme", sagt Jürgen Pieper, Autoanalyst beim Bankhaus Metzler.

Mit dieser Majestätsbeleidigung steht Pieper nicht allein. "Die Strategie von Piëch, VW gegen Mercedes und BMW zu positionieren, war falsch und hat viel Geld gekostet", fällte auch Ferdinand Dudenhöfer in der "Berliner Zeitung" ein eindeutiges Urteil. Doch damit nicht genug. "Volkswagen wird in diesem Jahr viel Mühe haben, mit der Marke VW an den roten Zahlen vorbeizukommen", so die Prognose des Leiters des Center auf Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Nicht das Totenglöckchen läuten

Immerhin scheint Nachfolger Pischetsrieder aus den Fehlern gelernt zu haben. "Die Distanzierung zum Luxussegment ist eine gesunde Reorientierung", sieht Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight auch Hoffnungszeichen bei den Wolfsburgern. "Nachdem der Golf die Konsumenten überforderte, könnte der Passat wieder ein Erfolg werden und den Fehler wettmachen", hält Stürmer den Turnaround schon bald für möglich.

Keinen Grund fürs Läuten des Totenglöckchens gibt es aus Sicht von HypoVereinsbank-Analyst Albrecht Denninghoff auch in Sachen Abu Dhabi. "Das Emirat kann immer noch als Großaktionär einsteigen", so Denninghoffs Einschätzung. Auch seien die gemeinsamen Projekte nicht in Gefahr. "Es geht um Strategien und nicht um Animositäten", so seine Einschätzung. Außerdem könne Volkswagen den Einstieg beim Flottenmanager LeasePlan ohne Probleme selbst finanzieren.

Rückkehr des Volks-Wagens

Rückkehr des Volks-Wagens

Zu diesen verhalten optimistischen Tönen passt auch die im Vorfeld des Pariser Autosalons von Finanzchef Pötsch gemachte Aussage, an der aktuellen Gewinnprognose von 1,9 Milliarden Euro für 2004 festzuhalten. "Es gibt keine neue Einschätzung", sagte Pötsch. Nur zur Erinnerung: Erst Mitte des Jahres hatte Volkswagen die vorherige Zielgröße von 2,5 Milliarden Euro in diesem Jahr für nicht mehr erreichbar erklärt.

Trotz dieser Entwarnung und einem deutlichem Strategieumschwung sind neue Arbeitsplätze in deutschen Werken nicht zu erwarten. Zumal laut VW-Chef Pischetsrieder die "Wachstumsmärkte in Asien liegen". Ob der geplante Kompaktgeländewagen auf Golf-Plattform zum Beispiel in Deutschland gefertigt wird, hängt laut Konzernführung vom Ausgang der Tarifverhandlungen ab.

Zusätzlich wies Volkswagen Gerüchte zurück, der in Brasilien gefertigte Fox könne demnächst auch als Einsteigerauto (Neupreis unter 10.000 Euro) in Deutschland montiert werden. Die Entscheidung, den Fox demnächst aber auf jeden Fall auch hier zu Lande anzubieten, findet die Zustimmung der Experten. "Die Wolfsburger brauchen wieder einen echten Volks-Wagen. Das kann vom Preis her nicht der Golf sein", sagt Wolfgang Meinig, Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft.

Die Abkehr vom Ausbau der Marke VW in Richtung Premiumsegment dürfte vor allem Martin Winterkorn freuen. Der Chef der ertragsstarken Volkswagen-Tochter Audi, die für 2004 einen Absatzrekord anpeilt, ist künftig mehr denn je dafür zuständig, der süddeutschen Konkurrenz aus München und Stuttgart Paroli zu bieten. So gesehen passt der Höhenflug der Konzernkicker aus der Südheide zumindest doch ein bisschen zum Sponsor und Namensgeber der heimischen Spielstätte Volkswagen-Arena.


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