Biografie Der Bankier

Die jüngst erschienene Hermann-Josef-Abs-Biografie des Historikers Lothar Gall sorgt nicht nur in Banken- und Wirtschaftskreisen für Aufsehen. War der langjährige Primus der Deutschen Bank doch auch ein Synonym für den Einfluss des Kapitals auf die Politik. manager-magazin.de präsentiert Auszüge.

Einleitung

"Die Wirtschaft ist das Schicksal" hat Walther Rathenau, der spätere Außenminister der Weimarer Republik, in Abwandlung des Diktums von Napoleon I., die Politik sei das Schicksal, einmal gesagt. Angesichts der außerordentlichen Abhängigkeit der Politik, der Gesellschaft und der Kultur von der wirtschaftlichen Entwicklung, ihren Auf- und Abschwüngen, ihren Konjunkturen, ihren Einbrüchen und Abläufen gerade in der modernen Industriegesellschaft spricht vieles für diese Einschätzung.

Die Abhängigkeit des modernen Lebens in allen seinen Erscheinungsformen vom materiellen Unterbau, von seiner Struktur und seiner wechselnden Tragfähigkeit ist im Prinzip auch jedermann bewusst. Wie freilich das wirtschaftliche Leben im einzelnen sich gestaltet, welche Antriebe und Kräfte hier auf welche Weise zusammenwirken und wie das Ganze funktioniert oder eben auch bisweilen in Teilbereichen oder insgesamt nicht funktioniert, das bleibt im allgemeinen außerhalb des Kreises der Fachleute ein Buch mit sieben Siegeln. Ja, mehr noch, es entzieht sich weitgehend dem Interesse, ist im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent.

Und auch Männer der Wirtschaft und der Finanzwelt, Unternehmer also und Bankiers, spielen in den Vorstellungen einer breiteren Öffentlichkeit, im Unterschied zu Politikern und führenden Repräsentanten des Geistes- und Kulturlebens, als Personen kaum eine Rolle, sind selbst dem Namen nach oft kaum bekannt. Nur ganz wenige machen hiervon eine Ausnahme, gewinnen in der Öffentlichkeit ein Profil und ein Gesicht, können es im Bekanntheitsgrad mit führenden Politikern, Künstlern, Sportgrößen oder Vertretern des so genannten Showgeschäfts aufnehmen. Anders als bei diesen bleibt aber auch bei jenen das Feld ihrer praktischen Tätigkeit, das, dem sie im Grunde ihre Stellung und ihren Einfluss und damit zugleich ihr Renommee verdanken, weitgehend im Dunkeln.

Eine graue Eminenz im Geflecht der Beziehungen

Das gilt auch für Hermann Josef Abs. Als er 1994 im hohen Alter von 92 Jahren starb, stand er immer noch im vollen Licht der Öffentlichkeit, wurde bis zuletzt als einer der mächtigsten und bekanntesten Vertreter der deutschen Wirtschaft eingeschätzt, als eine graue Eminenz im Geflecht der Beziehungen zwischen Staat, Wirtschaft und Politik. Noch ein Jahr vor seinem Tod wurde er, nach einer Studie der Universität Bonn, in der amerikanischen Zeitschrift "Forbes" "als mit Abstand mächtigster Mann in Deutschland" bezeichnet.

Aber worin diese Macht im einzelnen bestand, auf was sie sich stützte und wie sie ausgeübt wurde, entzog sich - wie der Bereich der Wirtschaft im allgemeinen und der modernen Finanzwelt und des Bankwesens im besonderen - nicht nur dem allgemeinen Verständnis, sondern auch weitgehend dem Interesse der Öffentlichkeit. Anders als bei vergleichbar prominenten Vertretern aus den Bereichen der Politik, der Kunst oder des Sports vermochte außerhalb des engeren Kreises seines praktischen Wirkens kaum jemand recht anzugeben, auf welchem Fundament, auf welchen Tätigkeiten und Leistungen seine unbestreitbare Prominenz und sein Einfluss beruhten.

Ein Meister des förmlichen Auftritts

Ein Meister des förmlichen Auftritts

Das heißt natürlich nicht, dass man all dies irgendwie in Frage stellte. Es entzog sich nur weitgehend dem allgemeinen Verständnis und Bewusstsein. So war die breitere Öffentlichkeit auch mehr als in anderen Fällen geneigt, die prominente Stellung von Abs in der Wahrnehmung der Zeitgenossen vor allem seiner Persönlichkeit zuzuschreiben, seiner früh ausgebildeten Fähigkeit, sich öffentlich wirkungsvoll zu präsentieren und seine Auftritte förmlich zu inszenieren. Diese Neigung wurde noch dadurch verstärkt, dass er in der Öffentlichkeit auch dann noch an stets herausragender Stelle präsent blieb, als die Fülle der Ämter, die er neben seiner Stellung als Vorstandssprecher des größten deutschen Finanzunternehmens, der Deutschen Bank, in den verschiedensten Aufsichtsräten und Leitungsgremien bekleidet hatte, zunehmend wegfiel.

Eine solche Erklärung aber bleibt nicht nur ganz an der Oberfläche. Sie droht auch den Zugang zu dem zu verstellen, was Person und Biografie dieses Mannes interessant macht: ihre enge, oft paradigmatische Verbindung mit übergreifenden Tendenzen und Entwicklungen der Zeit, des so dramatischen, von tiefen Gegensätzen und Widersprüchen durchzogenen und bestimmten 20. Jahrhunderts, das sein langes Leben von 1901 bis 1994 fast ganz umspannte.

An seinem persönlichen Lebensweg, an seinem Aufstieg, an seinen Erfolgen, aber auch und nicht zuletzt an seinen gelegentlichen Niederlagen werden zugleich Grundfragen, Grundtendenzen und Grundprobleme der Epoche sichtbar, die er in seiner Person und seinem Handeln bisweilen geradezu verkörperte. Er erschien und erscheint mit Blick zumal auf das Verhältnis von Wirtschaft und Politik als ein charakteristischer Repräsentant der jeweiligen Epoche und bestimmter Entwicklungen und Strukturen, die in ihr, jedenfalls zeitweise, vorherrschten, als eine Symbolfigur, je nach dem Standpunkt des Betrachters, im positiven oder im negativen Sinne. Hiervon und damit auch von den Fragen und Interessenschwerpunkten, die diese Biografie in einem übergreifenden Sinne leiten, soll zunächst die Rede sein.

Karriere auch nach 1933 unbehindert fortgesetzt

Als exemplarische Figur erscheint, zumindest im nachhinein, schon der junge Prokurist und spätere Geschäftsinhaber der Berliner Privatbank Delbrück Schickler & Co. in der Endphase der Weimarer Republik und den ersten Jahren des "Dritten Reiches". Er kann als ein Paradebeispiel gelten für die wirtschaftspolitischen Grundvorstellungen und das praktische Verhalten vieler Vertreter der Hochfinanz in jener entscheidenden Phase zwischen Weltwirtschaftskrise, politischer Auflösung der Weimarer Republik und der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten.

In den politischen Verhältnissen von Weimar, vor allem aber in deren wirtschaftlicher Ordnung fest verankert, die im wesentlichen aus der Zeit des Kaiserreichs übernommen worden war, hatte Abs wie viele Vertreter der Wirtschaft den Schritt in das "Dritte Reich" ohne weiteres mit vollzogen und unter den neuen Bedingungen seine bisherige Linie weiter verfolgt. Als bereits anerkannter Fachmann auf dem Gebiet des Finanzwesens und der Wirtschaft im allgemeinen hatte er seine Karriere in dem zunächst auch nach 1933 scheinbar kaum veränderten wirtschaftlichen System unbehindert fortsetzen können, anders als seine in diesem Bereich besonders zahlreichen jüdischen Berufskollegen.

Damals wie später nie Mitglied der Partei und innerlich als gläubiger Katholik in deutlicher Distanz zum Regime und seiner Ideologie war er doch, an seinem Platz, in die neue Ordnung der Verhältnisse eingebunden und hat ihr, wie so viele, zumindest indirekt gedient. Und als er dann Ende 1937, mit eben 36 Jahren, in den Vorstand der Deutschen Bank berufen wurde, da verstärkte sich, durchaus charakteristisch für viele Vertreter seines Berufsstandes, dieses Verhältnis von Nähe und Distanz, das zugleich den einzelnen darüber hinwegzutäuschen vermochte, wie eng er in Wirklichkeit bereits mit dem System verbunden war und ihm praktisch zuarbeitete.

Nähe zur Macht

Nähe zur Macht

Die 1870 gegründete Deutsche Bank hatte sich spätestens seit der Jahrhundertwende zu einem der zentralen Bankhäuser des Deutschen Reiches entwickelt, in dem sich Entscheidungen über Investitionen, Strategien und Kartellbildungen der mächtig aufstrebenden Industriewirtschaft ebenso bündelten wie Beschlüsse über das Ausmaß und die Richtung der Expansion der deutschen Wirtschaft auf dem entstehenden Weltmarkt.

Gemeinsam mit den fast zeitgleich entstandenen anderen Großbanken, der Dresdner Bank und der Commerzbank, und mit der älteren Disconto-Gesellschaft und der Berliner Handels-Gesellschaft bildete sie mehr und mehr eine der Schaltstellen des wirtschaftlichen und finanziellen Lebens des neu gegründeten Reiches, die ihren Einfluss auch auf dem außenwirtschaftlichen Feld im Zeichen der Bildung eines internationalen Finanzmarktes immer weiter ausgedehnt hatte. Ungeachtet der ideologisch begründeten Vorbehalte und Angriffe der Nationalsozialisten gegen die Banken, vor allem gegen die Großbanken, bedienten sie sich in der Praxis dann gleichfalls ihrer Macht und ihres Einflusses und machten sie auf die Dauer zu einem Instrument ihrer europäischen Expansionspolitik.

In der Sache leistete die Deutsche Bank wie die übrigen Großbanken gegen diese Einbeziehung in das System des "Dritten Reiches" nur geringen Widerstand. Im Gegenteil: Mit dem Beginn von Hitlers Eroberungen, zunächst, wie im Falle Österreichs und des Sudetenlandes, mit vergleichsweise "friedlichen", dann mit kriegerischen Mitteln, wuchs die Nähe der Bank zum Regime, da diese Eroberungen in vieler Hinsicht auf der Linie der Interessen der Deutschen Bank lagen. Am Ende stand in vielen Bereichen eine zwar nicht intentionale, aber faktische Zusammenarbeit mit dem NS-System.

Kontinuität des Führungspersonals

Das galt auch für Hermann Josef Abs, der zu Beginn der außenpolitisch expansiven Phase des Regimes als für das Auslandsgeschäft zuständiges Mitglied in den Vorstand der Deutschen Bank eintrat. Zwar hat er sich wie die meisten seiner Vorstandskollegen von den offen aggressiven macht- und eroberungspolitischen Zielen, der Ideologie und vor allem auch von den Untaten des Nationalsozialismus intern distanziert. Aber in der Praxis hat er diesen Zielen doch in mancherlei Hinsicht zugearbeitet, auch wenn er die dahinter stehenden ideologischen Prämissen und weiterreichenden Absichten sicher nicht teilte. So ist Abs bis heute eine, ja vielleicht die zentrale, immer wieder als Beispiel herangezogene Figur für das ambivalente Verhältnis eines großen Teils der Führungskräfte aus Wirtschaft und Finanzwelt zum Nationalsozialismus und zum "Dritten Reich" geblieben und von daher Gegenstand ständig neuer Diskussionen.

Eine vielfach als paradigmatisch angesehene Figur ist Abs dann freilich im Rückblick auch für die Entstehung und den Aufstieg der Bundesrepublik aus den Abgründen des "Dritten Reiches" und aus der Niederlage von 1945 geworden - und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen verkörperte er wie kaum ein zweiter die Kontinuität des Führungspersonals im Bereich der Wirtschaft über die tiefe Zäsur von 1945 hinweg. So verbindet sich gerade mit seiner Person die Frage, was diese Kontinuität inhaltlich und für den Charakter des jungen Staates bedeutete.

Lordsiegelbewahrer des "rheinischen Kapitalismus"

Lordsiegelbewahrer des "rheinischen Kapitalismus"

Spiegelt sich darin zugleich das Festhalten an alten Anschauungen und Betrachtungsweisen, an Einstellungen und Verhaltensnormen, die jedenfalls keine klare und eindeutige Distanzierung vom nationalsozialistischen Regime und seinen Zielen beinhalteten, wenn sie sie nicht begünstigt und zumindest faktisch unterstützt hatten? Oder aber symbolisierte diese Kontinuität in den einzelnen Personen gerade die faktische Diskontinuität insofern, als sich in eben diesen Personen, jedenfalls in einer Mehrzahl von ihnen, der Bruch mit, die entschiedene Abkehr von der Vergangenheit vollzogen hat, verbunden mit dem Willen, nun am Aufbau einer neuen Ordnung aktiv und im klaren Bewusstsein der Fehler und Versäumnisse, der Fehleinschätzungen, ja, des eigenen Fehlverhaltens in der Vergangenheit mitzuwirken?

War also gerade Abs, der schon in jungen Jahren zu einer der zentralen Figuren der Wirtschaft in der Zeit des "Dritten Reiches" aufgestiegen war, einer derjenigen, der für einen wirklichen Neuanfang stand, einer also, der entschlossen die Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen und sich eben deshalb zugleich auf das Feld der Politik begeben hat in der Einsicht, dass man Wirtschaft und Politik eben nicht trennen könne?

Auch diesen Fragen wird die Biografie nachgehen oder besser gesagt sie als übergreifende Fragestellung bei der Behandlung der einzelnen Sachkomplexe und Entscheidungskonstellationen stets präsent halten. Abs verkörperte nach 1945 wie kaum ein anderer in seiner Person zugleich, vor dem Hintergrund der Erfahrungen des "Dritten Reiches", die enge Verbindung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, ja, er stiftete und repräsentierte das, was man das System des "rheinischen Kapitalismus" genannt hat, also das korporative, auf Ausgleich ausgerichtete Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte innerhalb der Gesellschaft und Wirtschaft. "Konsens statt Konflikt", das war die Grunddevise dieses Konzepts, und mit seiner oft wiederholten Formel, er sehe sein wesentliches, sein übergreifendes Ziel darin, "Dinge, die der Ordnung bedürfen, in Ordnung zu halten oder zu bringen", empfand er sich geradezu als der Lordsiegelbewahrer dieses Konzepts und wurde weithin als ein solcher angesehen.

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Abs' Leben umgreift vier Epochen

Dieses vielgestaltige, in vielem zugleich symbolträchtige, mit zahlreichen übergreifenden Zusammenhängen verknüpfte und in sie hineinwirkende Leben aber erschließt sich, wie alles individuelle Dasein, nur dem, der sich zugleich, gerade bei einem Mann der Wirtschaft und der Finanzwelt, ins vielfach unbekannte, oft auch zunächst schwer verständliche Detail versenkt und aus ihnen Züge des Allgemeinen und Übergreifenden neben dem Einmaligen und Individuellen herauszupräparieren sucht. Anders gewendet: Nur das genaue Nachzeichnen auch mancher auf den ersten Blick eher unwichtigen Einzelheiten in diesem langen Leben erlaubt, es wirklich in den Zusammenhang des Allgemeinen zu stellen und für beides neue Einsichten zu gewinnen.

Das Leben von Hermann Josef Abs umspannt nicht nur fast ein ganzes Jahrhundert, sondern es umgreift auch vier Epochen der jüngeren deutschen Geschichte, die sich scharf voneinander abheben, ja, sich wesentlich durch ihre Frontstellung gegen die jeweils vorangehende definieren: politisch, geistig-kulturell, aber auch, wenngleich in vielem weniger ausgeprägt, gesellschaftlich und in mancher Beziehung auch ökonomisch. Dieses Leben aber, ja die ganze Existenz des Mannes verkörpert und symbolisiert dabei weniger die Brüche und Zäsuren des Jahrhunderts als das, was in ihm trotz allem zugleich wirksam war: das Element der Kontinuität - hierin vergleichbar mit dem eine Generation älteren Konrad Adenauer, mit dem er in der Phase des Aufbaus der Bundesrepublik in enger, landsmannschaftlich, konfessionell und durch ähnliche Herkunft fundierter Verbindung stand.

Das "Model 1910"

Über das, was diese Kontinuität ausmacht, ist viel, vor allem auch kritisch, gehandelt worden, bei Abs speziell mit Blick auf seine Rolle im "Dritten Reich". Abs erscheint in dieser Perspektive als ein, wenngleich spätgeborenes Kind der wilhelminischen Gesellschaft, ihrer Lebenswelt, ihrer zunehmend aggressiven nationalen Ambitionen, ihrer verhärteten Klassenstrukturen, ihrer Bindung an den monarchischen Obrigkeitsstaat und der damit verbundenen Denkstrukturen, die eines der Fundamente des NS-Systems bildeten. Zwar liegt auf der Hand, dass der katholische Rheinländer mit seiner Distanz zum spezifischen Preußentum und zugleich zu allem Forsch-Militärischen wie Adenauer nicht gerade den Prototyp des so genannten Wilhelminers darstellte.

Aber die Prägung durch die vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Anschauungen des späten Kaiserreichs, durch das "Modell 1910", wie Abs es selber nannte, ist doch auch bei ihnen stark und bestimmend gewesen und geblieben. Das gilt bei Abs vor allem für die in dieser Form in jener Zeit entstandenen Strukturen und Erscheinungsformen des modernen Wirtschafts- und Bankwesens, deren grenzüberschreitende, internationale, aber zugleich nationalstaatlich fundierte Organisation für ihn Zeit seines Lebens ein Leitbild geblieben ist. Diese Prägung hat Abs, auch wenn er die politische und soziale Ordnung von Weimar durchaus bejahte, dann in vielem in die Nähe des "Dritten Reiches" gebracht, zumal in seiner beruflichen Sphäre, der Welt der Wirtschaft und der Banken. Das Moment der Kontinuität vom Kaiserreich über die Weimarer Republik ist hier bis ins "Dritte Reich" unzweifelhaft am stärksten gewesen, bei allen Umbrüchen und Wandlungen auch in diesem Bereich.

Über all dies wird im Rahmen dieser Biografie zu handeln sein. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, stets auch die allgemeinen Zusammenhänge und Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sichtbar zu machen. Zunächst aber ist von ihrem Ausgangspunkt zu sprechen, von dem spezifischen lebensweltlichen Rahmen, in dem dieses Leben seinen Anfang nahm.

Akquisitionen in der "Ostmark"

Vorstandsmitglied der Deutschen Bank im "Dritten Reich"

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Akquisitionen in der "Ostmark"

Am 2. Januar 1938 nahm Abs offiziell seine Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank auf. Schon im März 1938 stellte sich für ihn im Zusammenhang mit dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, eine weitere große Aufgabe. Es galt, der Deutschen Bank auch in diesem Teil des nun "Großdeutschen Reiches" die führende Stellung zu verschaffen. Mit der Gründung eigener Filialen war dieses Ziel zumindest kurzfristig nicht zu erreichen, da neue Niederlassungen jedenfalls Zeit brauchen würden, sich in die gewachsenen Geschäftsbeziehungen innerhalb der neuen "Ostmark", wie Österreich nun genannt wurde, einzufügen, auch wenn es wohl Kreise der österreichischen Wirtschaft gegeben haben mag, die eine solche Filialgründung ausdrücklich begrüßt hätten.

Aus strategischen Gründen konnte das Mittel der Wahl deshalb nur die Übernahme einer bestehenden Bank sein, und dabei richtete sich der Blick sogleich auf die größte Bank des Landes, die Österreichische Creditanstalt-Wiener Bankverein. Mit ihr war die Deutsche Bank bereits seit Jahrzehnten "freundschaftlich" verbunden. In ihren Verwaltungsrat war Abs bereits am 26. November 1937 als Nachfolger Schliepers gewählt worden. Die Creditanstalt war nicht nur wegen ihres Inlandsgeschäfts, sondern auch und vor allem aufgrund ihrer hervorragenden Südosteuropa-Verbindungen für die Deutsche Bank besonders interessant.

Abs reiste bereits am 17. März 1938, fünf Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, mit einem Mitarbeiterstab nach Wien, um "Übernahmeverhandlungen" zu führen. Wie er brachen damals ungezählte Vorstandsmitglieder und Direktoren von Industriebetrieben und Banken aus dem "Altreich" in die neue "Ostmark" auf - auf der Suche nach lohnenden Akquisitionen. Zugleich bemühte sich die Partei über Mittelsmänner in den Betrieben um die zügige "Arisierung" des österreichischen Bankgewerbes. Dr. Rudolf Pfeiffer, ein in der Creditanstalt in untergeordneter Stellung tätiger "illegaler" Nationalsozialist, wurde bereits am 13. März zum "Sonderbeauftragten der NSDAP in Wirtschaftsfragen für die Creditanstalt-Bankverein im Auftrag der Landesleitung der NSDAP" bestellt.

Am 27. März erhielt er von Hermann Göring den Auftrag, die "Arisierung" im Bankgewerbe "raschest durchzuführen". Zwei Wochen später wurde er auf Vorschlag der Partei und des neuen "Reichsstatthalters" Arthur Seyß-Inquart zum Vorstandsmitglied und Direktor der Creditanstalt bestellt. Wie immer die Dinge dann im einzelnen gelaufen sind, jedenfalls nutzten Wirtschaft und Banken sogleich die Chancen, die ihnen damals wie später die politische und militärische Expansionspolitik des von den Nationalsozialisten beherrschten Reiches boten, und flankierten und unterstützten sie auf diese Weise, machten sich also zu ihren Teilhabern.

Kontakte zum Kreisauer Kreis

Kontakte zum Kreisauer Kreis

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Ebenso schwer einzuschätzen wie die Frage, wie weit Abs sich tatsächlich und faktisch mit dem NS-Regime eingelassen hat, ist auf der anderen Seite die der Intensität seiner Beziehungen zum Widerstand. Einerseits sind seine intensiven Kontakte zu Peter Yorck von Wartenburg und über ihn zum Kreisauer Kreis und vor allem zu Helmuth von Moltke eindeutig zu belegen und auch die Pläne, ihn zum gegebenen Zeitpunkt als Vermittler zu den westlichen Alliierten einzusetzen. Andererseits hat Abs, der ja ansonsten durchaus nicht frei von der Neigung zu Selbststilisierungen war, sich sehr klar dagegen gewandt, diese Kontakte überzubewerten und ihn gar als heimlichen Widerstandskämpfer zu bezeichnen.

Die papierene Spur, die Abs bei seinen Kontakten zum Widerstand hinterlassen hat, ist sehr dünn. Dies stellt jedoch nicht die Kontakte selber in Frage, sondern zeigt seine Vorsicht im Hinblick auf potentielles Beweismaterial. Abs übte in der NS-Zeit auch in öffentlichen Reden deutliche Kritik am Regime. So fand es etwa der junge Karl Schiller einigermaßen bemerkenswert, wie offen sich Abs 1938 bei einem Vortrag im Institut für Weltwirtschaft in Kiel über die politischen Verhältnisse äußerte. Abs verpackte seine oft in ironischen Wendungen formulierte Kritik aber stets in eine Form, die wenig Angriffspunkte bot und sich nicht direkt als "staatsfeindlich" interpretieren ließ.

Auch in seinen schriftlichen Äußerungen hielt er sich bewusst zurück und ließ nur des öfteren mit dem Hinweis auf weitere mündliche Mitteilungen erkennen, dass es noch anderes zu sagen gebe, das sich nicht für die Schriftform eigne. Im übrigen hielt er sich auch nach dem Krieg stets an die Regel, möglichst nichts Schriftliches aus der Hand zu geben, das ihn einmal in ungewollter Weise binden oder gar kompromittieren könnte. Den Kontakt zu Carl Goerdeler, dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister, der einer der Hauptwortführer des zivilen Widerstands war, brach er nach nur einem Treffen ab, als er sah, dass dieser sich Notizen machte - eine Vorsicht, die ihm möglicherweise angesichts des Leichtsinns und schließlich, in der Gestapohaft, auch der Mitteilungsbereitschaft Goerdelers das Leben gerettet hat.

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Einzelgespräche mit Moltke und Yorck

Das Jahr 1941 scheint der Höhepunkt der Annäherung an den Widerstand gewesen zu sein. In der zweiten Jahreshälfte nahm Abs wohl an mehreren Treffen unter anderem mit den Sozialdemokraten Horst von Einsiedel und Carlo Mierendorff teil, die der Positionsbestimmung der Gruppe und der Vorbereitung von größeren Zusammenkünften dienten. Bei diesen Treffen sprach er vor allem zu Währungsfragen. Der eigentliche Widerstand, so er selber später, sei eher Thema bei Einzelgesprächen mit Moltke und Yorck gewesen. In diese Zeit fällt auch die direkte Aufforderung Yorcks an Abs zur Mitarbeit, von der Marion Yorck 1947 berichtete. Dieser Bitte habe sich Abs, wie er selber nach dem Krieg bestätigte, mit dem Hinweis auf seine Verantwortung gegenüber der Bank entzogen.

Er habe sich, wie er bei anderer Gelegenheit offen gestand, nicht zum Helden berufen gefühlt, auch habe ihn seine Frau immer wieder davor gewarnt, sich auf mehr einzulassen. Hinzu kam, dass er erhebliche Zweifel hatte, ob sich ein größerer Teil der Armeeführung auch bei sich verschlechternder militärischer Lage zum Widerstand bereit finden würde.

Er dachte hier ganz ähnlich wie Moltke, der zum Mangel an Widerstandswillen beim größten Teil der Generalität bemerkte: "Der wichtigste soziologische Grund ist, dass wir eine Revolution brauchen, nicht einen Staatsstreich; und eine solche Revolution wird den Generälen niemals denselben Spielraum und dieselbe Stellung geben, wie sie ihnen von den Nazis eingeräumt worden sind und noch heute eingeräumt werden." Und ebenso skeptisch beurteilte Abs die Fähigkeit und die Bereitschaft der führenden Kräfte und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft zu gemeinsamem Auftreten gegen das Regime, geschweige denn zu Handlungen des aktiven Widerstandes. So war er zwar bereit, sich für Aktionen nach einem erfolgreichen Staatsstreich, etwa zu Verhandlungen mit den westlichen Alliierten, zur Verfügung zu halten. Sich an Vorbereitungen für einen solchen Staatsstreich aktiv zu beteiligen aber lehnte er ab.

Multi-Aufsichtsrat und Regierungsberater

Mittler zwischen Kapital, Wirtschaft und Politik

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Multi-Aufsichtsrat und Regierungsberater

Als Abs im Herbst 1951 mit einem Empfang in Bonn seinen 50. Geburtstag beging, hatten sich seine Ämter, Aufgaben und Verpflichtungen bereits in einer Weise gehäuft, die einen anderen längst überfordert hätte. Er war nicht nur der entscheidende Mann bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Leiter der deutschen Delegation bei der Londoner Schuldenkonferenz, zudem befasst mit den parallelen Israelverhandlungen, wirtschaftspolitischer Berater des Bundeskanzlers und zugleich aufs engste eingebunden in die Beratungen und Entscheidungen über die Zukunft "seiner", der Deutschen Bank, bei denen er sehr deutlich, vor allem auch hinsichtlich der Errichtung und des Zuschnitts der Nachfolgeinstitute, federführend auftrat.

Vielmehr übernahm er zu den bisherigen noch eine Reihe weiterer Aufsichtsratsposten in großen Unternehmen der deutschen Wirtschaft, bei denen er es sich jeweils angelegen sein ließ, diese Funktion auch wirklich auszuüben, also sich bis in die Einzelheiten hinein ein klares Bild von der Produktplanung und vor allem auch von der personellen Situation auf der Führungsebene zu verschaffen und darauf gegründet seine Beraterfunktion, stets verbindlich, aber teilweise auch sehr energisch wahrzunehmen.

So wurde er in jener Zeit, also zu Beginn der 1950er Jahre, zusätzlich zu den vierzehn weiter bestehenden oder erneuerten Aufsichtsratsmandaten Vorsitzender des Aufsichtsrats der nach Auflösung der I.G. Farben wieder selbstständigen BASF - an der Auflösung der I.G. Farben hatte er als Berater der Bundesregierung unmittelbar mitgewirkt -, Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Bundesbahn, dessen Präsident er dann 1960 für viele Jahre wurde, und Mitglied der Aufsichtsräte der Dortmund-Hörder Hüttenunion AG und der Phoenix-Gummiwerke AG in Hamburg-Harburg sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Zellstofffabrik Waldhof in Mannheim. Abs selber hat später immer wieder betont, dass er kaum eine der Sitzungen dieser Gremien versäumt habe und selbstverständlich immer genau informiert und präpariert gewesen sei.

Die Dinge "in Ordnung" halten

Diese gewaltige Arbeitslast, die mit einem durchschnittlich elfstündigen Arbeitstag unter Einbeziehung vielfach der Samstage und der Sonntage verbunden war, verlangte eine außerordentliche Fähigkeit zur Selbstorganisation und Konzentration. Um sie zu bewältigen aber bedurfte es darüber hinaus eines Elements, das in den Kern der Persönlichkeit führt: ein ausgeprägtes Denken, ja Verwurzeltsein in übergreifenden Ordnungen und mit ihnen verbundenen Grundüberzeugungen. Die Dinge "in Ordnung" zu halten und das hieß zugleich in die Ordnung bringen, die in ihnen gleichsam angelegt sei - so hat er sein Tun und die ihn hierbei im letzten leitenden Intentionen immer wieder auf den Punkt zu bringen gesucht. Das verschaffe ihm die eigentliche Befriedigung bei seiner vielgestaltigen Tätigkeit, so hat er es in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus 1964 einmal formuliert: "In erster Linie steht das Bedürfnis, Dinge, die der Ordnung bedürfen, in Ordnung zu halten oder zu bringen".

Das hat ihn, in einer Stellung und Funktion, die ihm die Möglichkeit verschaffte, die Dinge wirklich "in Ordnung zu halten oder zu bringen", getragen und vorangetrieben. Es war daher nicht die ständig zunehmende Arbeitslast, die ihn im März 1952 veranlasste, den Vorstandsvorsitz bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau aufzugeben und in den Verwaltungsrat zurückzutreten, an dessen Spitze er dann 1959 für 14 Jahre trat. Es war vielmehr die inzwischen zur Sicherheit gewordene Perspektive, dass seine alte Wirkungsstätte, die Deutsche Bank, zunächst in drei, von vornherein eng zusammenarbeitenden Nachfolgeinstitutionen wiedererstehen werde. Und dass er als die treibende Kraft dieser Teilrezentralisierung an die Spitze einer dieser Nachfolgeinstitutionen, nämlich der Süddeutschen Bank mit Hauptsitz in München, treten werde, schien jedermann ebenso ausgemacht wie die Überlegung, dass er eines nicht allzufernen Tages der sich aufdrängende, gleichsam natürliche Sprecher einer voll rezentralisierten Gesamtbank sein dürfte.

Als Außenminister im Gespräch

Als Außenminister im Gespräch

Beide Perspektiven bildeten im übrigen den Hintergrund für seine eher gelassene Haltung gegenüber den Aussichten, die ihm Adenauer - wie freilich auch anderen - Anfang 1952 hinsichtlich des bisher vom Kanzler selber wahrgenommenen Postens des Außenministers eröffnete: Das Feld seines Einflusses auch auf die Politik schien so oder so für die Zukunft gesichert, als entscheidender Mann des größten deutschen Geldinstituts vielleicht noch mehr denn als Minister unter Adenauer ohne parlamentarische und parteipolitische Basis.

Immerhin hat Abs sich Anfang des Jahres 1952 ernsthaft mit der Frage eines Eintritts in die Regierung als Außenminister beschäftigt und nach seiner eigenen sehr viel späteren Darstellung ein entsprechendes Angebot Adenauers erhalten, auf das er prinzipiell positiv reagiert habe. Wenig später traf er sich dann mit dem Protokollchef des Auswärtigen Amtes Hans von Herwarth, der ihm den Aufbau der Dienststellen erläuterte und Personalfragen mit ihm besprach - die Sache hatte also offenbar einen sehr realen Hintergrund.

In der Tat hat Adenauer im Februar 1952 sein politisches Umfeld mit der Idee konfrontiert, Abs zum Außenminister zu machen. Er war damit allerdings sogleich auf Widerstand im Kanzleramt selber und dann auch in der Fraktion gestoßen. Sein Staatssekretär Otto Lenz verwies ihn auf den Fraktionsvorsitzenden der CDU als Alternative und erklärte Abs für "zweifellos klüger, aber auch arroganter" als Heinrich von Brentano. Wenig später informierte Lenz den Fraktionsgeschäftsführer Heinrich Krone, dass Adenauer "den Außenminister nicht aus der Fraktion nehmen" wolle: Er "denke an eine weniger parteipolitisch gebundene Persönlichkeit aus der Wirtschaft". Und kurz darauf erfuhr Krone auch aus Adenauers eigenem Mund, dass seine Überlegungen auf Abs zielten.

Die CDU-Fraktion stimmt für Brentano

Er habe allerdings auf einen entsprechenden Brief an Abs noch keine Antwort erhalten - ein solcher Brief Adenauers lässt sich freilich in dem wohlgeordneten Nachlass von Abs nicht auffinden. Folgt man der Darstellung, die Abs später gab, so fragte ihn Adenauer im Januar oder Februar 1952, ob er bereit sei, die Leitung des Auswärtigen Amts zu übernehmen, und er habe das Angebot angenommen. Er sprach aber von einer mündlichen "Absprache", über die schriftlich nichts vorliege.

Die Fraktion ihrerseits trat für Brentano ein und machte Stimmung gegen Abs. Krone bearbeitete in diesem Sinne auch den Vertrauten Adenauers, Robert Pferdmenges, der dem Plan des Kanzlers ursprünglich viel hatte abgewinnen können, und fand die Unterstützung des schon erwähnten Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Geld und Kredit, Hugo Scharnberg, der in der Geschäftsleitung einer der Nachfolgeorganisationen der Dresdner Bank, der Hamburger Kreditbank, saß und den CDU-Landesverband Hamburg leitete.

Der Fraktionsgeschäftsführer versuchte gleichzeitig, Adenauer selbst davon zu überzeugen, dass eine Berufung von Abs gar nicht in seinem, Adenauers, eigenen Interesse liege. "Die Außenpolitik werde er, so antwortete ich ihm, sowieso nicht aus der Hand geben, da möge im Außenamt sitzen, wer da wolle. Er müsse sich darüber im klaren sein, dass er in Abs einen sehr selbstbewussten und eigenwilligen Außenminister hätte."

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