Automobilindustrie Das Grauen kommt erst noch

Der Automobilstandort Westeuropa rutscht im internationalen Vergleich weiter ab. Laut einer Studie von Ernst & Young haben nur noch 41 Prozent aller westeuropäischen Zulieferer Vertrauen in "Old Europe". Weiter stark im Kommen sind China und Osteuropa - allerdings mit deutlichen Unterschieden in der Risikobewertung.
Von Martin Scheele

Frankfurt/Main - Die Befürchtungen, dass Deutschland als Automobilstandort weiter im internationalen Vergleich abrutscht, erhalten neue Nahrung. Einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young zufolge, die manager-magazin.de vorliegt, planen 39 Prozent aller deutschen Automobilzulieferer eine Verlagerung von Teilen der Produktion nach Osteuropa.

Derzeit ist fast schon jeder dritte deutsche Zulieferer in Osteuropa tätig, jeder sechste in China. Allerdings gibt es Unterschiede zum einen, was die Unternehmensgröße angeht. "Kleinere Unternehmen mit einem Umsatz unter 100 Millionen Euro sind bezüglich Verlagerung sehr zurückhaltend", sagt Peter Fuß, Autor der Studie, die auf einer repräsentativen Umfrage unter 200 deutschen Zulieferern basiert.

Grund: Verlagerungsrisiken wie Anlaufschwierigkeiten der Produktion und Lieferausfälle seien oft zu groß. Derzeit sind 66 Prozent der kleinen deutschen Zulieferer nicht in Osteuropa oder China vertreten und planen auch nicht Derartiges.

Strategische Lage kein entscheidendes Kriterium

Die wichtigsten Standortfaktoren sind laut der Studie in dieser Reihenfolge die Produktionskosten, die Lohnkosten, die Qualifikation der Arbeitnehmer, die Flexibilität des Faktors Arbeit und die Arbeitseinstellung. "Der Standort mit der günstigsten strategischen Lage macht nicht das Rennen", erläutert Ernst & Young-Mann Fuß. Interessant ist auch das Meinungsbild bezüglich der Bewertung der Standorte China und Osteuropa.

Summa summarum erhalten China wie auch Osteuropa von den Befragten Bestnoten. 100 Prozent erreichen die Standortfaktoren Produktionskosten und Lohnkosten. Als gut bewertet wird die Nähe zu attrakiven Absatzmärkten, der Flexibiltät des Faktors Arbeit und der Qualifikation der Arbeitnehmer. "Was bei dieser Sicht auffällt", ergänzt Fuß, "China unterscheidet sich bei den Standortfaktoren kaum von Osteuropa." Einzig bei den politischen Rahmenbedingungen klafft eine Lücke (60 zu 93 Prozent).

Angst vor "Technologieklau" in China

Angst vor "Technologieklau" in China

Nun sind die deutschen Zulieferer keineswegs blauäuigig, wenn sie über die Standortwahl sinnieren. Auch die großen Unternehmen haben teilweise Angst vor der Verlagerung: Als wichtigsten Grund nennen sie für China den "Technologieklau", also wenn Joint-Venture-Partner versuchen, an das deutsche Know-how heranzukommen. 96 Prozent aller Befragten nennen dieses Risiko als das wichtigste für China. Nur 9 Prozent nennen es für Osteuropa.

Als weitere Risiken folgen Sprachbarrieren (immerhin 90 Prozent China, 69 Prozent Osteuropa), Korruption (80 zu 61 Prozent) und Möglichkeiten der Einflussnahme vor Ort (75 zu 80 Prozent). "Eine Verlagerung nach Osteuropa birgt aus Sicht der Unternehmen deutlich geringere Risiken", sagt Fuß.

Wer dachte, deutsche Unternehmer würde nur einfache Komponenten im Ausland fertigen lassen, sieht sich getäuscht. 67 Prozent der befragten Unternehmen lassen schon jetzt einfache wie auch komplexe Teile im Ausland fertigen. Die Verlagerung macht auch vor der Entwicklungsabteilung nicht Halt. Ein Viertel der Befragten hat Produktion wie Entwicklungskapazitäten schon ins Ausland verlagert. Was nur die Entwicklung angeht, sind es sogar 30 Prozent der Unternehmen.

Kapazitäten in Westeuropa werden nicht ausgebaut

Nur das Branding, das Marketing, das Engineering und Design wird nach Ansicht der Unternehmen auf jeden Fall in Deutschland bleiben. Das Ranking der Topstandorte führt Tschechien vor China, Ungarn und Polen an. Tschechien, Ungarn und Polen sind EU-Beitrittsländer.

Weit abgeschlagen ist Westeuropa (nur 18 Prozent der Befragten finden diese Standorte sehr attraktiv). Zur völligen Unbedeutung degradiert ist Russland, das gerade mal von 8 Prozent der Befragten als sehr oder eher attraktiv eingestuft wird.

Weitere Erkenntnis der Studie: "Neue Kapazitäten in der Automobilindustrie werden kaum noch in Westeuropa errichtet", so Berater Fuß. Auf die Frage, an welchen Standorten in den nächsten zehn Jahren neue Produktionen aufgebaut werden, antworten die meisten Unternehmen mit "China". Dann folgten Osteuropa und Südostasien. Westeuropa haben 0 Prozent der Befragten genannt.

Offenbar um nicht ein völlig schlechtes Bild des deutschen Standorts malen zu müssen, sagt Berater Fuß abschließend: "Wir sehen für den Standort Deutschland auch Chancen - wenn der Faktor Arbeit flexibler gehandhabt wird". Das klingt nicht unbedingt wie Trost und wer das Fazit liest, sieht sich bestätigt: "Der notwendige Abbau von Überkapazitäten wird inbesondere Westeuropa treffen", ist dort zu lesen. Für Deutschland heißt es, ist notwendig, dass die Innovationskraft gesteigert wird und Verbesserungen bei Qualifizierung und Ausbildung erfolgen.

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