Auslagerung Wie wenn tot, aber mit Arbeitsplatz

Vivento, die Beschäftigungsgesellschaft der Deutschen Telekom, ist nur eine unter vielen: Konzernausgründungen, die entlassenes Personal auffangen. Im Idealfall werden die Mitarbeiter erfolgreich weitervermittelt, im Ernstfall fürs bloße Herumsitzen bezahlt. Warum tun sich Unternehmen das an?

Hamburg - Vivento hatte schlechte Presse. Der "Tagesspiegel" reimte: "Wie wenn tot", unisono wurden die schlechten Fortschritte der Telekom-eigenen Beschäftigungsgesellschaft gebrandmarkt. SPIEGEL TV  titelte: "Wie die Telekom  eine ganze Armee von Arbeitslosen finanziert" und zeigte den Vivento-Beamten Bernd H., dessen einzige Aufgabe bei vollem Gehalt darin besteht, werktags von 8 bis 15.30 Uhr telefonisch erreichbar zu sein. Nur, dass nie jemand anruft.

Als wäre das nicht genug, kam dann noch die Aufregung um die Hartz-IV-Berater, die die Beschäftigungsgesellschaft an die Bundesagentur für Arbeit ausleiht und dabei eine "Buschzulage" für den Gang in den Osten zahlt. Keiner verstand, was das sollte - und was überhaupt eine Beschäftigungsgesellschaft ist. Dabei ist Vivento nicht das einzige Konstrukt dieser Art.

Dafür aber das größte: 19.200 Menschen sind bei der Telekom-Tochter geparkt, bis sich eine Aufgabe findet, im eigenen Konzern oder außerhalb. Denn genau das ist der Zweck von Beschäftigungsgesellschaften: Mitarbeiter, die sonst entlassen würden, verbleiben dort, sie werden bei der Jobsuche gefördert und teilweise weitergebildet. Die Telekom lässt sich das pro Jahr etwa eine Milliarde Euro kosten: Die Beamten bekommen weiter das volle Gehalt, die Angestellten 85 Prozent ihrer früheren Bezüge.

Bei vielen solcher Ausgründungen zahlt gar die Bundesagentur für Arbeit 60 Prozent des alten Salärs (bei Arbeitnehmern mit Kindern 67 Prozent), das dann vom Arbeitgeber aufgestockt wird. "Von diesem strukturellen Kurzarbeitergeld wurde vor allem in den Jahren nach der deutschen Einheit Gebrauch gemacht, als viele alte Ostbetriebe abgewickelt wurden", erinnert sich eine Mitarbeiterin der Bundesagentur. Mit den berüchtigten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) hat das aber nichts zu tun, sie waren als individuelle Maßnahmen für Arbeitslose konzipiert.

Die Telekom finanziert ihre Vivento ohne staatliche Hilfe, bestätigt Sprecher Peter Käspohl. Die Kosten schlagen sich direkt in der Bilanz nieder und müssen vor Investoren vertreten werden. Um staatliche Förderung zu bekommen, erklärt Käspohl, hätten die betroffenen Mitarbeiter tatsächlich zur Kündigung anstehen müssen. Das aber war schon bei den Beamten - rund die Hälfte der Vivento-Belegschaft - ausgeschlossen.

Chance oder Abschiebestation?

"Ein Riesen-Kraftakt"

Daher fand das Unternehmen mit den Gewerkschaften eine tarifvertragliche Regelung, die die Übertragung der bestehenden Arbeitsverhältnisse auf die 2003 gegründete Vivento ermöglichte. "Ein Riesen-Kraftakt", wie Lothar Schröder betont, Bereichsleiter Innovations- und Energiepolitik bei Verdi. Aber dank dieser Anstrengung bekam selbst ein fünfstelliger Stellenabbau das Etikett "sozialverträglich".

Warum aber bringen Unternehmen diese Summen auf, wo doch meist eine Sparmaßnahme der Auslöser ist? Sirikit Krone, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen, hat zahlreiche, oft mittelständische Unternehmen bei der Gründung einer Beschäftigungsgesellschaft beobachtet. "Solche Überlegungen kommen dann ins Spiel", erklärt sie, "wenn das Image eines Unternehmens als sozialverträglicher Arbeitgeber auf dem Spiel steht." Außerdem gibt es ganz handfeste juristische Gründe wie Tarifverträge, Unkündbarkeitsklauseln und drohende Abfindungsorgien.

So schuf Siemens  seine "betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit" (beE), die Post  hat Interserv, die Bahn gründete bereits 1997 DB Vermittlung, die HypoVereinsbank den internen Personaldienstleister HVB Profil und selbst die Berliner Stadtverwaltung schuf einen eigenen Stellenpool. Als Pionier gilt jedoch ein Privatier: die Firma Grundig, die bereits Ende der 80er Jahre eine Beschäftigungsgesellschaft in ihrem Sozialplan vorsah.

Chance oder Abschiebestation?

Für private Unternehmen ist das Unterfangen ein Rechenexempel mit vielen Unbekannten: Wiegen der Imagegewinn und die arbeitsrechtlichen Aspekte die Kosten der Ausgliederung auf? Früheren Staatsunternehmen wie Post, Bahn und Telekom dagegen blieb kaum etwas anderes übrig. Zu groß sind die Interessengräben beim Umbau von der Behörde zum Dax-Konzern. Allein die Bahn hat seit 1997 die Mitarbeiterzahl um 72.600 reduziert, von denen 10.300 im Konzern vermittelt und 27.500 von der DB Vermittlung beraten wurden.

Die Auswirkungen der Gesellschaften auf den Gesamtarbeitsmarkt werden als "eher gering" eingeschätzt. Auch wenn Eberhard Wiedemann vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekennt: "Es gibt dazu fast keine Studien, selbst wir forschen nicht auf diesem Gebiet."

Kein Wunder, ist doch die kostspielige Vermittlungstätigkeit in Chefetagen wie Werkshallen eher unbeliebt. Vielen Siemensianern gilt die beE als Abschiebestation, die bezahlte Langeweile im Wartestand als eine organisierte Spielart des Mobbing. Jürgen Blohm, Sprecher der Post, wird daher nicht müde, zu betonen, dass Interserv mit seinen etwa 1000 Mitarbeitern ursprünglich eine Gesellschaft der Postbank war, bis diese in den Konzern eingegliedert wurde. "Beschäftigungsgesellschaften", erklärt er, "sind nicht unsere Politik."

"Das ist nicht unsere Politik"

"Das ist nicht unsere Politik"

Das habe vor allem auch psychologische Gründe. Zwar gebe es derzeit auch bei der Post rund 4000 Mitarbeiter im Überhang, doch die sollten innerhalb der Unternehmensstruktur neue Beschäftigung finden. So könnten sie in ihrer Niederlassung oder Stadt bleiben und hätten das Gefühl, dort gebraucht zu werden. Die Interserv dagegen werde mehr und mehr zum konzerninternen Dienstleister umgebaut, der plötzliche Personalengpässe, etwa bei Verwaltungsarbeiten, ausgleiche.

Tatsächlich können Beschäftigungsgesellschaften eine Bedrohung für die Mitarbeiter darstellen. Die stehen vor der Wahl: entweder Wechsel oder Kündigung. Ein Vivento-Beschäftigter darf maximal drei externe und zwei interne Vermittlungsangebote ausschlagen, dann wird er entlassen. Bei Siemens zogen über 150 Mitarbeiter gegen die Zwangsversetzung vor Gericht - und gewannen in erster Instanz ohne Ausnahme. Auch die Versetzung von Telekom-Mitarbeitern zu Vivento war in mehreren Fällen nicht rechtens: Der Zwang zum bezahlten Nichtstun sei verächtlich und verfassungswidrig, befanden die Richter.

Beide Konzerne gingen in Revision. Und basteln am Image: Siemens verweist auf eine Vermittlungsquote von rund 20 Prozent bei der beE. Die meisten der Glücklichen landeten in anderen Teilen des Konzerns, etwa bei VDO Automotive oder Fujitsu-Siemens. "Die Wiedereingliederungsquote der Gesellschaften ist in der Regel gut", weiß auch Arbeitsforscherin Krone. "Allerdings gilt das meist für die Mitarbeiter, die auch auf dem freien Markt leicht untergekommen wären."

Bei Vivento änderte man inzwischen die Strategie. "Die Einzelvermittlung erwies sich als mäßig erfolgreich", meint Sprecher Käspohl selbstkritisch. Lieber bietet man heute etwa die Dienste eines kompletten Callcenters an oder versucht, möglichst viele Mitarbeiter bei Vermont unterzubringen, der Montagetochter der Telekom, die auch für andere Telekommunikationsunternehmen arbeitet. Insgesamt seien etwa zwei Drittel der Belegschaft in Beschäftigung, darunter auch die 3000 Hartz-IV-Beamten. Die, ergänzt Käspohl, sollten mit der Prämie nicht über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze gelockt werden, sondern wurden mit dem Geld für ihre Entscheidung zu einem raschen Ortswechsel belohnt.

Hauptsache Arbeit

"Die Hauptsache ist doch, die Leute haben einen Arbeitsplatz", verteidigt Verdi-Mann Schröder Vivento. "Der Erfolg eines solchen Projektes steht und fällt mit der Sensibilität in der Vermittlung", fasst er das Vertrauensproblem mancher Beschäftigungsgesellschaften zusammen. Er weiß von einem Fall, der eher nach Abschiebestation klingt. Einem geparkten Verwaltungskaufmann konnte sehr schnell eine neue Aufgabe angeboten werden - sogar in seinem alten Büro. Er sollte dort putzen.

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