China Kurzschluss im Wunderland

Investoren drängen nach China - einem Riesenreich, in dessen Metropolen zeitweise die Lichter ausgehen, und wo Fabriken Zwangspausen einlegen müssen. Marc Preusser von HSBC Trinkaus erläutert, wie Peking die Energieprobleme lösen will und welche Rolle dabei Werbespots und die Olympia-Vorbereitungen spielen.

mm.de:

In den Hotels von Shanghai und Peking sitzen die Gäste zeitweise im Dunklen. Büroangestellte und Fabrikarbeiter müssen Zwangspausen einlegen, weil die Stromversorgung zusammenbricht. Werden die Energieprobleme der boomenden Volkswirtschaft unterschätzt?

Preusser: Die Energieprobleme in China haben verschiedene Ursachen. Zum einen gibt es noch viele Fabriken für die Stahl- und Aluminiumproduktion, die nicht effektiv arbeiten und wahre Energiefresser sind. Zweitens wurden viele ineffiziente Produktionsstätten auch an ungeeigneten Standorten aus dem Boden gestampft, weil sie Prestigeprojekte für die diversen Regionalfürsten waren.

Die Zentralregierung steuert jetzt dagegen, schließt unproduktive Werke und stoppt den Wildwuchs. Auf diese Weise will sie zwei Hauptprobleme lösen: Dass Energie über weite Strecken transportiert werden muss und vor Ort nicht effektiv genutzt wird.

mm.de: Der Energie-Engpass hängt also mit dem maroden Transportsystem zusammen?

Preusser: Kohle ist der wichtigste Energieträger in China. Sie wird es auf absehbare Zeit auch bleiben, weil Energie aus Kohle deutlich günstiger ist als Erdöl oder Erdgas. Die Kohle muss aber über viele tausend Kilometer aus den Abbaugebieten im Osten des Landes zu den Kohlekraftwerken transportiert werden, die sich überwiegend im Westen des Landes befinden.

Chinas Eisenbahn ist mit dieser Aufgabe derzeit noch völlig überlastet. Um das weitere Wachstum sicherzustellen, muss das Land möglichst rasch das Schienennetz ausbauen - auch daran arbeitet China mit Hochdruck.

"Kernkraft drastisch hochgefahren"

mm.de: Ein neues Schienennetz und effektive Fabriken entstehen selbst in China nicht von heute auf morgen - wie kann das Land seinen rasch wachsenden Energiehunger in den Griff bekommen?

Preusser: Durch mehr Kernkraft und gezielte Zügelung der energieintensiven Produktionsstätten. Die China National Nuclear Corporation plant den Bau zahlreicher neuer Kernkraftwerke: Derzeit werden nicht einmal 3 Prozent des Strombedarfs in China durch Kernkraft gedeckt. Dieser Anteil soll drastisch hochgefahren werden.

Zweitens ist die Produktion in der Stahl-, Aluminium- und Zementindustrie, die große Mengen Energie verbraucht, bereits leicht gesunken: Die Regierung hat als Ziel ausgegeben, das Wirtschaftswachstum von mehr als 9 Prozent im vergangenen Jahr auf rund 7 Prozent im Jahr 2005 herunterzukühlen.

Drittens hat die Regierung das Thema Stromsparen entdeckt: Den Bewohnern in den Metropolen wird per TV-Spot empfohlen, ihre Klimaanlagen nicht allzu kühl einzustellen. In den Fabriken bekommen Arbeiter bescheidene Zuschläge für Wochenend- und Nachtschichten, damit die Generatoren gleichmäßig ausgelastet sind.

mm.de: Dies alles wird nichts daran ändern, dass China auch in diesem Jahr weit weniger Strom anbieten kann, als benötigt wird. Experten schätzen das Stromdefizit auf rund 30 Millionen Kilowattstunden.

Preusser: Derlei Engpässe sind im Wirtschaftszyklus eines schnell wachsenden Emerging Market nicht ungewöhnlich - entscheidend ist, dass China etwas dagegen unternimmt.

mm.de: China ist bereits heute der zweitgrößte Energiekonsument hinter den USA. Allerdings verbraucht ein US-Amerikaner pro Kopf noch immer zehnmal so viel Energie wie ein Chinese ...

Preusser: Die Unterschiede sind in der Tat gewaltig. Allerdings darf man die Bedeutung der wachsenden Mittelschicht in Asien nicht unterschätzen: Im vergangenen Jahr sind mehr als 1,6 Millionen Asiaten in den Club der Dollar-Millionäre aufgestiegen. Demgegenüber stehen bittere Armut auf dem Land und ein durchschnittlicher Stundenlohn von weniger als einem Dollar. Doch man sollte trotz dieser krassen Gegensätze nicht übersehen, dass eine wachsende Zahl Menschen sich inzwischen mehr leisten kann.

"Konsum in Asien steigt deutlich"

mm.de: Höhere Nachfrage bedeutet aber auch steigende Preise ...

Preusser: Immer mehr Stadtbewohner in Shanghai oder Peking hegen nicht nur den Wunsch, Klimaanlagen und Kühlschränke zu besitzen: Sie kaufen und nutzen sie. Die starke private Konsumnachfrage trägt einerseits zu der rasanten Konjunkturentwicklung bei, wird aber auch die Energiepreise weiter antreiben. Umso wichtiger ist es für die Regierung, das Energieangebot zu erhöhen und die Infrastruktur zu verbessern.

mm.de: Wo ist China besonders verwundbar?

Preusser: Bei der Ölversorgung. China gehört zu den größten Netto-Rohöl-Importeuren, da die eigenen Ressourcen gering sind und der Bedarf bald auf 10 Prozent des globalen Verbrauchs steigen dürfte. Bei Kohle liegt der Anteil bereits bei 30 Prozent, doch hier sind die eigenen Reserven hoch.

China ist sehr um Autarkie bemüht. Daher werden derzeit so viele Kernkraftwerke geplant, um mittelfristig ein hohes Energieangebot zu schaffen. Langfristig sind auch alternative Energiequellen wie die Brennstoffzelle für China äußerst interessant, da mit ihr die Abhängigkeit vom Öl weiter sinken würde. Es würde mich nicht überraschen, wenn sich das Beispiel Transrapid im Bereich alternative Energien wiederholen würde: In Deutschland erdacht, in China genutzt.

Geschätztes Wirtschafts- wachstum in % pro Jahr

2004 2005
China 8,3 7,7
Hongkong 5,5 4,4
Indien 7,6 6,5
Indonesien 4,6 4,7
Korea 5,3 5,3
Malaysia 5,6 5,6
Philippinen 4,3 4,4
Singapur 5,4 4,4
Taiwan 4,9 4,5
Thailand 6,8 6,0
Quelle: HSBC Ltd.

mm.de: Der verwundbare Energiefresser China ist also auf dem Weg zu einer weit gehend autarken Wirtschaftsmacht?

Preusser: Im globalisierten Zeitalter ist keine Nation wirklich autark. Das Streben nach höherer Eigenständigkeit hat jedoch auch mit dem Selbstbewusstsein einer Kulturnation zu tun. China ist sich seiner wachsenden Bedeutung als Wirtschaftsmacht bewusst. In China leben 1,3 Milliarden Menschen, die menschliche Arbeitskraft wird auf Jahre konkurrenzlos billig bleiben. Das Land ist derzeit Wirtschaftsmotor der asiatischen Region, in der knapp zwei Drittel der Weltbevölkerung leben.

Die Menschen in Asien repräsentieren bereits ein Viertel der globalen Kaufkraft. Auf Grund der wachsenden Mittelschicht und des regen Austauschs mit Staaten wie Taiwan, Malaysia, Singapur und Japan sinkt auch Chinas Abhängigkeit von den USA und Europa. Der Binnenhandel erhält mit der Zeit ein immer größeres Gewicht. Bis zur Autarkie ist es noch ein weiter Weg, aber das Ziel ist klar.

"Engpass wird Investoren nicht aufhalten"

mm.de: Sichtbares Zeichen dieses Selbstbewusstseins werden die Olympischen Spiele 2008 in Peking sein. Wird China bis dahin seine Baustellen Energie und Transportwesen gemeistert haben?

Preusser: Bis zu den Olympischen Spielen werden rund 35 Milliarden US-Dollar für die Verbesserung der Infrastruktur investiert. Allein durch diese Maßnahmen wächst die Wirtschaft jährlich um etwa 0,5 Prozent, also stärker als manche Staaten in Europa.

Der Streckennetzplan für Straßen und Schienen ist gigantisch und extrem ehrgeizig: Doch die Chinesen haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie solche Vorgaben auch erfüllen können. Gelingt diese Königsaufgabe, ist das Fundament für weiteres, nachhaltiges Wachstum gelegt.

mm.de: Der Energiebedarf und die noch fehlende Infrastruktur sind aber nicht die einzigen Probleme in China. Auch der Immobilienmarkt ist überhitzt, und die Banken sitzen auf faulen Krediten in Milliardenhöhe. Kein Grund zur Sorge?

Preusser: Natürlich muss man die Risiken durch Inflation und rasch steigende Zinsen ernst nehmen. Wir gehen jedoch nach Abwägung davon aus, dass China ein "hard landing" vermeidet und die heiß gelaufene Wirtschaft schrittweise herunterkühlt. Ein "soft landing" mit geringeren Wachstumsraten, aber höherer Stabilität ist sogar sehr wahrscheinlich.

China ist gestärkt aus der Asien-Krise hervorgegangen. Im Vergleich zu 1997 ist die Inflation deutlich gesunken, und die Währungsreserven sind über die Marke von 440 Milliarden US-Dollar gestiegen. Auch die USA haben kein Interesse daran, dass China seine US-Anleihen binnen kurzer Zeit auf den Markt wirft. Ebenso ist Japan als wichtiger Handelspartner an einer stabilen Währungsentwicklung interessiert.

Mit Blick auf politische Risiken und die Spannungen mit Taiwan muss man sagen, dass die chinesische Führung in vielen Dingen auch sehr pragmatisch agiert. Taiwan hat sich durch hohe Investitionen und regen Handel mit China relative Sicherheit erkauft. Und auf Chinas Bankenkrise sowie das Platzen der Immobilienblase warten die Investoren bereits seit Jahren. Derweil senkt die Regierung das Risiko, indem sie die Kreditvergabe deutlich erschwert hat.

mm.de: Sehen Sie China bald zu den führenden Industriestaaten aufschließen?

Preusser: Trotz aller Schwankungen in den Wachstumsregionen spricht viel für die These der so genannten "BRIC-Studie", wonach Brasilien, Russland, Indien und China in rund 40 Jahren mehr Güter und Dienstleistungen produzieren werden als die sechs derzeit führenden Industriestaaten. Es geht um einen langfristigen, fundamental intakten Wachstumstrend. Aus diesem Grund sind die Direktinvestments der Unternehmen in China gestiegen, und aus diesem Grund haben nicht nur die Fondsmanager von HSBC ihre Aktienquote in der Region Asien hochgefahren.

Selbstverständlich kann sich der Energie-Engpass in China zuspitzen. Selbst wenn auch im kommenden Jahr die Lichter in den Hotels kurzfristig ausgehen: Die Besucher, Unternehmer und Investoren aus dem Ausland wird das nicht aufhalten.

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