Volkswagen Immer wieder der Herr Hartz

Der Konflikt war vorgezeichnet: Der IG-Metall-Forderung nach einem Einkommensplus von 4 Prozent erteilte Volkswagen-Vorstand Peter Hartz eine klare Absage. Stattdessen stellte der Manager ein Sieben-Punkte-Programm vor, um die deutschen Standorte zu sichern.

Hamburg/Wolfsburg - "Es besteht null Spielraum für Einkommenserhöhungen", sagte Volkswagen-Personalvorstand Peter Hartz am Montag in Wolfsburg. Bei den am 15. September beginnenden Tarifverhandlungen für die rund 100.000-VW-Beschäftigten zeichnet sich damit ein Konflikt zwischen den Verhandlungspartnern ab. Die IG Metall hatte vergangene Woche ihre Forderung nach vier Prozent mehr Lohn und Gehalt und einer Arbeitsplatzgarantie für die sechs inländischen Werke vorgelegt.

Hartz wies die Forderungen nach einem Einkommensplus zurück und verwies auf die desolate Situation am Automarkt. "Insbesondere auch in Deutschland zeichnet sich nach drei Jahren Stagnation noch immer keine Belebung ab", erklärte der Manager.

Zudem werde in der Branche mit "harten Bandagen" gekämpft. Preisnachlässe drückten nicht nur auf dem hart umkämpften US-Markt auf die Erträge. Hartz: "Die Rabattschlacht findet vor den Werktoren statt."

Hartz fordert deutlich bessere Kostenstrukturen

Angesichts dieser Situation fordert der Konzern jetzt eine zweijährige Nullrunde von seiner Belegschaft. Zudem geht das Management mit einem Sieben-Punkte-Plan in die Verhandlungen. Dieser, so Hartz, sei "richtungsentscheidend". "Wenn wir hier weiter bestehen und unsere Arbeitsplätze in Deutschland sichern wollen, braucht Volkswagen deutlich bessere Kostenstrukturen."

Im Kern geht es um den Abbau der über dem Branchenschnitt liegenden Vergütung bei Volkswagen . Bis 2011 wollen die Verantwortlichen die Arbeitskosten um 30 Prozent senken. Daraus ergibt sich ein Einsparvolumen von gut zwei Milliarden Euro.

Nur so, erklärte Hartz, können die Arbeitsplätze in Deutschland gesichert werden. Den "bequemen Weg der Standortverlagerung" wolle man nicht gehen.

Der Sieben-Punkte-Plan im Detail

Der Sieben-Punkte-Plan im Detail

Das Sparprogramm sieht folgende sieben Punkte vor:

  • Nullrunde: Volkswagen hat in den sechs westdeutschen Werken derzeit gegenüber den deutschen Wettbewerbern einen deutlichen Nachteil bei den Personalkosten. Darüber hinaus ist die Differenz zwischen den Personalkosten der deutschen und der ausländischen Standorte von Volkswagen erheblich. Deswegen ist eine Einkommensanpassung nach oben nicht möglich.
  • Job Family: Geplant ist ein neues europaweites Vergütungssystem. "Wir möchten die derzeitige Vergütungssystematik der Volkswagen AG mit 22 Entgeltstufen und mehr als 4000 Tätigkeitsbeschreibungen radikal auf zwölf Stufen vereinfachen", sagte Hartz. Dies soll in einem ersten Schritt für alle Neueinstellungen in den sechs westdeutschen Standorten ab 2005 gelten und sich am Entgeltniveau der Beschäftigten im Auto-5000-Projekt orientieren. Auch für die weiteren Arbeitsbedingungen könne das Auto-5000-Modell Vorbild sein. Im neuen Wolfsburger Auto-5000-Werk fertigen 3500 zusätzlich eingestellte Mitarbeiter den Minivan Touran. Dort wird zeitweilig 42 statt der im Metalltarif vorgesehenen 35 Stunden pro Woche geschafft. Eine Job Family, also eine Gruppe von Mitarbeitern mit vergleichbaren Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen - zum Beispiel in den Bereichen Karosseriebau, Lackiererei oder Design -, löst die bisherigen Grenzen von Hierarchien und Geschäftsbereichen auf. Um den flexiblen Anteil des Entgelts zu erhöhen und damit eine leistungsorientierte Bezahlung zu fördern, wird die Umwandlung des festen Mindestbonus in einen ergebnisorientierten Bonus angestrebt. Langfristig sollte der variable Anteil 30 Prozent des Gesamteinkommens betragen.
  • Mehr flexible Anteile: Volkswagen will beweglicher werden. Dazu gehört insbesondere eine Ausweitung der Schwankungsbreite der Arbeitszeitkonten von derzeit 200 auf 400 Stunden. Das würde Mehrarbeitszuschläge erübrigen und vergrößert den Beschäftigungspuffer, um noch besser auf Marktschwankungen zu reagieren.
  • Arbeitszeit wird neu definiert: Nach diesem Konzept führt jeder Mitarbeiter ein Lebensarbeitszeitkonto für die gesamte Beschäftigungsdauer. Die Belegschaft nutzt dieses Instrument bereits. Die demografische Arbeitszeit würde dieses Konzept weiter strukturieren: Beschäftigte sparen systematisch Mehrarbeit an, die sie vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze entsprechend abbauen. Junge haben eine höhere, Ältere eine niedrige Arbeitszeit. Darüber hinaus soll die Anwesenheitszeit im Unternehmen neu definiert werden. Bislang wird nicht nur wertschöpfende Arbeitszeit vergütet, sondern zum Beispiel auch Kommunikationszeit, Qualifizierungszeit oder Pausenzeit. Künftig sollen die wertschöpfende Arbeitszeit und die restlichen Zeiten unterschiedlich bewertet werden.
  • Gesundheitsbaustein: Dieser soll neu eingeführt werden. Volkswagen möchte der Belegschaft zum Beispiel medizinische Angebote und Versicherungsleistungen ermöglichen, besonders für ältere Mitarbeiter. Im Gegenzug gleicht die Belegschaft die Krankheitskosten pauschal durch zusätzliche Arbeitszeit oder Verrechnung von Tarifleistungen aus.
  • Co-Investment für Beschäftigungssicherung: Mit diesem Baustein erhalten die deutschen Standorte ein Instrument, um ihre Wettbewerbsfähigkeit bei internen Ausschreibungen des Konzerns zu stärken - etwa für die Produktion neuer Modelle. Das einzelne Werk kann zum Beispiel durch temporär längere Arbeitszeiten eine Gegenleistung für Einmal-Investitionen bieten und damit den Zuschlag erhalten. Das heutige Tarifsystem ermöglicht das nicht.
  • Wettbewerbsfähige Ausbildung: Das Unternehmen bietet der IG Metall an, die Zahl der Ausbildungsplätze um 20 Prozent zu erhöhen und damit über Bedarf auszubilden. Das erfordert, dass das Unternehmen Ausgebildete nur noch nach dem aktuellen Bedarf übernimmt und die Vergütung für Auszubildende auf das Niveau des Flächentarifs der IG Metall gesenkt wird.

Kampfbereite IG Metall

Kampfbereite IG Metall

Die Arbeitnehmervertreter reagierten erwartungsgemäß empört. "Herr Hartz muss wissen, dass eine Nullrunde über zwei Jahre mit uns nicht zu machen ist", sagte IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine gegenüber manager-magazin.de. Meine ist auch Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite bei Volkswagen.

Von einer Krise bei den Wolfsburgern will der Gewerkschafter nichts wissen: "Volkswagen ist kein Sanierungsfall." So lange den Aktionären eine Dividende gezahlt werde, hätten die Beschäftigten ein Recht auf eine Tariferhöhung.

Angesichts der Bandbreite der Sparmaßnahmen sprach Meine von einem "neuen Stil" bei Volkswagen, bekräftige aber: "Wir werden diesen Stil annehmen." Über Streiks könne noch nicht gesprochen werden. Dennoch drohte Meine mit bundesweiten Aktionen. Wenn es Proteste gebe, werde das in Abstimmung mit den sechs VW-Werken erfolgen.

Eine ähnliche Eskalation wie bei DaimlerChrysler  wäre demnach möglich. Dort hatte Mitte Juli ein Konflikt um Sparmaßnahmen alle deutschen Standorte erfasst.

"Volkswagen sehr konkret austesten"

Zu einzelnen Punkten des Sieben-Punkte-Plans wollte sich Meine nicht äußern. Verwies aber auf das Fehlen einer Arbeitsplatzgarantie für die 103.000 VW-Beschäftigten. "Es gibt sehr konkrete Sparpläne aber nur vage Garantien. Die Garantien werde ich zum Thema machen und Volkswagen sehr konkret austesten."

Die IG Metall will bei Volkswagen 4 Prozent mehr Lohn und Gehalt und eine Bestandsgarantie für die 103.000 Arbeitsplätze an den sechs inländischen VW-Standorten durchsetzen. Beide Forderungen hatte die Große Tarifkommission für die Haustarifverhandlungen vergangene Woche einstimmig beschlossen.

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