Arbeitszeit Wer länger arbeitet, ist länger glücklich

Kurze Arbeitszeiten werden in Deutschland mit Zufriedenheit gleichgesetzt. Dies erklärt die hitzige Debatte um längere Arbeitszeiten bei Siemens, DaimlerChrysler und VW. Doch wer länger arbeitet, ist länger glücklich.
Von André Mindermann

Wenn Gewerkschaftsfunktionäre Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich durchsetzen, ist das für sie noch immer wie ein kleiner revolutionärer Sieg. Das Denken solcher Funktionäre ist eindimensional und stammt aus dem 19. Jahrhundert, als Karl Marx zu Recht die entfremdete Arbeit geißelte. Die Einstellung vieler Gewerkschaftsfunktionäre stützt sich auf das Vorurteil, dass eine 37-, 36- oder 35-Stunden-Woche die Arbeitsbelastung wirklich verringert und den Lohnempfängern automatisch mehr Freizeit und damit mehr Lebensqualität verschafft.

Dies war so, als schwere körperliche oder monotone Fließbandarbeit vorherrschte und in der Fabrik, im Bergwerk und am Hochofen täglich zehn bis zwölf Stunden geschuftet wurde. Böswillig könnte man sagen, dass sich inzwischen mehr Menschen in ihrer Freizeit durch die vielfältige Kompensation der Langeweile ruinieren als durch entfremdete Arbeit.

Kurze Arbeitszeit vernichtet Arbeitsplätze

Inzwischen finden die wirklich revolutionären Umbrüche im Büroalltag und nicht bei Streiks vor den Fabriktoren statt. Diese Revolution haben Gewerkschaftsfunktionäre durch ihren Kampf um immer kürzere Arbeitszeiten übrigens ungewollt mit verursacht. Kürzere Arbeitszeiten in Deutschland führten zu einer weltweit einmaligen Automatisierung zunächst der industriellen Fertigungsprozesse, dann in den kaufmännischen Berufen. Später kam es zu einem Export von Fertigungskapazität in Schwellenländer, zunächst im gewerblichen Sektor und derzeit unter dem Stichwort Offshore-IT auch im Bereich der Software-Entwicklung und des Outsourcing.

Am Ende steht in jedem Fall der Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland. Die geht einher mit der Angst von Arbeitnehmern, die noch einen Arbeitsplatz besitzen, diesen in der nächsten Rationalisierungswelle ebenfalls zu verlieren.

Es gibt weitere Gründe, sich einmal nüchtern mit den Nachteilen kurzer Arbeitszeit sowohl für die Produktivität als auch für den Produzenten (Arbeitnehmer) Gedanken zu machen. Kurze Arbeitszeiten erfordern ein Höchstmaß an Zeitmanagement, denn die knappe Arbeitszeit muss besonders effizient genutzt werden. Das erhöht den Arbeitsdruck für Arbeitnehmer gewaltig. Oft kostet dieses Zeitmanagement zudem mehr Zeit als es Zeit einspart. Wir organisieren uns zu Tode!

Kurze Arbeitszeit zerstört Kreativität

Kurze Arbeitszeit zerstört Kreativität

Kurze Arbeitszeiten sind außerdem schlecht für die Kreativität. Wer während seiner Arbeitszeit oder während einer ausgiebigen Mittagspause keine Zeit mehr hat, über bessere Lösungen nachzudenken, wird auch keine besseren Lösungen entwickeln, ist also nicht mehr kreativ.

Wer kaum mehr die Ergebnisse seiner Leistungen wahrnimmt, weil sich in immer kürzeren Arbeitszeiten nur noch wenig am Stück bewältigen lässt, weil Pausen und entspannende Leerlaufzeiten verschwinden, wird seiner Arbeitswelt bald noch stärker entfremdet sein als ein Mensch, der es gewohnt ist, acht bis zehn Stunden am Tag vielseitig zu arbeiten.

Es gibt zum Beispiel vereinzelt Unternehmen, die anstelle kürzerer Arbeitszeiten einen "Raum der Stille" eingerichtet haben, für die kreative Verschnaufpause, für das Nickerchen nach der Mittagspause oder Ähnliches. Wo so etwas existiert, beschweren sich Mitarbeiter über längere Arbeitszeiten nicht oder zumindest nur selten.

Mehr Arbeitszufriedenheit statt kürzerer Arbeitszeit

Die veränderte Art und Weise, in der wir in Deutschland heute unseren Lebensunterhalt verdienen, erfordert auch ein verändertes Verständnis von der Qualität der Arbeitszeit. Im Mittelalter hatte Thomas von Aquin die Vorstellung, dass ein Mensch grundsätzlich Arbeitender ist und dem Arbeitgeber seine Arbeitskraft zur Nutzung überlässt. Der Arbeitsvertrag war daher für Thomas von Aquin juristisch ein Mietvertrag. Wenn dieser Mietvertrag ausläuft, wohnt der Mensch weiterhin an seinem Arbeitsplatz. Was ist das auf die Gegenwart übertragen anderes, als Arbeit im Homeoffice und damit die von immer mehr Menschen geschätzte Verbindung zwischen Familie und Privatleben auf der einen und beruflicher Tätigkeit auf der anderen Seite?

Der Lohn der Arbeit

Was also ist der Lohn für Arbeit? Ist dies wirklich nur Geld als ein Äquivalent für Zeit? Das war es doch noch nie. Wir haben längst begonnen, bezahlte Arbeit nicht mehr allein nach quantitativen Maßstäben zu bemessen, sondern legen einen flexibleren Maßstab an. Es gilt, neue Dimensionen von Arbeitszufriedenheit auszuloten. Von jeher gehören die folgenden dazu: Erfolg, Anerkennung, Chancen, Freude an dem Geleisteten. Daraus erwachsen Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, geistige Beweglichkeit, neue Chancen und höhere Leistung.

Wer mit mehr Freude arbeitet, sieht mehr Chancen als Risiken, wird seltener krank, sorgt für ein besseres Betriebsklima, ist eher bereit, Geld auszugeben, kurbelt so die Wirtschaft an und trägt letztlich zu neuen Arbeitsplätzen bei. Wenn wir die Freude der Arbeitnehmer an ihrer Arbeit also steigern, anstatt über die Dauer der Wochenarbeit zu streiten, würde sich das sowohl auf die Produktivität als auch auf das Lebensgefühl der Mitarbeiter auswirken. Hier haben wir einen Hebel für Effizienzreserven bei vollem Zufriedenheitsausgleich.

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