Deutschlands Zukunft Rettet den Kapitalismus!

Die Marktwirtschaft ist die bislang produktivste Wirtschaftsform. Kein anderes System garantiert dasselbe Maß an Freiheitsrechten. Doch wenn sich der Kapitalismus vom Gesellschaftlichen löst und zur Weltanschauung wird, muss er versagen, warnt Strategie-Experte Bolko von Oetinger zum Auftakt der fünfteiligen mm.de-Serie.

"Rettet den Kapitalismus!" Klingt diese Aufforderung nicht überzogen, ja geradezu absurd? Wenn etwas, in welthistorischen Maßstäben gesehen, keiner Rettung bedarf, dann ist es doch wohl der Kapitalismus.

Worum geht es also, wenn wir, das Strategieinstitut der Boston Consulting Group, dazu aufrufen, den Kapitalismus zu retten?

Es geht nicht darum, Einzelunternehmen oder ganze Branchen zu retten. Diese werden nach den unvermeidlichen Marktgesetzen immer wieder aufsteigen und zugrunde gehen.

Es geht auch nicht um die Rettung des Kapitalismus vor seinen traditionellen Systemkritikern. Deren intellektuelles Potenzial hat sich mit der historischen Zäsur von 1989 ziemlich erschöpft.

Wohl aber geht es uns um die Rettung des Kapitalismus vor seinen blinden Liebhabern. Denn der Kapitalismus ist etwas zu Wertvolles, um ihn diesen allein zu überlassen.

Was vor diesen blinden Liebhabern in Schutz genommen werden muss, ist das Selbstverständnis eines Kapitalismus, der seine gesellschaftlichen Verankerungen wieder erkennt, respektiert und pflegt. Jede Wirtschaftsform ist stets in eine bestimmte Kultur und Gesellschaft eingebettet. Eine Spannung zwischen Gesellschaft und Kultur auf der einen Seite, der Ökonomie auf der anderen Seite ist deshalb ganz normal.

Aber mittlerweile - und das ist die Sorge, die uns, die Autoren dieser Artikelserie, umtreibt - ist dieses Spannungsverhältnis aus der Balance geraten. Das Pendel ist zu weit in Richtung Ökonomie ausgeschlagen.

Die Ursachen dieser Bewegung sind in der phänomenalen Erfolgsgeschichte des Kapitalismus zu finden. Der Kapitalismus ist die bislang produktivste Wirtschaftsform.

Aber weiß er noch um die sozialen und kulturellen Grundlagen seines Erfolgs? Die wachsende Überbetonung des Ökonomischen, die wir seit Jahren erleben, hat zu erheblichen Verwerfungen geführt. Genau diese Entwicklung hat jetzt die Kultur auf den Plan gerufen.

Die pervertierte Globalisierung

Die pervertierte Globalisierung

Die Gesellschaft, die öffentliche Meinung - und nicht die Wirtschaft - hat die fundamentale Bedeutung von Vertrauen für das Funktionieren wirtschaftlicher Transaktionen angemahnt. Vertrauen als Grundphänomen menschlichen Zusammenlebens ist die Basis alles wirtschaftlichen Handelns.

In den letzten Jahren wurde vielen Unternehmen der Shareholder-Value aber zunehmend wichtiger als der Schutz des Vertrauens. Der Kapitalismus hat somit die kulturellen und gesellschaftlichen Grundlagen seines Erfolgs selbst durchlöchert und begonnen, sich aus Kultur und Gesellschaft zu lösen. Dieser Trend muss wieder umgekehrt werden.

Hinzu tritt ein falsches Verständnis von Globalisierung. Seit Menschen begonnen haben, Waren und Dienstleistungen, Kapital und Arbeit auszutauschen, wächst unsere Welt zusammen. Natürlich haben der Abbau nationaler Handelsbarrieren und die sich verstärkende Integration der Volkswirtschaften in den letzten Jahrzehnten noch einmal erheblich an Dynamik gewonnen.

Aber wirklich neu an dem Phänomen, welches derzeit mit dem Begriff der Globalisierung beschrieben wird, ist etwas anderes: Neu ist, dass die Entgrenzung von Wirtschaftsbeziehungen begleitet wird von der Annahme, alle Kulturen und Gesellschaften befänden sich mehr oder weniger auf demselben Entwicklungspfad und seien dabei, Bestandteil ein und desselben "Global Village" zu werden.

Zwar gibt man zu, dass die Gesellschaften auf diesem Weg unterschiedlich weit vorangeschritten sind, die Geschwindigkeiten der historischen Entwicklung variieren mögen. Aber die Vernunft der Geschichte - so wird unterstellt - werde schon dafür sorgen, dass eines Tages die ganze Welt wie ein "großes" dereguliertes Amerika aussehen werde.

So nimmt der Kapitalismus Züge einer Weltanschauung an. Der Begriff der Globalisierung steht nicht mehr für eine sachliche Diagnose ökonomischer Sachverhalte, sondern für eine Konvergenztheorie gesellschaftlicher Entwicklung, die blind ist für die Vielfalt von Kulturen.

Die neue Pflicht der Unternehmer

Die neue Pflicht der Unternehmer

Wer so von einer Moderne ausgeht, der bedroht die Vielfalt der Kulturen und ruft dadurch zwangsläufig Abwehrreaktionen hervor, die sich schließlich gerade für das künftige Schicksal des Kapitalismus als äußerst destruktiv erweisen können.

Noch einmal: Die Prinzipien des Kapitalismus sind unbedingt zu verteidigen: Keine andere Wirtschaftsform garantiert dasselbe Maß an individuellen Freiheitsrechten.

Auch an der ökonomischen Rationalität des Kapitalismus kann kein Zweifel bestehen. Da er sich evolutionär weiterentwickelt, vermeidet er die Starre orthodoxer Systeme. Schon deshalb ist er wert, gerettet zu werden.

Doch wenn er sich vom Gesellschaftlichen löst und zur Weltanschauung wird, muss der Kapitalismus versagen. Davor ist er zu bewahren.

Entscheidend für die Rettung des Kapitalismus wird das Selbstverständnis der Unternehmer sein. Natürlich müssen sie ihre wirtschaftlichen Ziele verfolgen. Aber sie sollten die wirtschaftliche Betrachtung des Gesellschaftlichen wieder mit der gesellschaftlichen Betrachtung des Wirtschaftlichen verbinden.

Es gilt, sowohl im "Innenverhältnis", das heißt in der Beziehung zur Gesellschaft, Vertrauen zu respektieren und aufzubauen als auch im "Außenverhältnis", das heißt in der Beziehung zur Welt, keine Weltanschauung zu vertreten - auch nicht implizit.

Wieweit die Unternehmer dies allein, also selbstregulierend, vermögen und ob sie die Politik um Hilfe bitten sollten, ist eine Frage der politischen Einschätzung.

Aufgrund ihrer profunden Kenntnis der globalisierten Wirtschaft könnten Unternehmen sogar einen aktiveren Platz in der Zivilgesellschaft einnehmen. Ob sie es sollten, ist wiederum eine Frage politischer und gesellschaftlicher Gestaltung.

Rettet den Kapitalismus: Der gefährliche Gehilfe Rettet den Kapitalismus: Die Rückkehr der Kulturen Rettet den Kapitalismus: Die Rettung des Vertrauens Rettet den Kapitalismus: Was wir wirklich tun können


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