Kommentar Die Botschaft von Düsseldorf

Die einen hielten den Mannesmann-Prozess von Anfang an für überflüssig. Andere spätestens jetzt, nach dem Freispruch für alle Angeklagten. Justitia hat nicht mit dem Schwert zugeschlagen, sondern mit dem Seziermesser gearbeitet. Das Verfahren hinterlässt Spuren - feine eben.

"Da ging's aus wie's Schießen zu Hornberg und mussten abziehen mit langer Nase". (Spiegelberg zum Räuber Moos in Friedrich Schillers "Die Räuber", 1. Akt, 2. Szene)

Das Urteil im Mannesmann-Verfahren ist gesprochen, versehen mit einer sorgfältig abwägenden Urteilsbegründung. Es liegt wohl in der Natur des Abwägens, dass sich anschließend jeder der Beteiligten das herauspickt, was ihm gefällt, und die anderen Teile kleinredet. So auch hier.

Einerseits hat die Vorsitzende Richterin sämtliche Angeklagten freigesprochen. Andererseits hat sie ihnen eine detaillierte Liste ihrer Verfehlungen vorgelegt. Als sich die Pforten von Saal L 111 im Düsseldorfer Landgericht öffneten, lag vielen Journalisten schon das Wort vom "Freispruch zweiter Klasse" auf der Zunge.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ahnte das. Noch bevor es ausgesprochen wurde, hielt er dagegen: "Ein Freispruch ist ein Freispruch."

Eine Frage des Gleichgewichts

Juristisch besteht daran kein Zweifel. Die Öffentlichkeit jedoch wird anders urteilen. Schließlich wurde gegen das Aktienrecht verstoßen. So bleibt auch die Hoffnung Klaus Essers ein frommer Wunsch, mit diesem Urteil könne der Schaden überwunden werden, den sein Ruf erlitten habe. Esser wurde nicht, wie gewünscht, voll rehabilitiert.

Also alles wie vorher? Unbeeindruckt die Kungelrunden der Deutschland AG, weit entfernt davon das Heer der Arbeitnehmer, das sich frustriert abwendet? Die Demonstranten heute in Düsseldorf sehen das so: Ein Urteil wie das Hornberger Schießen, viel Lärm um nichts.

Doch ganz so ist es nicht. Der Prozess hat das Gleichgewicht in der Diskussion wiederhergestellt. Wenn von Reformen in Deutschland die Rede ist, kann es nicht allein um vermeintlich arbeitsunwillige Arbeitslose und sinkende Löhne gehen. Fast mag man nicht an einen Zufall glauben, dass das Urteil in eine Zeit fällt, in der Tarifverträge wie Vorstandsgehälter heiß umstritten sind. Jeder, egal ob an der Spitze oder an der Werkbank eines Unternehmens, kann für eine Leistung nur einmal ausbezahlt werden.

Den Ermessensspielraum der Unternehmen hat die Richterin geschützt - die Höhe von Essers Prämie stand für sie nie zur Debatte, so absurd sie erscheinen mag. Aber die Strafkammer hat klargestellt, dass die müden Abnickergremien in den Konzernen leicht zur Verantwortung gezogen werden könnten. Aktienrechtlich, nicht strafrechtlich.

Nicht nur bei den Arbeitern und Angestellten wächst der Druck, das ist die Botschaft dieses Prozesses. Juristisch bleiben die Angeklagten ungeschoren, in der öffentlichen Wirkung nicht.