Freitag, 21. Februar 2020

Die Zukunft Deutschlands Total global

Die globale Wertschöpfung deutscher Konzerne beschleunigt sich, so eine BCG-Studie. Folge: Aus Deutschland kontrollieren nur noch wenige Dutzend Topmanager die globalen Abläufe - der Rest arbeitet im Ausland. manager-magazin.de sprach mit BCG-Manager Udo Jung über die Folgen der Standortflucht.

mm:

Herr Jung, wie sieht ein perfekt globalisierter Konzern im Jahre 2010 aus?

Udo Jung leitet die deutsche Praxisgruppe "Operations" der Boston Consulting Group (BCG). Der Berater hat sich auf die Themen Wertmanagement, Prozessoptimierung und Strategie spezialisiert. Jung begleitete europäische sowie asiatische Unternehmen bei der Globalisierung ihrer Wertschöpfungsketten.
Jung: Der Konzern konzentriert sich auf wenige Kerngeschäfte, die er global betreibt. Das Unternehmen versteht die Technologie, den Kundenbedarf, die Marketing- und Distributionskanäle in fast allen Regionen der Welt. Und dieser Konzern ist der Kostenführer in seiner Branche. Er hat im Vergleich zu seinen Wettbewerbern eine sehr gute Position, weil die Wertschöpfungskette globalisiert ist - dies gilt sowohl für die eigene Wertschöpfung als auch für das Zulieferernetzwerk.

mm: ... das heißt er kauft global ein?

Jung: Der Konzern wird Standardkomponenten, Vorprodukte und auch einen Teil der Dienstleistungen aus Niedrigkostenländern beziehen. Er wird diese Produkte an die regionalen und lokalen Kundenbedürfnisse anpassen und entsprechend modifizieren. Dadurch verhindert er die Austauschbarkeit beim Kunden.

mm: Welche Geschäftsbereiche eines stark globalisierten Konzerns werden weiterhin in der "Heimat" bleiben?

Jung: Es können von der Führungsfunktion und auch von den Forschungs- und Entwicklungsaufgaben sehr viele in der Heimat bleiben. Wichtig ist, dass jedes Geschäft seine Wertschöpfungskette durchdekliniert und sagt: "Wo muss ich vertreten sein? Wo muss ich einkaufen? Beziehe ich Produkte, deren Know-how so wichtig ist, dass die tägliche Interaktion mit dem Lieferanten entscheidend ist - dann werde ich die hier kaufen. Wenn es eher standardisierte Produkte sind, dann werden die Konzerne nicht daran vorbeikommen, in Niedriglohnländern einzukaufen.

mm: Welches Unternehmen kommt diesem Idealtyp bereits entgegen?

Jung: Schauen Sie sich etwa Adidas an, eines der renommiertesten deutschen Unternehmen. Marketing, Design und Kundenmanagement sind hier zu Lande verblieben. Die Produktion hingegen ist fast zur Gänze in Niedrigkostenländern.

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