40-Stunden-Woche Verblasste Strahlkraft

Nachdem Siemens in seinen nordrhein-westfälischen Werken die 40-Stunden-Woche einführte, war der Jubel groß. Deutschland bewegt sich doch, hieß es. Mehrarbeit schien der Schlüssel zum Aufbruch. Doch war der Kompromiss von Bocholt und Kamp-Lintfort wirklich der große Durchbruch?

Hamburg - Kamp-Lintfort ist so typisch deutsch wie deutsche Provinz in Nordrhein-Westfalen eben ist. Auf der Internetseite der 40.000-Seelen-Stadt finden sich Nachrichten wie jene über die neue Städtepartnerschaft mit dem polnischen Zory oder die Ankündigung des Auftritts eines gewissen Olaf Henning im Spaßbad.

Und es gibt den Hinweis auf den Erhalt der Arbeitsplätze in der örtlichen Siemens-Dependance. Weil die Lintforter Belegschaft künftig ebenso wie die Kollegen im benachbarten Bochholt die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich auf eine 40-Stunden-Woche ausdehnt, sind Verlagerungspläne vom Tisch. Zuvor hatte Siemens gedroht, Teile der Handy-Fertigung ins billigere Ungarn zu verlegen.

Längst strahlt die Einigung auf das gesamte deutsche Wirtschaftsleben ab. Das Ringen zwischen Konzern und IG Metall fand bundesweit aufmerksame Beobachter. Bosch, MAN , Lufthansa , Condor - nach Presseberichten sollen derzeit mehr als 100 Unternehmen über Mehrarbeit verhandeln. Der Erfolg von Siemens-Chef Heinrich von Pierer wirkt wie ein Anfeuerungsruf auf der Zielgeraden, auch wenn er unlängst hinzufügte, dass das Verhandlungsergebnis in Bocholt und Kamp-Lintfort nicht einmal für Siemens Symbolwirkung habe.

Dennoch: Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sah gegenüber der "Financial Times Deutschland" in dem Kompromiss die Chance auf "eine neue Kultur der Tarifpartnerschaft". CDU-Chefin Angela Merkel erklärte von Pierer zum "Eisbrecher" und erwartete, dass sich "viele Nachahmer" finden würden.

Vor Überbewertung wird gewarnt

Bleibt die Frage, ob Mehrarbeit tatsächlich das Zeug zum Allheilmittel für die malade Binnenwirtschaft hat. Beobachter warnen vor einer Überbewertung. "Es hilft nicht, nur an einer Schraube zu drehen", sagt etwa Jörg Hinze, Konjunkturexperte für Deutschland am Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), gegenüber manager-magazin.de.

Unzweifelhaft trägt die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zur Konkurrenzfähigkeit hiesiger Unternehmen bei. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele. So hat sich die Deutsche Telekom  mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Der sieht Arbeitszeitverkürzung und Gehaltsverzicht vor. Im Gegenzug bleiben 10.000 Arbeitsplätze erhalten.

Der Autobauer Opel führte 2003 die 30-Stunden-Woche ein, weil der Absatz stockte, und sicherte so mehr als 1000 Stellen. Freilich zeigt die GM-Tochter auch, wie schnell das Pendel zurückschwingen kann. Im Bochumer Opel-Werk liegen Betriebsrat und Management derzeit im Clinch, weil die Arbeitszeit von 35 auf 38 Stunden erhöht werden soll.

"Nicht mehr, sondern flexiblere Arbeitszeit sind notwendig", sagt HWWA-Experte Hinze. Die verkrusteten Tarif- und Arbeitsmarktstrukturen seien mit dem Siemens-Kompromiss nicht überwunden. Von den hohen Lohnnebenkosten gar nicht zu reden.

Kein Dammbruch

Gescheitert scheint jedenfalls das Gewerkschaftsmodell zu sein, über weniger Arbeitzeit mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Jene aber, die im Casus Kamp-Lintfort den Abschied der IG Metall von der lieb gewonnenen 38-Stunden-Woche sehen, könnten eine böse Überraschung erleben. Denn die Arbeitnehmervertreter sind keineswegs geschlagen.

"Es gibt keinen Weg, den schmalen Türspalt, den einige sehen, weit aufzureißen", sagte IG-Metall-Chef Jürgen Peters der Zeitung "Die Welt". "Die IG Metall wird in Fragen der Arbeitszeit künftig gemäß dem Tarifvertrag agieren. Und das heißt Einzelfallprüfung", erklärt Josef Esser, Politikwissenschaftler an der Universität Frankfurt. Die Gewerkschaft werde sich die Gestaltungsmöglichkeit nicht nehmen lassen.

Von einem Dammbruch kann demnach keine Rede sein. Die Strahlkraft von Kamp-Lintfort scheint schon zu verblassen.