Bayer Gekappte Wurzeln

Für 20.000 Bayer-Beschäftigte heißt es Abschiednehmen vom Mutterkonzern. Am Donnerstag geht die Chemiesparte des Unternehmens als Lanxess offiziell an den Start. Damit endet zugleich eine Geschichte, die vor 141 Jahren mit der Gründung der Friedr. Bayer & Co. in Barmen-Rittershausen bei Wuppertal begonnen hatte.

Leverkusen - Sechs Monate wird die Gesellschaft voraussichtlich noch als 100-prozentige Beteiligung geführt, bevor sie endgültig im Zuge des geplanten Börsengangs Anfang 2005 aus der Bayer-Familie ausscheidet. "Lanxess wird eines der großen Chemieunternehmen in der Welt sein, mit einem umfassenden Portfolio und einem Umsatz von fast sechs Milliarden Euro", beschrieb Vorstandsmitglied Ulrich Koemm unlängst die Noch-Bayer-Tochter bei einer Präsentation in Köln.

Die Hälfte der gesamten Lanxess-Belegschaft ist an deutschen Standorten beschäftigt, hauptsächlich in den Werken Leverkusen, Dormagen und Uerdingen. Vertreten ist das Chemieunternehmen in 21 Ländern mit insgesamt 50 Gesellschaften. Kunststoffe und Kautschuke bilden das Kerngeschäft, wobei 60 Prozent des Umsatzes auf Polymere entfällt.

Für die Lanxess-Mitarbeiter ist die Trennung von Bayer  ein schmerzhafter Prozess. Denn ausgerechnet die Sparte, die das Traditionsunternehmen groß gemacht hat, wird abgespalten. "Die Wurzeln werden gekappt", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich Ende 2003 über den Beschluss. Doch die Trauer scheint inzwischen verflogen: "Alle Mitarbeiter haben den Umbau unterstützt, es gab keinen Protest oder Missmut", sagt ein Lanxess-Sprecher.

Druck der Investoren

Alternativen zur Strategie von Bayer-Chef Werner Wenning hatten die Chemiebeschäftigten auch kaum. Schließlich drohten Kündigungen und Betriebsschließungen. Der Betriebsrat setzte auf Sicherung so vieler Arbeitsplätze wie möglich - mit und ohne Bayer.

Tatsächlich war keines der vier Bayer-Geschäftsfelder in den vergangenen Jahren so umstritten wie die Chemie. Konjunkturanfällig und mit wenig Synergien im gesamten Verbund ausgestattet war die Sparte nicht rentabel genug. Ohnehin forderte der Kapitalmarkt seit Jahren die Zerschlagung des Konglomerats. Bayer möge sich auf Gesundheit und Pflanzenschutz spezialisieren - neudeutsch heißt das LifeScience.

Lipobay bringt die Wende

Doch erst die Lipobay-Krise im Jahr 2001 brachte die Wende. Der Vorstand setzte alles auf den Prüfstand. Die Konturen des neuen Unternehmens begannen sich abzuzeichnen. Der Pflanzenschutz (Bayer CropSience), inzwischen gestärkt durch einen milliardenschweren Zukauf, sowie die Gesundheit (Bayer HealthCare) sollten die beiden wichtigsten Standbeine sein. Hinzu kommen hochwertige Materialien (Bayer MaterialScience).

Ein lupenreiner LifeScience-Anbieter wird Bayer nicht sein. Einen späteren Verkauf der MaterialScience-Sparte hat Wenning kategorisch ausgeschlossen. Ohnehin war die Neuausrichtung für Bayer ein großer finanzieller Kraftakt. Hohe Wertberichtigungen rissen ein tiefes Loch in die Konzernbilanz. 2003 verbuchte Bayer erstmals in seiner Firmengeschichte einen Verlust - und zwar von 1,4 Milliarden Euro.

Unklar ist derzeit noch die Frage, in welcher Form Lanxess an die Börse gebracht wird - ob durch ein öffentliches Angebot (IPO) oder eine Offerte an die Bayer-Aktionäre (Spin-Off). Auch ein Verkauf ist nicht gänzlich ausgeschlossen, gilt aber als die unwahrscheinlichste Variante.

Schon in den nächsten Wochen könnte Bayer seine Entscheidung bekannt geben. Kommt es zu einem Spin-Off, haben die Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im Herbst noch einmal das Wort.

Von Peter Lessmann, DPA