Otto "Dies ist kein Präjudiz"

Auch der Hamburger Versandhandelskonzern Otto konnte sich im vergangenen Jahr nicht der Konsumflaute entziehen. Dennoch ist Konzernchef Michael Otto für die Zukunft vorsichtig optimistisch. Auf seinen möglichen Nachfolger wollte er sich im Rahmen der Bilanzvorlage nicht festlegen.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Großer Presseauflauf in der Zentrale des Versandhandelskonzerns Otto im Hamburger Stadtteil Bramfeld, als der im grauen Nadelstreifen gewandete Michael Otto um elf Uhr den Saal zur Bilanzvorlage 2003 betritt. "Typisch Herr Dr. Otto, immer pünktlich", so ein Haustechniker. Zumindest in den eigenen Reihen genießt der Konzernchef noch uneingeschränkte Achtung.

In den Medien war der über viele Jahre hoch Gelobte zuletzt nicht so gut weggekommen. Otto geht in die Offensive und schneidet das Thema gleich zu Beginn seiner Rede an. "Wer für seine unternehmerischen und persönlichen Leistungen über Jahrzehnte von der Presse sehr wohlwollend behandelt wurde, der muss auch Kritik ertragen können", sagte Otto. Allerdings hätte er sich über den einen oder anderen "falschen Bericht manchmal schon gewundert".

Außerdem betont er erneut, dass sich das vor der Zerschlagung stehende US-Unternehmen Spiegel Inc. in Familienbesitz befinde und damit keine Konzerntochter sei. Risiken, die Otto mit weniger als 100 Millionen Euro ansetzt, würden nur aus Krediten erwachsen, die er oder eines seiner Unternehmen an Spiegel gegeben hätten.

Nicht vom wirtschaftlichen Trend abgekoppelt

Zurück zur - wie es jetzt heißt - Otto Group: Der Konzern hat im vergangenen Geschäftsjahr 2003/2004 einen Umsatzrückgang um 4,5 Prozent auf 14,3 Milliarden Euro hinnehmen müssen. "Wir haben uns vom wirtschaftlichen Trend nicht ganz abkoppeln können", so der Vorstandsvorsitzende. Das galt besonders für den klassischen Katalogversand: Der Umsatz dort sank um 5,5 Prozent auf 2,156 Milliarden Euro.

Von März bis Mai, dem ersten Quartal des Otto-Geschäftsjahrs, steigerte sich der Umsatz der gesamten Gruppe aber immerhin um 4,1 Prozent. Otto ist zuversichtlich, bereits kurzfristig "weitere deutliche Leistungssteigerungen bei gleichzeitiger Kostenreduzierung zu erreichen und unsere Wettbewerbssituation zu verbessern".

Das Ergebnis vor Steuern (EBT) lag im Gesamtkonzern mit 307 Millionen Euro um 7,3 Prozent unter dem Vergleichswert des Vorjahres in Höhe von 332 Millionen Euro. Das Geschäft der Auslandsgesellschaften fiel dabei in Summe besser aus als das im Inland. In Europa (außerhalb Deutschlands) konnte der Vorjahresumsatz währungsbereinigt um 1,6 Prozent übertroffen werden. Im US-Markt wurde, bereinigt um Wechselkurseffekte, ein Umsatzwachstum von 6,9 Prozent erreicht.

Mit der Postbank wird verhandelt

Mit der Postbank wird verhandelt

Besonders hob Otto das Segment Finanzdienstleistungen hervor. Mit den Unternehmen EOS-Gruppe, Cofidis und Hanseatic Bank erzielte Otto im Geschäftsjahr 2003/2004 einen Umsatz von 1,063 Milliarden Euro. Das sind 4,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Inland konnte sogar ein Umsatzwachstum von 8,1 Prozent generiert werden. Stärker noch als der Umsatz ist der Ergebnisbeitrag dieses Segments vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) gewachsen. Er erreichte 269 Millionen Euro und übertraf damit deutlich den Vergleichswert des Vorjahres von 237 Mio. Euro.

Zu den Spekulationen über einen Einstieg der Postbank bei der Hanseatic Bank sagte Otto, dass man nicht nur mit den Bonnern über eine strategische Beteiligung verhandle. 25 Prozent der Anteile sollen aber bei Otto verbleiben. In der erfreulichen Entwicklung des Segments Finanzdienstleistungen und den Verkaufsabsichten sieht Otto-Finanzvorstand Michael Crüsemann keinen Widerspruch. "Wenn sie als Händler 100 Millionen investieren, dann ins Kerngeschäft und nicht in Banken", so Crüsemann gegenüber manager-magazin.de im Anschluss an die Bilanzvorlage.

Freude bereitet Otto die Logistiksparte Hermes, die der Konzernchef als "Wachstumsmotor" titulierte. Mit der Erweiterung der Zahl der Hermes Paket-Shops auf mittlerweile 10.000 biete Hermes seinen Kunden ein bundesweites Netz von Anlaufstellen, die seit November 2003 auch private Pakete für den innerdeutschen Versand annehmen.

E-Commerce-Anteil soll auf 20 Prozent wachsen

Ebenfalls erhebliches Wachstumspotenzial sieht Otto im Internet-Handel. Der E-Commerce gewinne dabei für den Konzern als zweitstärkste Säule neben dem klassischen Versandhandel beständig an Bedeutung. Die Position als weltweit zweitgrößter Online-Anbieter im Endkundengeschäft nach Amazon  sei gestärkt worden, sagte Otto. Dieser Vertriebsweg habe mit einer Steigerung des Bruttoumsatzes um 24 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2003/2004 bereits einen Anteil von deutlich über 10 Prozent am Gesamtumsatz der Gruppe. Innerhalb von rund fünf Jahren soll der Anteil von E-Commerce am Umsatz sogar auf 20 Prozent zu steigen.

Otto wiederholte sein Bekenntnis zum Standort Deutschland. Allerdings werden im Rahmen der Umstrukturierung des Konzerns in der Hamburger Konzernzentrale 500 Stellen gestrichen. "Durch natürliche Fluktuation", wie der Konzernchef versprach.

Auf die Frage, ob mit der Bestellung von Rainer Hillebrand zum Vorstandssprecher der Einzelgesellschaft Otto eine Vorentscheidung über seine Nachfolge getroffen wurde, sagte Otto: "Dies ist kein Präjudiz."

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