Siemens-Demo "Ortsübliche Menschenrechte"

Bundesweit mobilisierten IG Metall und Betriebsräte die Mitarbeiter des Siemens-Konzerns. Sie wollen nicht länger mit ansehen, wie die Unternehmensführung Jobs ins Ausland verlagert. Auch am Hauptsitz in München fürchten sich viele Siemensianer vor Entlassungen.

München - Als sich am Eingangstor die ersten Siemens-Mitarbeiter versammeln, wird der betriebseigene Sicherheitsdienst sofort misstrauisch. "Die Werksausweise, bitte!", fordert ein herbeigeeilter Herr mit blauem Hemd und schwarzer Krawatte. Der Zutritt zu den Gebäuden in der Münchener Hofmannstraße ist nur Angehörigen des Siemens-Konzerns  gestattet.

Das Problem: Viele Beschäftigte fürchten, dass ihnen der Zugang bald dauerhaft verwehrt werden könnte. "Nach wie vor stehen überall die Siemens-Arbeitsplätze auf dem Spiel", ruft Michael Leppek durch ein Megaphon rund 50 Siemensianern entgegen, die vor dem Werkstor stehen. Er ist Mitarbeiter des Siemens-Teams der IG Metall, und er schimpft über Restrukturierung und "rigorose Arbeitsplatzverlagerung" ins Ausland.

Mit einem Wohnmobil tourt Leppek durch München und besucht einzelne Siemens-Standorte, er will besorgten Mitarbeitern Mut machen und den Betriebsräten Solidarität bekunden. Ein Schriftzug auf dem Wagen ruft Siemens-Beschäftigte sarkastisch auf: "Siemens geht offshore - gehen Sie mit!" Ein Arbeitsplatz in China garantiere den Mitarbeitern ein "ortsübliches Gehalt", darüber hinaus "alle ortsüblichen Menschenrechte".

Klage gegen Entlassung gewonnen

Ob die zynische Botschaft bei den verunsicherten Kollegen ankommt, ist fraglich. Eher apathisch lauschen sie Leppeks Mobilisierungsversuchen: Dieser wirft der Siemens-Führung, die zwecks Arbeitsplatzerhalt die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich vorgeschlagen hatte, erpresserische Methoden vor: "Damit muss jetzt Schluss sein!"

Doch die Zuhörer werden erst richtig wach, als eine unscheinbare Frau sich dem Gewerkschafter Leppek nähert. Es ist Inken Wanzek, eine Art Vorbildfigur für alle entlassenen Siemens-Mitarbeiter. Im Oktober hat der Siemens-Konzern sie fristlos entlassen - wegen einer E-Mail, die vom Selbstmord einer Entlassenen berichtete.

Durch das Megaphon verkündet Leppek, was er gerade erfahren hat: Wanzek habe ihren Prozess vor dem Arbeitsgericht gewonnen. Siemens müsse sie nun weiter beschäftigen und ihr rückwirkend das Gehalt ausbezahlen. Die übrigen Mitarbeiter jubeln und rufen "Bravo!". Viele eilen auf Wanzek zu und fallen ihr um den Hals.

Ein "Zuckerbrot-und-Peitsche-Spiel"

Ein "Zuckerbrot-und-Peitsche-Spiel"

Heribert Fieber, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Siemens-Netzwerksparte in München, schildert das Schicksal der Entlassenen: "Die Leute haben nichts gelernt, außer der Firma Siemens zu dienen." Sie hätten auf Grund der spezifischen Anforderungen "nur auf einen Arbeitsplatz hin" studiert und gelernt.

Seinem ehemaligen Arbeitgeber wirft Fieber vor, die soziale Verantwortung aus den Augen zu verlieren - dabei sei Siemens "eine Firma, die über ein Milliardenvermögen verfügt." Fieber weiß, wovon er spricht: Inzwischen arbeitet der 60-Jährige nicht mehr, mit einem Altersteilzeitvertrag sei er de facto freigestellt worden.

Betriebsrat Bernd Lehmann bezeichnet das Vorgehen der Siemens-Führung als "Zuckerbrot-und-Peitsche-Spiel". Mal verkünde Konzernchef Heinrich von Pierer, der Standort Deutschland sei nicht gefährdet. Dann werde wieder damit gedroht, dass Jobs abgebaut und ins Ausland verlagert würden, sofern sich nichts an den Tarifen ändere.

Von Pierers Wohltäter-Image zerbröckelt

Viele sehnen sich zurück nach den glücklichen Zeiten der Siemens-Familie. Damals galt Konzernchef von Pierer noch als fürsorgliches Oberhaupt, und ein Arbeitsplatz beim Traditionsunternehmen Siemens schien eine sichere Zukunft zu garantieren. "Pierers Image als väterlicher Unternehmensführer hat gelitten", sagt Gewerkschafter Leppek, "er orientiert sich stark an General Electric , und die nehmen dort nicht so viel Rücksicht."

Dennoch: Einen letzten Rest von seinem alten Glanz haben der Konzern und dessen Chef sich offenbar bewahrt. So räumt selbst Leppek ein, Siemens sei "trotz allem ein guter Arbeitgeber". Er erzählt von E-Mails, die von Pierer selbst beantworte und von vielen persönlichen Mitarbeitergesprächen.

Um Einigung bemüht

Auch die erfolgreiche Klägerin Wanzek sieht es nicht als ihr Ziel an, Siemens Schaden zuzufügen: "Ich kämpfe um Wiedereinstellung", betont die 47-jährige Software-Entwicklerin, "nicht gegen Siemens".

Auch die IG Metall gibt sich durchaus kooperativ: "Dort, wo Siemens Not hat", sagt Gewerkschafter Leppek den zuhörenden Mitarbeitern, "sind wir bereit, mit Siemens zu reden". Momentan bemühen sich die Metaller um eine Rahmenvereinbarung mit der Siemens-Führung: Diese soll deutsche Standorte sichern und den Flächentarifvertrag weit gehend bewahren. Eine Einigung, dies suggerierten zumindest Medienberichte, sei in Sicht. So ist der bundesweite Aktionstag von Gewerkschaft und Siemens-Betriebsräten auch als "symbolische Aktion" und nicht als Akt des provokanten Protests gedacht.

Trotzdem stehen Siemens-Vertreter den Aktionen argwöhnisch gegenüber. Als Leppek versucht, mit seinem Wohnmobil auf das Werksgelände am Münchener Standort St.-Martin-Straße zu fahren, wird ihm die Zufahrt verwehrt. Leppek besitzt keinen Werksausweis.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.