Ölmärkte "Die kommenden Dekaden werden schwierig"

Die jüngste Preisrallye hat einmal mehr gezeigt, wie sehr der Westen am Öltropf hängt. Fatih Birol, Chefvolkswirt der Internationalen Energieagentur (IEA), sprach mit manager-magazin.de über unsere Abhängigkeit, neue Terrorgefahren und die Chancen alternativer Energien.

mm.de:

Herr Birol, zuletzt wirkte die Opec bei ihren Versuchen, den Ölpreisanstieg zu stoppen, mitunter hilflos. Wie viel Einfluss hat das Kartell noch im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten?

Birol: Die Opec hat an Marktanteil verloren. Grund hierfür ist die Hochpreispolitik des Kartells. Abnehmerländer haben darauf mit der Suche nach Alternativen geantwortet und Quellen erschlossen, die nicht unter Kontrolle der Organisation stehen. Dennoch: Die Macht der Opec ist geschwächt, aber nicht gebrochen. Heute liegt der Marktanteil der Organisation immer noch bei 40 Prozent.

mm.de: In den vergangenen Monaten waren die unterschiedlichen Positionen der Opec-Mitglieder offensichtlich. Die Amerika-freundliche saudi-arabische Regierung wollte die Fördermenge erhöhen. Indonesien oder der Iran bremsten. Droht der Opec die Spaltung?

Birol: Nein. Politische Bündnistreue - etwa bei den Saudis - ist auch nicht vorrangig entscheidend. Es gibt tatsächlich unterschiedliche Positionen in der Opec. Allerdings hängen diese primär von den jeweiligen Budgetsituationen ab. Einige Staaten brauchen mehr Einnahmen und argumentieren für ein höheres Preisniveau. Länder mit stabiler Haushaltslage wollen dagegen den Marktanteil erhöhen und fordern eine höhere Fördermenge.

mm.de: Bundeskanzler Gerhard Schröder machte beim jüngsten G8-Gipfel hauptsächlich Spekulanten für die Preisentwicklung verantwortlich. Welche Rolle haben die Märkte gespielt?

Birol: Vier Faktoren waren für den jüngsten Anstieg des Ölpreises verantwortlich. Erstens, die bereits erwähnte Hochpreispolitik der Opec. Zweitens, die weltweit prekäre Sicherheitslage; nicht nur im Nahen Osten bedrohen Terror und Unruhen die Erdölförderung, sondern auch in Venezuela oder Nigeria. Drittens, die Benzinnachfrage der USA und der Öldurst in China. Und viertens: Spekulanten. Dabei bereitet das Spiel der Opec mit dem hohen Ölpreis und die damit verbundene Nervosität der Märkte erst den Boden für Spekulanten. Es wäre allerdings übertrieben, ihnen die Hauptschuld zuzuweisen.

"Saudis müssen mehr gegen Terror tun"

mm.de: Sie nannten Terror als Grund für den Preisanstieg. Wie groß ist die Gefahr von Anschlägen auf die Erdölversorgung des Westens, zum Beispiel auf Pipelines oder die Verladeterminals in den Tankerhäfen?

Birol: Es könnte zu Anschlägen kommen. Darauf müssen die Abnehmerstaaten vorbereitet sein. In Saudi-Arabien, im Irak und in mehreren anderen Staaten im Nahen Osten ist die Lage sehr angespannt.

Eine zusätzliche Gefahr liegt darin, dass es im Ölmarkt keine Versicherungskapazität gibt. Ohne diese Überhänge führt die kleinste Störung zu Preissteigerungen. Es muss nicht einmal ein Anschlag sein, da reicht ein Brand in einer US-Raffinerie, und sofort steigt der Preis. Den Terror werden die Verantwortlichen nicht so schnell unter Kontrolle bekommen. Was jetzt aber geschehen muss, ist der Aufbau eben jener zusätzlichen Kapazitäten, um die Nervosität aus den Märkten zu nehmen.

mm.de: Vor allem Terrorakte in Saudi-Arabien beunruhigen die Märkte. Der wichtigste Erdöllieferant scheint gefährdet. Wie groß ist die Bedrohung durch die kritische Sicherheitslage dort?

Birol: Die saudische Regierung tut alles, um die Ölversorgung zu sichern. Die OECD-Staaten vertrauen den Verantwortlichen in Riad. Dennoch ist der gesamte Westen sehr nervös. Daher fordern wir, dass Saudi-Arabien mehr tut, um die Ölversorgung zu sichern, weil die Märkte sehr genau dorthin schauen. Die kleinste Störung hätte gravierende Folgen.

mm.de: Auch bei kleineren Lieferanten wie Nigeria oder Venezuela war die Situation zuletzt unsicher. Welche Folgen hätte ein Produktionsausfall von Staaten der zweiten Reihe?

Birol: Obwohl Nigeria oder Venezuela niedrigere Fördermengen erreichen, ist ihre Rolle nicht zu unterschätzen. Ein drohender Generalstreik in Nigeria etwa hätte ebenso Auswirkungen, wie eine Störung in Venezuela. Gerade Venezuela ist wichtig für die Ölversorgung der USA. Im Falle der kleineren Lieferanten sind es weniger die Lieferengpässe, die die Preise treiben. Die psychologischen Folgen jedoch tragen ihren Teil dazu bei.

"Die Ölabhängigkeit wird zunehmen"

mm.de: Viele Hoffnungen ruhen auf den Vorkommen im Irak, die als die zweitgrößten weltweit gelten. Welches Potenzial hat das Land? Könnte der Irak Saudi-Arabien zumindest teilweise ersetzen?

Birol: Vor dem Krieg hat die Internationale Energieagentur eine Studie über den Irak veröffentlicht. Damals gingen wir davon aus, dass das Land bis 2010 auf eine Fördermenge von vier Millionen Barrel pro Tag kommen wird. Zum Vergleich: Vor dem jüngsten Krieg wurden 2,5 Millionen Barrel pro Tag produziert.

Viele Beobachter haben uns damals Pessimismus vorgeworfen. Heute müssen wir erkennen: Wir hatten Recht. Zwar bietet der Irak hohe Reserven und leichte Ausbeutungsmöglichkeiten. Aber ohne politische Stabilität, ohne legitime Regierung, und ohne eine umfassende Modernisierung der Erdölbranche wird dort kein Ölkonzern investieren. Davon ist das Land weit entfernt. Daher bleiben wir bei unserer Prognose. Mittelfristig gibt es keine Chance, dass der Irak Saudi-Arabien nennenswert entlastet.

mm.de: Die jüngste Ölkrise hat einmal mehr gezeigt, wie abhängig die westlichen Industriestaaten vom Öl sind. Welche Möglichkeiten gibt es, diese Abhängigkeit zu reduzieren?

Birol: Derzeit ist die Situation sehr schwierig und wird in den kommenden zwei Dekaden schwierig bleiben. Die hohe Nachfrage in den OECD-Staaten stammt zu 98 Prozent aus dem Transportsektor. Hier durchsetzbare Alternativen zur Ölabhängigkeit zu finden, ist kaum möglich.

Ohne einen echten Durchbruch im Bereich der Verkehrstechnologie wird die Abhängigkeit steigen. Eine realistische Reaktion wäre die Verbesserung der Effizienz im Automobilbereich. Gerade in den USA gibt es viel Nachholbedarf. Das wird die Situation aber nicht drastisch verändern. Es gibt keine einfachen Lösungen.

"2005 droht höheres Ölpreisniveau"

mm.de: Welches Potenzial liegt in Ölsanden und Ölschiefer?

Birol: Der Abbau von Ölsand-Vorkommen, etwa in Kanada, ist teuer. Die Produktion eines Barrels kostet zwischen 17 und 18 Dollar, während die Gewinnung in Saudi-Arabien 1,5 Dollar kostet. Allerdings spielen die Kosten immer weniger eine Rolle, je teuerer das Öl auf dem Weltmarkt ist. Das ist derzeit zu beobachten, was ein weiterer guter Grund für die Opec-Staaten sein sollte, den Preis nach unten zu korrigieren. Ansonsten droht der Verlust von Marktanteilen. Insofern wächst die Bedeutung von Ölsanden und Ölschiefer mit dem steigenden Preis.

mm.de: Können erneuerbare Energien Entlastung bringen?

Birol: Bei der Konferenz über regenerative Energiequellen in Bonn Anfang des Monats haben einige Regierungschefs Wind und Solar eine große Zukunft prophezeit. Meiner Meinung nach war das übertrieben. Tatsächlich können erneuerbare Energien im Versorgungsbereich eine größere Rolle spielen. Im dominierenden Verkehrssektor aber haben diese Quellen in absehbarer Zeit keine Bedeutung.

mm.de: Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, auf den hohen Ölpreis zu reagieren, vor allem jene aus den energieintensiven Branchen?

Birol: Für Unternehmen gibt es kaum Möglichkeiten. Die Verantwortlichen könnten reagieren, indem sie Produktionsprozesse noch effizienter gestalten und so Energie einsparen. Eine weitere Alternative wäre die Auslagerung, Energie-Outsourcing sozusagen. Bereiche, die durch hohen Strom- oder Ölverbrauch hohe Kosten verursachen, könnten dorthin verlegt werden, wo Energie günstig ist. In den USA hat die chemische Industrie bereits begonnen diese Sparten nach Asien auszulagern.

mm.de: Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Ölpreis kurzfristig entwickeln?

Birol: In den verbleibenden sechs Monaten des laufenden Jahres bleibt die Nachfrage hoch. Wir rechnen für das Gesamtjahr mit rund 81 Millionen Barrel pro Tag. 2005 wird es einen zusätzlichen Bedarf geben. Wir gehen davon aus, dass dann 2,4 Millionen Barrel zusätzlich pro Tag nachgefragt werden. Das wäre die höchste Marke seit 25 Jahren. Sollten die Produktionsländer nicht die Fördermenge erhöhen oder Reserven auf den Markt bringen, wird sich das Preisniveau gegenüber 2004 noch einmal erhöhen.