Eurocopter "Eine Vision zum Fliegen bringen"

Die Hubschrauber-Sparte gehört zu den Überfliegern des EADS-Konzerns. Im Interview mit manager-magazin.de spricht Eurocopter-Manager Friedrich Dörhöfer über weiße Flecken auf der Helikopter-Weltkarte, revolutionäre Technik im Cockpit sowie die Weiterentwicklung des Joysticks zum Lenk-Werkzeug.
Von Christian Buchholz

mm.de:

Herr Dörhöfer, begegnet man dieser Tage anderen Unternehmenslenkern in Deutschland, tragen sie meist Sorgenfalten und erklären, wie bitter notwendig radikale Sparmaßnahmen sind. Dagegen scheint Eurocopter geradezu eine Insel der Seligen.

Dörhöfer: Nun ja. Auch wir sind ständig um Effizienzsteigerungen bemüht, doch sollen diese unseren Kunden und unserem Großaktionär EADS zugute kommen. Unsere Auftragsbücher sind voll. Die Produktionskapazitäten in Donauwörth wie auch im französischen Marignane sind ausgelastet, und die Arbeitsplätze für die nächsten viereinhalb Jahre sind gesichert.

mm.de: Ein Polster, um das Sie viele Manager beneiden dürften. Aber wie steht es mit dem Wachstum?

Dörhöfer: Das mittelfristige Ziel ist, den Umsatz von derzeit 2,6 auf mehr als 3 Milliarden Euro zu erhöhen. Aufgrund der guten Auftragssituation ist auch unsere Mitarbeiterzahl gewachsen: In knapp drei Jahren um 1200 Jobs allein in Deutschland. Doch auch unser Geschäft ist Zyklen unterworfen. So treffen wir beispielsweise mit dem Kampfhubschrauber "Tiger" und dem Transport- und Marinehubschrauber "NH 90" im Moment auf eine große Nachfrage bei militärischen Kunden im In- und Ausland. Die Modelle kommen zur richtigen Zeit auf den Markt. Aber der Markt ist nicht endlos ...

mm.de: Wie federn Sie diese Nachfragespitzen ab?

Leichter Hüpfer: Der Eurocopter "EC 120 B Colibri" ist ein einmotoriger leichter Hubschrauber, der zusätzlich zum Piloten bis zu vier Passagiere befördern kann.

Leichter Hüpfer: Der Eurocopter "EC 120 B Colibri" ist ein einmotoriger leichter Hubschrauber, der zusätzlich zum Piloten bis zu vier Passagiere befördern kann.

Foto: Eurocopter
VIP-Transporter: Der Eurocopter "AS 350 B3" dient als Lastenhubschrauber - oder mit entsprechender Innenausstattung zur Beförderung von Berühmtheiten und Konzernmanagern

VIP-Transporter: Der Eurocopter "AS 350 B3" dient als Lastenhubschrauber - oder mit entsprechender Innenausstattung zur Beförderung von Berühmtheiten und Konzernmanagern

Foto: Eurocopter
Verkaufsschlager: Kanzler Gerhard Schröder inspiziert den neuen Militär-Hubschrauber Eurocopter "NH 90" auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung 2004

Verkaufsschlager: Kanzler Gerhard Schröder inspiziert den neuen Militär-Hubschrauber Eurocopter "NH 90" auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung 2004

Foto: Eurocopter
Schneller als jedes Polizeiauto: Eurocopter "EC 120 B Colibri", ein leichter 5-Sitzer in der 1,7-Tonnen-Klasse, beim zivilen Einsatz in den USA

Schneller als jedes Polizeiauto: Eurocopter "EC 120 B Colibri", ein leichter 5-Sitzer in der 1,7-Tonnen-Klasse, beim zivilen Einsatz in den USA

Foto: Eurocopter


Senkrechtstarter:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Dörhöfer: Wir haben mit Hubschraubern ab 2 Tonnen bis 11 Tonnen Abfluggewicht die breiteste Palette unter allen Wettbewerbern. Und wir betreiben intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit, so dass uns ein Know-how-Vorsprung gesichert bleibt. Außerdem ist die Eurocopter-Gruppe mit 16 Tochterfirmen und zahlreichen Vertriebs- und Wartungszentren rund um den Globus vertreten.

Der 11. September und die Sicherheit

mm.de: Wie eng ist das Netzwerk?

Dörhöfer: Insgesamt fliegen unsere Hubschrauber in 133 Ländern der Welt. Jeder Kunde hat eine Eurocopter-Tochter oder -Vertretung in seiner Nähe. Diese Präsenz wird verstärkt durch eine mehr als 30-jährige Erfahrung in internationaler Zusammenarbeit mit 34 Ländern. Auch wenn es weltweit Konjunkturschwankungen gibt - einige Länder werden immer Bedarf haben. Und die Investitionsbereitschaft in der Hubschrauberindustrie steigt nach den Ereignissen vom 11. September 2001 wieder an. Denn gerade Hubschrauber sind ein unverzichtbares Element der inneren und äußeren Sicherheit.

Von Zürich nach Davos: Der Eurocopter "AS 365 N3 Dauphin" wird im kommende Jahr als VIP-Shuttle beim World Economic Forum (WEF) eingesetzt. Er ist ausgestatte mit zwei Motoren und besitzt ein Abfluggewicht von 4,3 Tonnen.

Von Zürich nach Davos: Der Eurocopter "AS 365 N3 Dauphin" wird im kommende Jahr als VIP-Shuttle beim World Economic Forum (WEF) eingesetzt. Er ist ausgestatte mit zwei Motoren und besitzt ein Abfluggewicht von 4,3 Tonnen.

Foto: Eurocopter
Potenter Alleskönner: Der "AS 365 N3 Dauphin" kann dank großer Leistungsreserven in städtischen Gebieten zielgenau auf Dächern landen und starten.

Potenter Alleskönner: Der "AS 365 N3 Dauphin" kann dank großer Leistungsreserven in städtischen Gebieten zielgenau auf Dächern landen und starten.

Foto: Eurocopter
Kälte-Künstler: Der Eurocopter "AS 332L1 Super Puma" ist ein Bestseller im Offshore-Transport und bei vielen Ölkonzernen im Einsatz. Er wurde unter anderem entwickelt für Flüge bei extremen Minustemperaturen.

Kälte-Künstler: Der Eurocopter "AS 332L1 Super Puma" ist ein Bestseller im Offshore-Transport und bei vielen Ölkonzernen im Einsatz. Er wurde unter anderem entwickelt für Flüge bei extremen Minustemperaturen.

Foto: Eurocopter
City-Hopper: Der Eurocopter "EC 145" - hier beim Flug über Frankfurt am Main - ist ein zweimotoriger Vielzweckhubschrauber der mittleren Gewichtsklasse und kann bis zu neun Passagiere befördern.

City-Hopper: Der Eurocopter "EC 145" - hier beim Flug über Frankfurt am Main - ist ein zweimotoriger Vielzweckhubschrauber der mittleren Gewichtsklasse und kann bis zu neun Passagiere befördern.

Foto: Eurocopter


Rotor-Schau:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

mm.de: Auch die Konzernmutter EADS verfügt über Ländervertretungen rund um den Globus. Profitiert Eurocopter davon?

Dörhöfer: Es handelt sich zwar formal um getrennte Bereiche, aber dass man gegenseitig von Kontakten profitiert, ist richtig. Alle großen Projekte bearbeiten wir gemeinsam.

mm.de: Profitieren könnte ihr 100-Prozent-Eigner EADS  vielleicht auch, wenn Eurocopter mit der starken Story, die Sie gerade schildern, als Spin-off an die Börse geht.

Dörhöfer: In Sachen Unabhängigkeit brächte das aber keine wesentliche Veränderung. Wir arbeiten bereits heute als eigenständiges Unternehmen im Konzern, sind für unser Geschäft selbst verantwortlich und fühlen uns auch ohne eigene Börsennotierung sehr wohl. Börsenpläne für Eurocopter gibt es nicht.

mm.de: Aber Expansionspläne. Momentan prognostizieren Sie besonders beeindruckendes Wachstum für den chinesischen Markt. Statt der derzeit etwa 150 zivilen Hubschrauber erwarten Sie langfristig 10.000 Helikopter, die durch das Reich der Mitte schwirren. Mit einer EADS-Beteiligung an dem chinesischen Produzenten Avichina und Kooperationen haben Sie sich auf den Aufschwung vorbereitet. Was macht Sie so optimistisch?

Dörhöfer: Es gibt Regionen, die mit Hubschraubern eindeutig unterversorgt sind. Das lässt sich so schlicht sagen, weil es für dieses Verkehrsmittel aufgrund seiner Wendigkeit und der Tatsache, dass es senkrecht starten, landen und in der Luft an einem Punkt stillstehen kann, in den allermeisten Fällen keine Alternativen gibt.

Allwetter-Modell und Future-Joystick

mm.de: Schon seit einiger Zeit sind die Zellen und Rotorsysteme der Eurocopter aus Verbundwerkstoffen gefertigt, während ihre amerikanischen Mitbewerber größtenteils noch immer Metallplatten vernieten. In der äußeren Form unterscheiden sich die Modelle allerdings nur wenig. Wie sieht der Hubschrauber der Zukunft aus?

Dörhöfer: Auf absehbare Zeit werden Hubschrauber äußerlich weiterhin so aussehen wie heute, oben und hinten mit einem Rotor versehen. Bleiben werden auch Kabine und Kufen beziehungsweise bei größeren Modellen ein Landefahrwerk. Aber im Inneren der Maschine geht der technologische Fortschritt weiter, beispielsweise auf den Feldern Sicherheit, Datenverarbeitung und Gewicht. Schon heute wird im Cockpit unseres "NH 90" als erstem Hubschrauber der Welt "Fly-by-wire"-Technologie eingesetzt, also die volldigitale Verarbeitung der Signalströme. Und wir arbeiten bereits an der Nachfolge-Technik - "Fly-by-light". Der Hubschrauber der Zukunft kann mit Lichtleitfaser-Technologie ausgestattet sein.

mm.de: Wie wird sich das Cockpit ergonomisch verändern?

Dörhöfer: Eine wichtige Leitlinie bei der Weiterentwicklung der Cockpit-Technik ist die Vereinfachung der Anzeigeinstrumente und der Bedienelemente. Der Steuerknüppel könnte beispielsweise in der Zukunft von einem Sidestick abgelöst werden, nicht unähnlich dem Joystick, wie Sie ihn heute von Computerspielen kennen. Mit einer wesentlichen Weiterentwicklung: Der Joystick für den Hubschrauber wird sich in alle Himmelsrichtungen bewegen lassen und gibt dem Piloten ein aktives Feedback über Leistungsreserven und Grenzbereiche des Hubschraubers. So kann er sich beispielsweise in potenziell kritischen Grenzbereichen nur mit großem Kraftaufwand übersteuern lassen. Bei ersten Prototypen funktioniert das schon ganz gut.

Klein wie ein Vogel: Prototyp der vierrotorigen Drohne "Quattrocopter" für Aufklärungs-Einsätze

Klein wie ein Vogel: Prototyp der vierrotorigen Drohne "Quattrocopter" für Aufklärungs-Einsätze

Foto: Eurocopter
Kaum größer als eine Euro-Münze: Intelligente Steuertechnik aus dem Innenleben der "Quattrocopter"-Drohne

Kaum größer als eine Euro-Münze: Intelligente Steuertechnik aus dem Innenleben der "Quattrocopter"-Drohne

Foto: Eurocopter
Erster "Fly-by-light"-Hubschrauber weltweit: Glasfaser-Technik im Prototyp, entwickelt in Ottobrunn

Erster "Fly-by-light"-Hubschrauber weltweit: Glasfaser-Technik im Prototyp, entwickelt in Ottobrunn

Foto: Eurocopter
Gewichtiger Brummer: Simulation des geplanten Schwerlast-Helikopters "HTH". 1200 Kilometer Reichweite und 13 Tonnen Zuladung sind die Planziele - jeweils das Doppelte der aktuellen Höchstwerte.

Gewichtiger Brummer: Simulation des geplanten Schwerlast-Helikopters "HTH". 1200 Kilometer Reichweite und 13 Tonnen Zuladung sind die Planziele - jeweils das Doppelte der aktuellen Höchstwerte.


Zukunftstechnik:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Schließlich gibt es auch bei der Software einen Entwicklungssprung. Durch die Digitalisierung von Landschaftsdaten ist es technisch möglich geworden, eine perspektivische Darstellung der Umgebung in das Cockpit einzuspielen, die dem Piloten eine präzise Orientierung in einem Umfeld mit Hindernissen ermöglicht.

Weltrekord-Helikopter in der Planung

mm.de: Um zu sehen, was draußen vor sich geht, braucht der Pilot doch nur durch die Scheiben zu schauen. Tagsüber jedenfalls ...

Dörhöfer: Das hilft nicht viel, wenn man im dichten Nebel oder über tief hängenden Wolken fliegt. Zudem kann mit Hilfe der digitalen Geländedatenbank auch dargestellt werden, wie die Umgebung aussieht, auf die sich der Hubschrauber zubewegt - der Pilot weiß dann genau, wo sich Häuser, Bäume, Strommasten oder sonstige Hindernisse befinden, wenn er über eine Bergkuppe fliegt.

Komfortable Kabine: Der Eurocopter "EC 130 B4" ist ein 7- bis 8-sitziger einmotoriger Hubschrauber. Seine Trümpfe sind der leisen Betrieb und ein großzügiges Platzangebot.

Komfortable Kabine: Der Eurocopter "EC 130 B4" ist ein 7- bis 8-sitziger einmotoriger Hubschrauber. Seine Trümpfe sind der leisen Betrieb und ein großzügiges Platzangebot.

Foto: Eurocopter
Grenzschützer: Der 2-motorige Eurocopter "EC 135" zeichnet sich vor allem durch hohe Sicherheit und Manövrierfähigkeit aus. Der Hubschrauber wird vielfach für Polizei- und Rettungsaufgaben bei allen Wetterlagen eingesetzt.

Grenzschützer: Der 2-motorige Eurocopter "EC 135" zeichnet sich vor allem durch hohe Sicherheit und Manövrierfähigkeit aus. Der Hubschrauber wird vielfach für Polizei- und Rettungsaufgaben bei allen Wetterlagen eingesetzt.

Foto: Eurocopter
Multitalent: Dank seiner geräumigen Kabine mit ebenem Boden eignet sich der Eurocopter "EC 145" für eine Vielzahl von Einsatzarten, darunter Transporte von bis zu neun Bordgästen, VIP-Flugdienste, Lebensrettung sowie Polizei- und Militäraufgaben.

Multitalent: Dank seiner geräumigen Kabine mit ebenem Boden eignet sich der Eurocopter "EC 145" für eine Vielzahl von Einsatzarten, darunter Transporte von bis zu neun Bordgästen, VIP-Flugdienste, Lebensrettung sowie Polizei- und Militäraufgaben.

Foto: Eurocopter
Lebensretter: Eurocopter "AS 350 B3" im Luftrettungseinsatz mit Seilwinde

Lebensretter: Eurocopter "AS 350 B3" im Luftrettungseinsatz mit Seilwinde

Foto: Eurocopter


Heli-Parade:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

mm.de: Das klingt erst einmal nach viel Aufwand für eine recht spezielle Zusatzfunktion ...

Dörhöfer: Das ist es auch, aber der Aufwand ist notwendig, um den Einsatzbereich von Hubschraubern zu erweitern. Diese Forschung ist immens wichtig für eines unserer nächsten Ziele: Eurocopter will den ersten Allwetter-Hubschrauber bauen - Nebel, Schnee, Regen und schlechte Sichtverhältnisse sollen den Einsatz und die Aufgabenerfüllung des Hubschraubers nicht behindern. So einen Hubschrauber gibt es bisher noch nicht. Nicht nur die Luftrettungsunternehmen, Polizei, Bundesgrenzschutz und Feuerwehr wünschen sich die Allwetterfähigkeit ihrer Hubschrauber aus nahe liegenden Gründen schon lange. Wir wollen diese Vision durch die Integration von Avionik und Sensortechnik zum Fliegen bringen.

mm.de: Außerdem wird der Schwerlast-Helikopter "HTH" auf den Markt kommen, der die derzeitige Konkurrenz in Sachen Reichweite - 1200 Kilometer - und Zuladung - 13 Tonnen - um fast das Doppelte übertreffen soll. Kann mit diesem Modell das Husarenstück, der Einstieg in den bis dato abgeschotteten US-Rüstungsmarkt, gelingen?

Dörhöfer: Dazu nur so viel: Das "HTH"-Programm ist zunächst einmal von besonderer Bedeutung, damit wir unseren hohen Technologiestandard, den wir durch die derzeitigen Bundeswehr-Programme "Tiger" und "NH 90 besitzen, weiterführen und sichern können. Eine Kooperation mit einem anderen Partner in den USA oder Europa ist aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll.

mm.de: Der Transporthubschrauber "NH 90" war einer der Stars der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA), die Mitte Mai in Berlin stattfand. Wie viele Bestellungen sind eingegangen?

Dörhöfer: Der "NH 90", an dem die italienische Agusta mit 32 und Stork Fokker aus den Niederlanden mit 5,5 Prozent beteiligt sind, ist das bisher größte in Europa aufgelegte Hubschrauberprogramm. Wir haben zurzeit 325 Bestellungen und 86 Optionen aus neun Ländern in Europa.