Alstom Korb für Siemens, Brautkleid für ABB

Der Mischkonzern steckt noch tiefer in den roten Zahlen als von Analysten befürchtet. Trotz der miserablen Jahresbilanz weiß Konzernchef Patrick Kron aber, wie wertvoll etwa die Turbinensparte ist. Die will er keinesfalls an Mitbewerber Siemens verkaufen - dafür wirft ABB den Hut in den Ring.

Paris/München - Der angeschlagene französische Industriekonzern Alstom wird im Rahmen des aufgelegten Rettungsplans rund 8500 Arbeitsplätze abbauen. Das sagte Unternehmenschef Patrick Kron am Mittwoch bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Paris.

Unterdessen scheint die EU-Auflage, nach der Alstom anderen Konzernen die Möglichkeit zum Einstieg oder Kauf von Sparten ermöglichen muss, für Siemens  nicht den erhofften Effekt zu zeigen. Stattdessen will die Schwedisch-Schweizerische ABB  eine Allianz mit Alstom in der Energiesparte schmieden. ABB-Sprecher Thomas Schmidt bestätigte gegenüber manager-magazin.de: "Wir haben einen ersten Schritt getan und unserer Interesse angemeldet." Für weitere Angaben sei es noch zu früh, Details über die Turbinensparte kenne ABB nicht: "Es läuft ja keine Due Dilligence", so Schmidt. Bisher hat offiziell kein dritter Konzern Interesse an der Großturbinen-Sparte bekundet.

ABB hatte seine eigene Kraftwerksparte in den Jahren 1999 und 2000, als der Konzern selbst in Schwierigkeiten steckte, in zwei Schritten an Alstom verkauft - die erste Tranche für etwa zwei Milliarden Dollar, die zweite für 1,2 Milliarden Euro. Das Herz der Kraftwerksparte war die besagte Großturbinen-Produktion.

ABB-Offerte macht Monti Freude

ABB hatte damals allerdings auch schlüsselfertige Kraftwerksanlagen inklusive Schaltanlagen, Kessel, Abgasanlagen und Kontrollsystemen im Programm. Einige Modelle dieser Kontrollsysteme liefert ABB bereits heute an Alstom. Ohnehin gibt es an den Produktionsstandorten Schweiz, Schweden, USA und Deutschland häufig die Situation, dass Alstom- und ABB-Halle benachbart auf demselben Werksgelände stehen. Als dritter Nachbar findet sich an einigen Orten schließlich auch Siemens, die 2003 für geschätzte 1,1 Milliarden Euro die Sparte Industrie-Turbinen von Alstom übernahmen.

"Wir sind ein möglicher Partner für das Turbinengeschäft in dem von Brüssel vorgegebenen Zeitrahmen", hatte ABB-Chef Jürgen Dormann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe) gesagt. Zusammen mit einem ablehnenden Statement des Alstom-Vorstandschefs bezüglich einer möglichen Siemens-Offerte hat ABB damit aus heutiger Sicht die besseren Karten - noch ist zumindest öffentlich aber auch kein Bieter-Wettkampf entbrannt.

Kurssturz als Reaktion auf miserable Geschäftszahlen

Alstom-Umsatz sank um mehr als vier Milliarden Euro

Mit der EU-Kommission hat sich Frankreich am gestrigen Dienstag als Voraussetzung für Staatshilfen darauf geeinigt, dass Alstom binnen vier Jahren mehrere industrielle Partnerschaften eingeht. Die ABB-Offerte wurde am heutigen Mittwoch von EU-Kommissar Mario Monti positiv bewertet; sie zeige, dass die beschlossene 4-Jahresregelung eine richtige Entscheidung gewesen sei.

Schwerpunkte für die angestrebten industriellen Partnerschaften sind Bahntechnik und Turbinenbau. Zumindest bei letzterem pocht ABB-Chef Dormann auf Beachtung: "Bei dem viel zitierten Stichwort europäische Champions sollte man ABB nicht vergessen", sagte Dormann. Allerdings seien die nationalen Empfindlichkeiten in Frankreich groß.

Die Lage des angezählten französischen Industriekonzerns ist jedoch auch weitaus schwieriger als erwartet. Im vergangenen Geschäftsjahr (bis 31. März) rutschte der Konzern noch tiefer in die Verlustzone, als von Marktexperten vorausgesagt.

Kurssturz als Reaktion auf miserable Geschäftszahlen

Der Fehlbetrag stieg von 1,43 Milliarden auf 1,84 Milliarden Euro und der Umsatz sank von 21,35 Milliarden auf 16,69 Milliarden Euro. Eine kurzfristige Verbesserung ist in den Kernbranchen Schiffbau und Energieanlagen nicht in Sicht. Die Börse nahm die Botschaft des Konzerns am Mittwoch mit Schrecken auf: Die Alstom-Aktie fiel am Morgen um gut 9,3 Prozent auf 1,07 Euro, schwankte im Tagesverlauf allerdings um mehr als fünf Prozent.

Seine Rettung sieht Alstom in einem Kapitaleinstieg des Staates und der Banken sowie weiteren Finanzhilfen. Das Eigenkapital soll um 1,8 bis 2,5 Milliarden Euro erhöht werden. Der Staat solle in der Sanierungsphase "ein wichtiger Minderheitsaktionär" mit einem Anteil zwischen 18,5 und 31,5 Prozent werden. "Es ist gewiss, dass der französische Staat seine Alstom-Beteiligung mittelfristig sieht", sagte Kron.

Zugleich machte der Konzernchef deutlich, dass eine Verbindung mit dem deutschen Konkurrenten Siemens kategorisch ausgeschlossen sei. "Ich habe bereits gesagt, dass es keine Gespräche über eine Verbindung, gleich welcher Art, mit Siemens gibt", sagte Kron. "Eine Verbindung wäre nicht im Interesse unserer Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre." Eine nähere Erläuterung gab Kron allerdings nicht zu Protokoll. Er zog sich zum Verhältnis mit Siemens vielmehr ins Anekdotische zurück. Bei einem Treffen mit Vorstandschef Heinrich von Pierer habe er gesagt, dass beide Konzerne auch "Kinder haben können, ohne zu heiraten".

Ein Siemens-Sprecher wollte zu der deutlichen Ablehnung aus Paris keine Stellungnahme abgeben. Sobald das Gesamtpaket in Brüssel verabschiedet sei, werde Siemens dies sorgfältig prüfen, sagte er.

Frachlokomotiven und Verkehrsgeschäft auf dem Tablett

Auf dem Tablett: Frachlokomotiven und Verkehrsgeschäft

Die Banken und andere Finanzinstitute sollen die Finanzierung der Alstom-Geschäfte für die kommenden zwei Jahre sichern. Alstom werde als Zugeständnis an Brüssel dabei nur weiteren Umsatz im Gesamtumfang von 1,5 Milliarden Euro abgeben, was die übrigen Geschäfte nicht beeinträchtigen werde. Dabei gehe es vor allem um den Bau von Frachtlokomotiven in Valencia (Spanien) und Verkehrsgeschäfte in Australien und Neuseeland, sagte Kron. Brüssels Zustimmung werde vor Ende Juni erwartet. Am Dienstag hatten Frankreich und die EU- Kommission sich schon weitgehend auf das Hilfspaket geeinigt, das den Konzern als Ganzes erhält.

Operativ erreichte Alstom im Geschäftsjahr 2003/04 wieder die Gewinnzone. Nach einem Verlust von 507 Millionen Euro wurde ein Ertrag von 300 Millionen Euro ausgewiesen. Der Schuldenberg wurde zwar von 4,92 Milliarden auf 3,00 Milliarden Euro abgebaut, doch schlagen sich darin Anteilsverkäufe und eine Kapitalerhöhung nieder: Der freie Kapitalfluss war negativ. Der Auftragseingang fiel um gut ein Fünftel, stieg aber auf vergleichbarer Basis um ein Prozent auf 16,5 Milliarden Euro.

Im laufenden Geschäftsjahr 2004/05 rechnet der Konzern mit stagnierenden Umsätzen. Die operative Marge werde zwischen 3,5 und 4 Prozent liegen und erst im darauf folgenden Jahr auf 6 Prozent steigen. Der Kapitalfluss sei schwer zu prognostizieren, dürfte aber mit minus 400 Millionen Euro erneut negativ sein.