Siemens Die Rettung der Wagenkästen

Mehr als eine Viertelmilliarde Euro wird den Konzern eine Fehlkonstruktion an 400 Combino-Straßenbahnen kosten. Die Meldung, dass bis aufs Räderwerk alle Zugteile erneuert werden müssen, dementiert Siemens jedoch gegenüber manager-magazin.de. Vielmehr werde nun geröngt, repariert und später vollsaniert.
Von Christian Buchholz

München/Hamburg - Es ist etwas faul am Dach der Combino-Straßenbahnen aus dem Hause Siemens . Ansehen kann man es den Fahrzeugen nicht, Unfälle hat es nach Konzernangaben ebenfalls noch nicht gegeben - aber bei Untersuchungen wurden in der Außenhülle der Waggons Haarrisse entdeckt. Im Falle einer Kollision wäre der Widerstand der Karosse daher schwächer als ursprünglich geplant.

Muss also an allen 400 Zügen, die weltweit bereits verkauft wurden, die Karosserie komplett erneuert werden? Die "Rheinische Post" berichtet am Dienstag, dass mit Ausnahme des Räderwerks sämtliche Teile getauscht werden müssten. Mit deutscher Ingenieurskunst und Qualität, made in Germany und by Siemens, hätte ein solches Horrorszenario natürlich wenig gemein.

Die Zeitung beruft sich auf ein internes Papier von Siemens, dass der Redaktion in Düsseldorf vorliege. Lesley Nicol, Siemens-Sprecherin für die Straßenbahnsparte, findet das "merkwürdig". Unter Fachleuten sei vielmehr bekannt, dass es verschiedenste Möglichkeiten gebe, eine Festigung der bestehenden Karosserie herzustellen. Ein Kompletttausch sei nicht notwendig. "Es ist heute schon sicher, dass wir die betroffenen Wagenkästen sanieren, aber nicht austauschen werden", so Nicol gegenüber manager-magazin.de.

Schaden dürfte 300-Millionen-Marke passieren

Sie bestätigt allerdings, dass sich die Summe von etwa 296 Millionen Euro, die für den Combino-Rückruf zur jüngsten Halbjahres-Pressekonferenz von Siemens als Rückstellungen gebildet worden waren, noch ansteigen könne. Nähere Angaben seien derzeit nicht möglich, weil Siemens zu dem Fall seine Forschungsarbeiten - an denen unter anderen auch das Fraunhofer Institut und die TU München beteiligt sind - noch nicht abgeschlossen habe. "Die vollständige technische Sanierungslösung liegt noch nicht vor, es werden zur Zeit noch verschiedene Varianten getestet und optimiert", so Nicol.

Erst wenn geklärt sei, wie man die Schadensfälle behebt, werde der Konzern Aktionäre und Öffentlichkeit "umfassend und inklusive Kostenangabe informieren". Dies werde "in absehbarer Zeit passieren". Dann wird Siemens sicher auch zur Höhe der Entschädigungen befragt werden, die die betroffenen Kommunen auf Grund der Ausfälle ihrer Trams fordern werden.

Bisher allerdings sollen noch keine Schadenersatzforderungen auf dem Tisch liegen. So heißt es jedenfalls aus dem Kreis der so genannten "User-Clubs": Hier treffen sich Vertreter betroffener Kommunen und Siemens-Mitarbeiter regelmäßig zum Informationsaustausch über die Combinos.

Vorbereitungen für die Reparaturaktion sind getroffen: 170 Mitarbeiter, vornehmlich in den Werken Uerdingen und Prag, sind bereits zur "Combino-Task-Force" berufen. Derzeit seien "deutlich unter hundert" Combino-Straßenbahnzüge außer Betrieb und somit check-bedürftig, was einem Viertel aller existierenden Combinos entspräche.

Reparatur- und Sanierungsmethode noch offen

Reparatur- und Sanierungsmethode noch offen

Alle Züge mit mehr als 120.000 Betriebskilometern wurden von Siemens bereits vor Monaten zur Überprüfung in die Werkstatt gerufen. Während anfangs noch umständlich manuell gecheckt wurde, übernehmen mittlerweile Röntgengeräte die Suche nach Materialermüdungen und Rissen in den Straßenbahnhüllen. Externe Gutachter haben laut Siemens die Wirksamkeit dieser Methode bescheinigt.

Anhand der Röntgenergebnisse werden die untersuchten Combinos dann in drei Gruppen eingeteilt: Ohne oder mit geringen Beanstandungen kommen die Züge wieder anstandslos in den Verkehr. Leichte, aber nicht sicherheitsrelevante Mängel führen bei einer zweiten Gruppe dazu, dass sie ebenfalls wieder auf die Schiene dürfen - der nächste Prüftermin wird allerdings früher angesetzt als bei der ersten Gruppe, das Check-Intervall ist verkürzt. In der letzten Gruppe schließlich finden sich die Waggons, die zur Reparatur bei Siemens bleiben.

Allerdings ist bis heute nicht geklärt, wie die Schäden geheilt werden. Lediglich, dass anschließend einige tausend weitere Betriebsstunden im stabilen Zustand möglich sein sollen, steht fest. Wie die insgesamt 400 Züge als allen Gruppe sollen die reparierten Combinos später noch einmal "zur Vollsanierung" eingesammelt werden.

Wie sehr es bei der Rettungsaktion für die Wagenkästen auch darum geht, die Schäden am guten Ruf von Siemens einzudämmen, belegt das Beispiel Bochum. Die Stadt soll nach anfänglichem Interesse nun kein Kaufinteresse mehr haben. Andere Städte, wie beispielsweise Düsseldorf, warten noch auf die Auslieferung. Aber bestimmt nicht geduldig.