Ölpreis Alle gegen die Opec

Regierungen in Europa und den USA fürchten um den Aufschwung. Grund: Der unvermindert steigende Ölpreis. Schon kostet Benzin so viel wie vor der Irak-Krise im vergangenen Jahr. Den Schuldigen haben die Verantwortlichen bereits ausgemacht.

Hamburg - Die Fahrt zur Tankstelle ist für die deutschen Autofahrer derzeit wahrlich kein Vergnügen. Der Benzinpreis hat den höchsten Stand der Nachkriegsgeschichte erreicht. Wie der Hamburger Energie Informationsdienst (EID) am Freitag nach eigenen Berechnungen mitteilte, kostet Superbenzin zurzeit im Bundesdurchschnitt 1,16 Euro pro Liter. Damit liegt der Sprit der besten Qualität auf dem Rekordniveau von Februar 2003.

Der Preis für einen Liter Normalbenzin liegt laut EID im Schnitt bei 1,14 Euro. Diesel koste inzwischen pro Liter 94 Cent, womit für diese Treibstoffsorte ein neues Jahreshoch erreicht sei. Der Rekordpreis für Diesel beträgt laut EID 97,5 Cent und stammt aus dem März 2003.

Der hohe Rohölpreis belastet zunehmend auch die Luftfahrtbranche. Lufthansa Cargo als weltweit führendes Luftfrachtunternehmen kündigte am Freitag an, bei anhaltend hohen Kerosinkosten würden kommende Woche die Treibstoffzuschläge auf die bislang höchste Stufe von 20 Cent je Kilo Fracht erhöht. Für das Passagierfluggeschäft schloss die Lufthansa dagegen die Einführung von Zuschlägen aus, weil der Konzern die Treibstoffpreise derzeit zu 90 Prozent abgesichert habe.

Die amerikanischen Fluggesellschaften American Airlines und Continental Airlines hatten in den vergangenen Wochen ihre bereits bestehenden Kerosin-Zuschläge um bis zu 50 Prozent erhöht. Der Luftfahrtverband IATA hatte am Dienstag mitgeteilt, die Kerosinkosten für seine weltweit 270 Mitgliedsunternehmen würden 2004 um rund 15 Prozent auf 67 Milliarden Dollar steigen.

"Höchst unwillkommener" Ölpreis

Der Ölpreis setzt derweil seinen Höhenflug fort: Am Donnerstag wurden für ein Barrel 32,50 Dollar fällig, nach 32,15 am Mittwoch. Die Besorgnis erregende Entwicklung an den Ölmärkten hat mittlerweile die Politik auf den Plan gerufen. Grund: Die steigenden Energiekosten könnten den zarten Aufschwung abwürgen. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) warnte entsprechend vor einem dauerhaft hohen Ölpreis. Sollte Erdöl auf längere Sicht so teuer bleiben wie jetzt, könnte dies die beginnende Konjunkturerholung in Europa gefährden, sagte Eichel dem "Handelsblatt".

Ähnlich äußerte sich Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Der starke Anstieg des Ölpreises sei mit Blick auf das globale Wachstum und die Inflation "höchst unwillkommen", sagte Trichet der "Financial Times Deutschland".

Der Ölpreis soll nun auch auf der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank am Wochenende in Washington auf die Agenda kommen. Die Öl- und Rohstoffpreise seien seit dem vergangenen Herbst unerwartet stark gestiegen, hieß es. Daher sei ein Dialog zwischen Erdölexporteuren und -importeuren notwendig, damit die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) ihrer Verantwortung für die Weltkonjunktur gerecht werde.

Attacke auf die Manipulierer

Schuld hat die Opec

Tatsächlich haben die Ölimporteure die Opec als Hauptschuldigen für die Misere ausgemacht. Die Organisation hatte Ende März beschlossen, die Produktionshöchstmenge um 4 Prozent zu drosseln, obwohl sie selbst mit einer steigenden Nachfrage rechnet. Die Verantwortlichen erwarten nun für 2004 einen Anstieg des durchschnittlichen weltweiten Rohölbedarfs um 2 Prozent auf 80,05 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 300.000 Barrel mehr als vorhergesagt.

Bislang erschöpft sich der geforderte Dialog allerdings in harschen Forderungen der von der Preiserhöhung betroffenen Staaten. Mehr Verantwortung für die Weltwirtschaft, forderte etwa Hans Eichel von der Opec. Der jüngste Beschluss, die Ölförderung zu drosseln, sei damit nicht zu vereinbaren. An die Organisation gerichtet wies auch EZB-Primus Trichet darauf hin, "dass jeder Partner in der derzeitigen globalen Wirtschaft seiner Verantwortung voll und ganz nachkommen sollte".

Keine Chance dem Kartell

Am härtesten ging der US-Ökonom Fred Bergsten mit den Opec-Ländern ins Gericht. Er fordert die westlichen Industrieländer auf, offensiv gegen die Erdölförderer vorzugehen. "Ich glaube nicht, dass wir einem Kartell von Erdölproduzenten erlauben sollten, die globalen Preise für den wichtigsten Rohstoff der Weltwirtschaft zu manipulieren", sagte der Direktor des Institute for International Economics in Washington, dem "Handelsblatt".

Es gebe eine Menge wirtschaftlicher und diplomatischer Druckmittel. Außerdem sollten einige Länder damit beginnen, einen Teil ihrer strategischen Ölreserven zu verkaufen, um den Preisanstieg abzumildern, forderte Bergsten.