Mannesmann-Prozess Frohe Krawattenkunde

Die Angeklagten konnten am Mittwoch einen womöglich entscheidenden Erfolg verbuchen. Lauter Jubel über die frohe Kunde verbietet sich zwar, solange kein Urteil gesprochen ist. Doch die Krawatten mancher Anwälte sprechen für sich. Ein Stimmungsbericht vom Prozesstag danach.
Von Christian Buchholz, Arne Stuhr und Matthias Kaufmann

Düsseldorf - Der Tag nach dem großen Knall. Richterin Koppenhöfer gab gestern in einem Rechtsgespräch den Zwischenstand im Mannesmann-Verfahren bekannt und viele hielten das schon für einen Freispruch. Dennoch ging es heute weiter.

Denn die Wahrnehmung und das juristische Reglement haben nicht allzu viel miteinander gemein: Ja, die Angeklagten können mit einem Freispruch rechnen - nach derzeitiger Faktenlage. Doch die Staatsanwaltschaft, die nach übereinstimmender Meinung unter Zugzwang steht, könnte theoretisch weitere Beweise nachlegen, um das Verfahren auf einen neuen Stand zu bringen. Diese Chance bekommt sie in den kommenden Prozesstagen. Die Beweisaufnahme geht wie geplant weiter, schließlich wurde kein Urteil gesprochen.

So müssen die sechs angeklagten Topmanager und Gewerkschafter weiter zu den Verhandlungen erscheinen, auf der Anklagebank ihre Zeit absitzen. Die Stimmung heute: wie am letzten Schultag vor den Ferien. Alles geht husch-husch, die meisten Prozessteilnehmer erscheinen gelöst.

Vor allem die Angeklagten. Die Krawatte ist bekanntlich der Spiegel der Seele. Und so kommen Sven Thomas, der Anwalt Klaus Essers, und Eberhard Kempf, der Verteidiger von Josef Ackermann, mit feierlich-heiterem Binder in Gold zur Arbeit. Bei Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ist der Frühling ausgebrochen. Violette, rosafarbene und grellorange Blumen prangen auf seiner Krawatte.

Auch die Richterin geht salopper zur Sache. Drei Zeugen hat sie rasch umdisponieren können. Sie werden nun alle gleichzeitig über ihre Rechte belehrt und im Zehn-Minuten-Rhythmus vernommen. "Das bringt uns allen ein wenig Zeitvorteil", so Koppenhöfer.

Dass sie das Verfahren weiterhin ernst nimmt, illustriert eine Szene während der Anhörung des ersten Zeugen. Der 42-jährige Michael M. kann sich nur an Weniges erinnern. Als Gedächtnisstütze wird ihm ein Dokument vorgehalten, das er sofort wiedererkennt. "Haben Sie das Schriftstück auch zu Hause", fragt die Kammervorsitzende. Er bejaht und bekommt eine Gardinenpredigt, weil er sich unzureichend vorbereitet habe: "Es geht hier schließlich nicht um einen kleinen Verkehrsunfall oder etwas ähnlich Abwegiges", stellt Koppenhöfer klar. Nach langer Pause trotzt der Gemaßregelte: "Ich wusste ja nicht, um welchen Zeitraum es hier geht."

Die Staatsanwälte kalt erwischt

Den Staatsanwälten ist heute wohl weniger zum Feiern zumute. Sie schreiten tapfer durch das Blitzlichtgewitter der Fotografen und üben sich in Business as usual. Kurz vor Schluss der Sitzung meldete sich Staatsanwalt Dirk Negenborn zu Wort, um eine Stellungnahme zu beantragen - nicht zum Rechtsgespräch, sondern Bezug nehmend auf zwei Beweisanträge der Verteidigung vom Vortag.

"Das hätten Sie doch schon früher machen können", wendet die Vorsitzende ein. Daraufhin lässt Negenborn durchklingen, dass die Prozesswende ihn und seine Kollegen kalt erwischt hat: "Sie müssen verstehen, dass wir etwas überrascht von den gestrigen Ereignissen waren."

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