Mannesmann-Prozess "Wir mussten Wunden heilen"

Er kaufte und zerschlug Mannesmann. Heute stand Chris Gent im Zeugenstand und nahm Ex-Mannesmann-Primus Klaus Esser in Schutz. Die strittigen Prämien hielt Gent geschäftspolitisch für notwendig. Das Geld für Joachim Funk aber kürzte er um ein Drittel - mit einem Handstreich.
Von Arne Stuhr, Christian Buchholz und Matthias Kaufmann

Düsseldorf - So viel Rummel war lange nicht mehr beim Mannesmann-Prozess. Um 8.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn, ist das Landgericht in Düsseldorf umlagert von Kamerateams und Übertragungswagen. Vor dem Zuschauereingang stehen die Neugierigen Schlange.

Gipfeltreffen: Josef Ackermann (li.) begrüßt im Düsseldorfer Landgericht den ehemaligen Vodafone-Vorstandsvorsitzenden Chris Gent

Gipfeltreffen: Josef Ackermann (li.) begrüßt im Düsseldorfer Landgericht den ehemaligen Vodafone-Vorstandsvorsitzenden Chris Gent

Foto: DPA
Großaufgebot: Chris Gent in den Fluren des Düsseldorfer Landgerichts

Großaufgebot: Chris Gent in den Fluren des Düsseldorfer Landgerichts

Foto: DPA
Markenzeichen: Chris Gent und sein Siegerlächeln

Markenzeichen: Chris Gent und sein Siegerlächeln

Foto: DPA
Tross: Chris Gent auf dem Weg zum Gerichtsaal L111

Tross: Chris Gent auf dem Weg zum Gerichtsaal L111

Foto: DPA




Sir Christopher in Düsseldorf:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur
Großansicht der aktuellen Prozessfotos zu gelangen.

Das Sicherheitspersonal steht unter Hochspannung. Ein auffallend Unauffälliger streicht um den Justizpalast, schaut in jeden Mülleimer, prüft jeden Autounterboden.

Und auch Richterin Brigitte Koppenhöfer ist bereits auf den Fluren unterwegs. Im Presseeck wird schon gewettet, ob sie den Zeugen von heute mit "Mr. Gent" oder "Sir Christopher" ansprechen wird.

Denn heute ist "Hai"-Tag. Der inzwischen geadelte Chris Gent (55), bis 2003 umtriebiger und expansionssüchtiger Firmenlenker von Vodafone , wird in den Zeugenstand treten. 2000, als er sich Mannesmann einverleibte, hatte die Boulevardpresse schnell einen Namen für ihn: "Der Hai". Sein Gegenspieler bei Mannesmann, Vorstandschef Klaus Esser, wurde "Das Superhirn" getauft.

Um 8.43 Uhr rauscht eine schwarze S-Klasse vor das Gerichtsportal, Frankfurter Kennzeichen. Chris Gent steigt aus, dunkle Hornbrille, dunkelblauer Nadelstreifen. Wenige Minuten später trifft auch Joachim Funk, der ehemalige Aufsichtsratschef von Mannesmann, ein. Er kommt zu Fuß.

Um kurz vor 9.00 Uhr tritt Richterin Koppenhöfer ans Mikrofon, ohne Robe, mit roter Jeansjacke: Der Sitzungsbeginn verzögere sich um 15 Minuten, weil noch immer Zuschauer durchsucht würden. Adel verpflichtet.

Dann verschwindet Koppenhöfer wieder hinter der schweren Holztür am Kopfende des Saals. Sie kehrt um 9.20 Uhr zurück, hochoffiziell in richterlichem Schwarz, und beginnt mit der Rechtsbelehrung von "Sir Christopher". Der sitzt umrahmt von seinem Anwalt und zwei Dolmetscherinnen auf dem kleinen Podium des Zeugenstands.

Esser wäre schon gern Vodafone-Chef geworden

Esser wäre durchaus gern Vodafone-Chef geworden

Er beginnt mit einer äußerst detaillierten Schilderung der Ereignisse zwischen Januar 1999 und dem 17. April 2000, die abschnittsweise übersetzt wird. Wenn Gent während seines Vortrags in seine schriftlichen Unterlagen schaut, wechselt er stets mit schnellem Griff die Brille.

Ex-Mannesmann-Vorstand Kurt-Jürgen Kinzius und Esser sei er zum ersten Mal am 15. Januar 1999 begegnet, im Zusammenhang mit der Übernahme von Airtouch. Mannesmann und Vodafone kooperierten damals in einigen Mobilfunknetzen. Einen Wechsel in der gegenseitigen Einschätzung gab es dann, nachdem Mannesmann im Herbst 1999 den britischen Mobilfunker Orange übernommen hatte.

Von diesem Coup, berichtet Gent, habe er durch einen Anruf des damaligen Vivendi-Vorstandschefs Jean-Marie Messier Ende Oktober erfahren. Messier habe ihm gesagt, dass Esser mit End-Verhandlungen zur Übernahme von Orange beschäftigt sei. Ob das stimme, habe Gent dann in einem anschließenden Telefonat Esser gefragt. Die Antwort sei ausweichend bis negativ gewesen. Am nächsten Tag rief Esser zurück und erklärte, dass das Geschäft nun tatsächlich unter Dach und Fach sei.

Das gefiel Gent nicht. Seine Einladung zur Mannesmann-Feier "10 Jahre Telekommunikation", die in den nächsten Tagen stattfinden sollte, wanderte in den Papierkorb - obwohl er sich den Termin vorher freigehalten hatte. Außerdem, so schildert es Gent, markierten die beiden Telefonate einen "Wendepunkt, an dem wir von Alliierten zu strategischen Kontrahenten wurden".

Einen Monat später, am 14. November, habe sich Gent dann mit Esser und Kinzius getroffen, um inoffiziell ein erstes Übernahme-Angebot zu unterbreiten. In Bausch und Bogen wiesen die beiden die Offerte als unzureichend von sich. Da will Gent erwidert haben: "Mannesmann ist nicht Ihr Unternehmen, sondern das Ihrer Aktionäre." Dennoch legte Vodafone mehrmals nach. Am 19. November wurde ein Umtauschkurs von 47,2 Prozent geboten, zur Einigung kam es bei 49,5 Prozent.

Mit Joachim Funk, vor Esser Vorstandschef bei Mannesmann, habe er nur einmal gesprochen, sagt Gent - am 17. April 2000. Vor der ersten Aufsichtsratssitzung, die Gent als neuer AR-Chef leiten würde, habe Funk "einen verbitterten, enttäuschten Eindruck" gemacht. "Sie haben ein deutsches Unternehmen ruiniert", soll er dem neuen Mannesmann-Chef entgegengehalten haben. Gent habe geantwortet, dass er eben ein weltweites Unternehmen baue. Die Abspaltung der Sparte Atecs von Mannesmann sei im Übrigen lange vorher geplant gewesen.

An dem Prämienbeschluss für den Manager habe Gent festgehalten, weil es bei Vodafone eine allgemeine Richtlinie gab: Die Beschlüsse der übernommenen Unternehmen wurden grundsätzlich nicht revidiert. Nach seiner Begegnung mit Funk habe er aber den ursprünglich geplanten Betrag von neun Millionen Mark auf sechs reduziert, als Zeichen der Missbilligung.

Nie die eigene Person in den Mittelpunkt gestellt

Esser, seinen geschäftlichen Gegner, habe Gent im Laufe des Übernahmekampfes schätzen gelernt. Bis die Niederlage besiegelt war, habe der Mannesmann-Chef nie die eigene Person in den Mittelpunkt gestellt, sondern stets im Interesse seines Unternehmens gekämpft. Erst als die Übernahme feststand, interessierte ihn, welche Rolle er im neuen Unternehmen spielen würde - um Geld für ihn persönlich sei es Esser aber nie gegangen.

Deshalb bedauere er es sehr, dass Esser nun deshalb vor Gericht stehe. Die Übernahme sei ein außergewöhnliches Ereignis gewesen, getrieben durch die Interessen der Kapitalmärkte.

Schwenk bei Vivendi "selbst verschuldet"

Schwenk bei Vivendi "selbst verschuldet"

Vielleicht ohne es zu wissen, widerspricht Gent in einem Punkt den Darstellungen Essers. Der hatte bestritten, während der Übernahmeschlacht vor vier Jahren eine Führungsposition im neu zu bildenden Konzern angestrebt zu haben. Zwar bestätigte Gent, ihm bei ersten Gesprächen eine Führungsposition angeboten zu haben.

Später aber, bei einem Termin Ende Januar 2000 in Paris, wollte Esser Co-CEO bei Vodafone werden, wenn es zur Übernahme komme. Gent war jedoch nur bereit, ihm einen Vorstandsposten ohne Ressort oder den CEO-Stuhl bei der später ausgegliederten Mannesmann-Sparte Atecs zu überlassen.

Gegen 10.55 Uhr wird die Befragung für gut zehn Minuten unterbrochen, um Übersetzungsprobleme auszuräumen. Anschließend hakt Richterin Koppenhöfer bei der Frage um Essers Jobinteressen nach. Gent entschärft die eigene Aussage: Esser habe sich nur "halbherzig" nach einer Führungsposition erkundigt, in der Regel sei es ihm um Jobs für seine Mitarbeiter gegangen.

Das wiederholt Gent an verschiedenen Stellen seiner Ausführungen: Esser sei stets um die Zukunft seiner Mitarbeiter besorgt gewesen und habe versucht, für sie das Beste herauszuholen. So habe er unter anderem auch gefordert, fünf Plätze im Board von Vodafone müssten nach der Übernahme mit Persönlichkeiten aus dem Mannesmann-Aufsichtsrat besetzt werden. Eine Forderung, der Gent damals nicht nachkam.

Ein weiterer Schlag ist eine Äußerung Gents zu Vodafones Kooperation mit Vivendi . Diese Einigung bedeutete das Ende für alle Hoffnungen der Mannesmänner, eine freundliche Fusion mit Vivendi könne sie vor der Übernahme durch Vodafone bewahren.

"... aber er kämpfte weiter"

Als Gent einen Tag nach dem Vivendi-Deal mit Esser zusammentraf, spürte er dessen Anspannung: "Esser sah aus wie ein geschlagener Mann", erinnert er sich und fügt anerkennend hinzu: "Aber er kämpfte weiter." Überhaupt sei Esser auch in angespannter Lage immer "höflich und professionell" aufgetreten.

Den Schwenk des französischen Konzerns allerdings habe Esser wohl selbst verschuldet, so Gent heute. In den Kooperationsverhandlungen mit den Franzosen habe er im letzten Moment noch die Bedingungen zu Gunsten seines Unternehmens ändern wollen. Esser hatte ausgesagt, dass die Übernahme nicht mehr zu verhindern gewesen sei, nachdem Vivendi sich für eine Zusammenarbeit mit Vodafone entschieden habe.

Neue Variante vom Vier-Augen-Gespräch

Neue Variante vom Vier-Augen-Gespräch

Als Schlüsselszene für den Prozess gilt ein Auftritt von Canning Fok, Topmanager beim Mannesmann-Großaktionär Hutchison Whampoa , in der entscheidenden Nacht der Übernahmeschlacht. Von Investmentbankern und Esser war bisher geschildert worden, dass Fok am späten Abend des 2. Februar 2000 ein entscheidendes Vier-Augen-Gespräch zwischen Esser und Gent gestört habe.

Bevor Fok in das Besprechungszimmer eintrat, soll er nach Aussage des Investmentbankers Carl Dietrich Becker - er wartete während des Gesprächs vor der Tür - gesagt haben: "We need to do this the Chinese Way." Eine Interpretation dieser Aussage lautete, Fok habe Esser anschließend eine Sonderprämie angeboten, falls dieser sich schnell auf die Übernahmekonditionen einlasse.

Fok selbst sagte allerdings aus, Esser habe ihn gar nicht zu Wort kommen lassen. Mit einer Handbewegung sei er vom Mannesmann-Chef des Raumes verwiesen worden. Darauf sei er, ohne ein Wort zu sagen, wieder herausgegangen. Becker hatte ausgesagt, Fok habe zwei bis drei Minuten in dem Raum verbracht - dann habe er, Becker, ihn herausgebeten.

Die Übernahme zuerst, die Prämien folgten

Zu den drei Personen, die direkt an der Szene beteiligt waren, gehört auch Gent - daher war seine Aussage zu diesem Punkt mit Spannung erwartet worden. Doch Gent wiederholt auf mehrmaliges Nachfragen von Richterin Koppenhöfer, er könne sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass Fok während des wichtigen Gesprächs mit Esser aufgetaucht sei.

Ackermann dolmetscht für Gent

Ackermann dolmetscht für Gent

Zweieinhalb Monate später, am 17. April 2000, ist Gent Aufsichtsratschef bei Mannesmann und leitet in dieser Funktion seine ersten Sitzungen - im Präsidiumsausschuss, im Bilanzausschuss und beim Treffen des gesamten Aufsichtsrats. Wer ihn von deutscher Seite auf die Sitzungen vorbereitet habe, möchte die Richterin wissen. Gent nennt zwei Namen: Peters und Aufsichtsratsmitglied Josef Ackermann. Von ihnen und durch andere "informelle Gespräche" sei er informiert worden, dass es Bedenken zu dem Beschluss über die Sonderprämien fürs Topmanagement bei Mannesmann gebe.

An diesem 17. April habe er außerhalb der Sitzungszimmer auch mit IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und Betriebsratschef Jürgen Ladberg gesprochen. Das habe aber anfangs nicht sonderlich gut geklappt, was zwei Gründe gehabt habe: "Mein Deutsch und ihr Englisch." Das Problem wurde gelöst, indem Ackermann als Dolmetscher fungierte.

Um 12.30 Uhr unterbricht Richterin Koppenhöfer für eine Mittagspause. Staatsanwalt Johannes Puls bittet darum, "sofort" noch einige Fragen an Gent stellen zu dürfen - die Richterin lässt es aber nicht zu.

Um 13.15 Uhr hakt eine beisitzende Richterin nach und stellt die Frage, die Puls unter den Nägeln brannte. Doch die Lage ist entschärft: Gent äußert sich sehr konkret über einen Gesprächstermin mit Ackermann am 17. April und bestätigt damit dessen eigene Aussage. Zuvor hätten die Äußerungen Gents noch die Deutung zugelassen, dass er vor diesem Datum bereits vom Deutsche-Bank-Manager zur Prämienfrage informiert wurde. Ackermann hatte aber in seinen Erklärungen wiederholt darauf hingewiesen, dass er selbst erst an diesem 17. April etwas von dem Prämien-Problem erfahren habe.

Fok pokerte weiter

Dass überhaupt Prämien an Mannesmann-Vorstände gezahlt werden sollten, erfuhr Gent nach eigenen Angaben am 2. Februar in einem Telefonat mit Canning Fok. Bei der Gelegenheit versuchte Fok, der Vertreter des Mannesmann-Großaktionärs Hutchison Whampoa war, einen noch höheren Umtauschkurs auszuhandeln. Doch Gent blieb hart: 49,5 Prozent - "das ist mein letztes Wort."

Die Tauschrate hatte er am Morgen mit dem Vodafone-Board abgeklärt. Das Ergebnis habe er Esser am selben Tag telefonisch mitgeteilt, der bereits auf die Nachricht gewartet haben dürfte: Gent hatte ihm am Vortag bei einem Gespräch im Düsseldorfer Industrieclub angekündigt, dass er einverstanden sei, aber auf grünes Licht aus London warte.

Den Vorschlägen für die Prämien war er bei Foks Anruf nicht abgeneigt. Gent: "Wir mussten Wunden heilen." Bei der Sitzung am 17. April sei es jedoch nur kurz um diese Prämien gegangen, im Vordergrund standen die Verhandlungen über Atecs. Zu der Prämie von 30 Millionen Mark für Esser merkt Gent an, dass er sich mit den Gepflogenheiten auf dem deutschen Markt damals nicht besonders gut ausgekannt habe. Eine Vergleichsmaßstab nennt er aber: Der Vorstandsvorsitzende des US-Mobilfunkbetreiber AirTouch habe für sein Ausscheiden nach der Übernahme von Vodafone eine Summe von 250 Millionen Pfund erhalten. Esser dagegen, so Gent, verfügte nicht einmal über ein Programm mit Aktienoptionen - ein Derivat, dessen Wert bei steigendem Aktienkurs überproportional steigt. Bei Vodafone dagegen, so Gent, hatte alle Mitarbeiter Aktienoptionen "von der Putzfrau bis zum Chef".

Zu einer Frage, die die KPMG-Wirtschaftsprüfer während der Übernahmeschlacht stark beschäftigt hatte, hat Gent nur ein kurzes Statement parat: "At the end of the day - we pay", antwortet er auf die Frage, wer Zahlungspflichtiger für die Sonderprämien gewesen sei. Dass das Geld formal aus der Mannesmann-Kasse geflossen sei, scheint für Gent nicht von Belang - wirtschaftlich habe Vodafone für die Millionen aufkommen müssen.

Einzig die Verteidigung von Joachim Funk stellt zum Ende des Prozesstages noch drei Fragen. Um 14.20 Uhr wird die Sitzung geschlossen - ein unspektakuläres Ende für einen illustren Auftritt.

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.