Terror und Öl "Der Markt rechnet mit weiteren Anschlägen"

Die Anschläge von Madrid und Bagdad haben am ohnehin nervösen Ölmarkt zu Preiserhöhungen geführt. Im Gespräch mit manager-magazin.de spricht Energie-Experte Friedemann Müller über den Zusammenhang von Terror und Ölpreis und über den unzureichenden Schutz der Ölversorgung in Europa.

mm.de:

Die Anschläge von Madrid und eine Terrorserie im Irak sorgen für einen Anstieg des Ölpreises. Reagiert der Markt übertrieben nervös?

Müller: Bei Terroranschlägen gibt es immer kurzfristige Ausschläge nach oben. Einige Nachfrager schließen in solchen Fällen in Erwartung einer Eskalation schnell noch Geschäfte ab und treiben den Preis in die Höhe. Schon bei den vergangenen Kriegen am Persischen Golf stiegen die Preise vor den Kämpfen, um sich dann im konkreten Kriegsfall wieder zu erholen. Die aktuelle Entwicklung ist also nicht ungewöhnlich. Was aber auch heißt: Der Markt rechnet mit weiteren schweren Anschlägen.

mm.de: Es heißt, dass jetzt wieder die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen in Opec-Staaten steigt. Doch weder das Besatzungsregime im Irak noch die schweren Attentate der Vergangenheit etwa in Saudi-Arabien haben sich als Auslöser für eine große Krise in der Region erwiesen. Die Furcht scheint übertrieben.

Müller: Anschläge wie etwa in Riad im vergangenen Jahr können die Erdölversorgung sicher nicht gefährden. Aber der Erfolg der Islamisten in Madrid könnte instabile Systeme wie Saudi-Arabien weiter unter Druck setzen, etwa durch einen von radikalen Kräften initiierten Streik in der Ölindustrie. Anfang 2003 hat so ein Ausstand die Förderung in Venezuela lahm gelegt, was zu einem Anstieg des Preises führte. Etwas Ähnliches in Saudi-Arabien hätte sehr viel gravierendere Folgen.

mm.de: Nach dem Blitzsieg im Irak kontrolliert der Westen die dortigen Ölvorkommen, immerhin die zweitgrößten weltweit. Sollte das nicht die Angst der Ölbranche vor den Folgen von Terroranschlägen dämpfen?

Müller: Die irakische Ölproduktion hat schneller als erwartet das Vorkriegsniveau erreicht. Dennoch liegt sie mit zwei Millionen Barrel pro Tag immer noch weit hinter anderen Ölstaaten zurück. Die Saudis schaffen acht bis neun Millionen Barrel pro Tag. Angesichts des technischen Standes der irakischen Fördereinrichtung wird es noch lange dauern, bis das Land eine Fördermenge erreicht, die mit den etablierten Lieferanten vergleichbar ist. Ein vollständiger Ersatz für Saudi-Arabien wird der Irak allerdings nie sein.

"Europas gefährliche Monokultur"

mm.de: Wie viele Jahre dauert es, bis die Ölförderung im Irak wieder voll funktionsfähig ist?

Müller: Ich rechne mit mehr als zehn Jahren. Ein ähnlich langer Zeitraum muss übrigens auch für das Besatzungsregime der Amerikaner veranschlagt werden. Bis zu einem stabilen Irak, der den Erdölexport aus eigener Kraft gestaltet, ist es noch ein weiter Weg. Neuralgische Punkte wie etwa Verladestationen brauchen weiter militärischen Schutz.

mm.de: Die Ölindustrie ist bislang nur selten das Ziel von Terrorattacken gewesen. Gibt es Anzeichen, dass Anschläge auf Förder- oder Transporteinrichtungen in Zukunft vermehrt zu erwarten sind?

Müller: Dafür gibt es keine Anzeichen. Terroristen wählen ihre Ziele nach der größten Auswirkung aus. Ein gesprengter Zug verursacht mehr Angst und Schrecken als eine brennende Pipeline.

mm.de: In Deutschland und Europa wird jetzt über mehr Sicherheit für die Zivilbevölkerung diskutiert. Vernachlässigen die Verantwortlichen dabei den Schutz der Energieversorgung?

Müller: Es gibt strukturelle Defizite. Bislang herrscht die Auffassung: Ein freier Markt garantiert die Versorgung. Im Prinzip ist das richtig. Was dabei von den politischen Institutionen versäumt wird, ist die Diversifizierung der Öl- und Gasversorgung zu fördern.

Öl kommt vor allem aus Russland, Nordafrika und mit wachsendem Anteil aus den Golfstaaten nach Europa. Gas fließt praktisch nur aus Russland und Algerien zu uns.

Ein Grund für den Erhalt der Monokultur sind Kompetenzstreitigkeiten zwischen der EU und den nationalen Behörden. In Deutschland blockieren sich Außenwirtschafts- und Außenpolitik in dieser Frage. Besser machen es die USA. Amerika hat Westafrika für sich erschlossen und streckt derzeit seine Fühler in Konkurrenz zu Europa nach Nordafrika und Russland aus, um die Abhängigkeit von den Golfstaaten zu reduzieren.

"USA unternehmen Gratwanderung"

mm.de: Russland gilt mit Wladimir Putin an der Staatsspitze als ein berechenbarer Partner des Westens, was den Druck aus dem Ölmärkten nehmen sollte.

Müller: Russland wird den Persischen Golf niemals als Lieferant ersetzen. In den kommenden Jahren versiegen die europäischen Quellen in der Nordsee. Die Russen werden dann weder in der Lage noch willens sein, die EU-Nachfrage zu befriedigen. Sie sehen ihre künftigen Märkte in den USA, in Japan und vor allem in China.

mm.de: Präsident Putin hat mit der Attacke gegen Yukos-Chef Michail Chodorkowski für viel Unruhe am Ölmarkt gesorgt. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Müller: Die Inhaftierung von Michail Chodorkowski war ein negatives Signal, besonders für Investoren aus dem Ausland. Das notwendige Kapital, um die Vorkommen in Russlands Boden zu erschließen, wird jetzt weiter spärlich fließen. Wo eigentlich 100 Milliarden Dollar gebraucht werden, stehen nur zehn Milliarden Dollar zur Verfügung.

mm.de: Der US-Rohölpreis kletterte nach den Anschlägen von Madrid und Bagdad auf über 38 Dollar je Barrel. Die Opec strebt für das laufende Jahr einen Ölpreis von durchschnittlich 28 Dollar an. Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Ziel noch erreicht werden kann?

Müller: Die Opec hat seit Ende der 90er Jahre den Ölpreis wieder unter Kontrolle bekommen. Bis zum vergangenen Jahr hat sie den selbst gesetzten Preiskorridor weitest gehend eingehalten. Seitdem liegt der Preis darüber. Da die Vergangenheit aber gezeigt hat, dass ein zu hoher Ölpreis der Opec schadet, werden sie ein Interesse haben, das gesetzte Ziel zu erreichen. Allerdings sind 28 Dollar nicht mehr die Höchstmarke, sondern stehen jetzt am unteren Ende der Skala. Für Europa sind die Auswirkungen überschaubar. Öl wird in Dollar gerechnet und der hat bekanntlich im Vergleich zum Euro an Wert verloren.

mm.de: Für die wichtigste Volkswirtschaft, die USA, bleibt die Situation kritisch.

Müller: Die Auswirkungen für Amerika sind Besorgnis erregend. Der hohe Ölpreis wird sich weiter in der negativen Handelsbilanz niederschlagen. Die USA unternehmen eine Gratwanderung, die nicht immer glücklich ausgehen muss.

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