Terror "Das koloniale Denken muss ein Ende haben"

Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht, um Europa vor neuen Terroranschlägen zu schützen. Der Konfliktforscher Ernst-Otto Czempiel fordert im Interview mit manager-magazin.de eine neue globale Politik, um die Quellen des Terrors auszutrocknen.

mm.de:

Mit den Anschlägen von Madrid könnte der islamistische Terror Europa erreicht haben. Sehen Sie das auch so?

Czempiel: Ja. Bei den Attentaten ist die gleiche Handschrift zu erkennen wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001. Es ist das zweite Mal, dass der politische Terror international mit einer Großaktion auf ein bestimmtes Verhalten des Westens reagiert - zumindest würde ich das so deuten.

Man ist ja beim politischen Terrorismus immer auf Spekulation und Kombination angewiesen. Ich also gehe davon aus, dass es das Ziel der Terroristen in Madrid war, die Regierung von José Maria Aznar am Leibe ihrer Gesellschaft für ihre Unterstützung des Irak-Feldzugs zu "bestrafen".

mm.de: Die designierte spanische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero hat am Tag nach der Wahl angekündigt, die spanischen Truppen aus dem Irak abziehen zu wollen. Ist das nicht ein falsches Signal an die Terroristen?

Czempiel: Das falsche Zeichen kam zunächst von Aznar. Gegen den offen ausgesprochenen Willen der spanischen Gesellschaft hat er den Krieg George W. Bushs unterstützt; das war undemokratisch. Jetzt hat eine alternative Regierung in Folge eines entsetzlichen Attentats die Gelegenheit bekommen, diese Politik zu revidieren.

Dass sie sofort den Rückzug ankündigt, mag taktisch unglücklich sein. Ein differenzierteres oder zeitversetztes Handeln wäre sicher geschickter gewesen. Ich glaube aber, dass Zapatero in jedem Fall den Rückzug angeordnet hätte.

mm.de: Halten Sie es für möglich, dass Deutschland für sein Engagement in Afghanistan und die Beteiligung am lukrativen Wiederaufbau des Irak ebenso "bestraft" werden könnte?

Czempiel: Wenn wir der bisher zu erkennenden Logik der Anschläge folgen, ist das kaum zu erwarten. Die Deutschen sind in Afghanistan ja im Wesentlichen an Peacekeeping- und Aufbaumissionen beteiligt.

Der eigentliche Stein des Anstoßes für die Terroristen war weniger der Afghanistan-Krieg als vielmehr der gegen den Irak. Für diesen Feldzug gab es - das wissen wir heute alle - keinerlei Berechtigung und politischen Grund. Hier hat sich die Bundesrepublik richtig verhalten: Es ergibt keinen Sinn, einen Alliierten zu unterstützen, der etwas macht, was nachweislich falsch ist.

"Der Irak-Krieg hat mit dem 11. September nichts zu tun"

"Der Irak-Krieg hat mit dem 11. September nichts zu tun"

mm.de: Was kann unternommen werden, um den Terror einzudämmen?

Czempiel: Ich bin mit der Bundesregierung grundsätzlich einer Meinung, dass alles polizeilich Mögliche getan werden muss, um solche Attentate zu verhindern. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

mm.de: Und die andere?

Czempiel: Auf der anderen Seite steht, dass zur polizeilichen eine politische Aktion hinzukommen muss. Der Terrorismus, von dem wir hier sprechen, hat politische Motive. Wir müssen davon ausgehen, dass Gewaltpolitik, die in der von ihr betroffenen Welt nicht akzeptiert wird, mit Gewaltakten auch in Europa beantwortet wird. Man kann diese Art von Terrorismus nur eindämmen, wenn man seine Quellen verstopft.

mm.de: Welche Quellen sind das?

Czempiel: Im Wesentlichen drei: Die wichtigste ist der Nahostkonflikt. Wenn der beseitigt würde, fielen vermutlich 80 Prozent der arabisch-muslimischen Terrorangriffe weg. Die Lösungsleitlinien - etwa die Roadmap für Palästina - sind hinreichend bekannt.

Die zweite Quelle ist die westliche Dominanz, die geradezu exemplarisch im Angriff der USA auf den Irak demonstriert wurde. Quelle Nummer drei ist die ungerechte Verteilung des in der Globalisierung erzeugten Reichtums.

mm.de: Das heißt, Sie fordern auch ein anderes Wirtschaften als bisher, um dem Terror den Nährboden zu entziehen?

Czempiel: Ja, die Politik des Westens gegenüber den nicht industrialisierten Staaten muss sich ändern, hin zu mehr Partizipation und Mitsprache. Vor allem muss das kolonialistische Denken ein Ende haben, wonach man einfach in ein Land einmarschiert, das einem nicht passt.

mm.de: Stecken wir längst drin, im viel zitierten "Clash of Civilizations"?

Czempiel: Überhaupt nicht! Hier wird ja nicht der Islam durch das Christentum bekämpft, sondern der Irak durch die USA angegriffen.

mm.de: Aber war nicht der 11. September der Auslöser?

Czempiel: Für den Afghanistan-Feldzug ja, für den Krieg gegen den Irak nicht. Er hatte, nach allem, was wir heute noch besser als vor einem Jahr wissen, mit dem 11. September rein gar nichts zu tun. Vielmehr hat die Regierung Bush den Anschlag benutzt, um für den Irak-Feldzug, der ihre geopolitischen Interessen bedient, Konsens zu erzeugen.

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