Siemens Rückruf legt Straßenbahnen lahm

Weil Risse in einigen Fahrzeugen auftauchten, hat Siemens betroffenen Straßenbahn-Betreibern weltweit geraten, ihre Trams stillzulegen. In Potsdam zum Beispiel gilt ein Notfahrplan.

München/Potsdam - Nachdem bekannt geworden war, dass einige Abteilwagen der von Siemens  hergestellten "Combino"-Straßenbahnen Risse im Dach aufwiesen, testete der Konzern die Modelltypen "bereits seit Anfang Januar sehr eingehend", sagte eine Siemens-Sprecherin gegenüber manager-magazin.de.

Die Tests ergaben, dass "bei bestimmten Abnutzungserscheinungen ein Szenario eintreten könnte, dessen Folgen wir nicht mehr exakt vorausberechnen konnten", so die Sprecherin weiter. Bei Kollisionen ließe sich nicht mehr einwandfrei vorhersagen, wie betroffene Waggons reagieren würden. Die Konsequenz war eine "für beide Seiten sehr unangenehme Situation", hieß es weiter.

Die Entscheidung, ob die Straßenbahnbetreiber ihre Combino-Züge aus dem Netz nehmen, obliege ihnen - Siemens empfehle dies aber für Fahrzeuge mit Laufleistungen oberhalb von 120.000 Kilometern. Obwohl die Züge nach DIN-Norm gefertigt waren und die Rissschäden von Siemens als "nicht sicherheitsrelevant" eingestuft wurden, habe man "alle Kunden" am vergangenen Freitag informiert. Bisher sei kein einziger Fall von Gefährdung in der Praxis aufgetreten. Prüfteams von Siemens seien bereits vor Ort, um mögliche Schäden zu checken.

Rechtliche Schritte durch die Betreiber drohen

Wie hoch die Kosten für die Prüf- und möglicherweise die Reparaturaktionen seitens Siemens ausfallen könnten, sei noch nicht berechnet worden. Zurzeit gehe es vordringlich darum, "das Problem schnell in den Griff zu bekommen."

Die Stadt Potsdam aber hat nach der Rückrufaktion bereits Schadenersatzforderungen an Siemens angekündigt. "Wir werden alle entstehenden Kosten, beispielsweise für zusätzliche Busse und Instandsetzungsarbeiten in Nachtschichten genau auflisten und an den Konzern weiterleiten", sagte der Finanzbeigeordnete Burkhard Exner der Nachrichtenagentur dpa.

Der Verkehrsbetrieb Potsdam (ViP) haben alle 16 Combino-Trams aus dem Verkehr genommen und einen Notfahrplan erstellt. Es könne nicht angehen, dass Straßenbahnen geliefert worden sind, die bei einer Laufleistung von über 120.000 Kilometern nicht funktionsfähig seien, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) dem Sender Antenne Brandenburg. Er wollte rechtliche Schritte nicht ausschließen.

"Zweifel an der Dauerfestigkeit"

"Zweifel an Dauerfestigkeit des Wagenkastens"

Laut Exner, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der ViP ist, geht es vorrangig darum, den Fahrplan im vollen Umfang wieder zu erfüllen. "Wir eruieren derzeit, wo wir zusätzliche Straßenbahnen her bekommen." Eine Variante wären die Berliner Verkehrsbetriebe. "Aber der Einsatz von Trams aus Berlin kann nicht von heute auf morgen erfolgen, weil Umrüstungen erforderlich sind", erläuterte Exner.

"Die Fahrgäste müssen derzeit mit volleren Bahnen und Verspätungen rechnen", bedauerte ViP-Geschäftsführer Martin Weis, nach dessen Worten Siemens in jedem Fall für die finanziellen Schäden aufkommen muss. Ein besonderes Problem stellt der derzeitige Einsatz der in Ungarn gefertigten Straßenbahnen vom Typ Tatra für behinderte Menschen dar. "Es ist eine untragbare Situation, weil Rollstuhlfahrer gar nicht und gehbehinderte Menschen nur mit erheblichen Einschränkungen die Bahnen nutzen können", sagte der Behindertenbeauftragte der Stadt, Uwe Högemann, der dpa.

Hintergrund für die Rückrufaktion sind nach Siemens-Darstellung "Zweifel an der Dauerfestigkeit des Wagenkastens". Nach Presseberichten besteht die Gefahr, dass das Aluminiumdach reißen und auf die Fahrgäste stürzen könnte. Dazu konnte Weis keine Angaben machen. "Ob eine reale Gefahr bestand, wissen wir noch nicht." Als Skandal bezeichnete Potsdams CDU-Vorsitzender Wieland Niekisch die Rückrufaktion. Die Verantwortung für dieses "technische und sicher auch finanzielle Fiasko" müsse konkret geklärt werden.

Zweifel an der Vergabepraxis

Nach Auskunft von Weis sind am Montag zu Beginn des Berufsverkehrs elf Fahrten ausgefallen, die Straßenbahnen seien bis zu 140 Prozent besetzt gewesen. "Von Chaos im Nahverkehr kann aber keine Rede sein."

Während sonst 32 von insgesamt 43 zur Verfügung stehenden Trams - Combinos und Tatras - in Potsdam im Einsatz seien, sind es laut Weis derzeit 27. Allerdings: "Damit sind alle Bahnen unterwegs. Reserven haben wir keine, Instandsetzungsarbeiten wären nicht möglich." Potsdam verfügt laut ViP über ein Liniennetz von 30 Kilometern.

Der Kauf der Combino-Straßenbahnen hatte seinerzeit für viel Wirbel gesorgt. So soll die Stadt Potsdam gegen geltendes Vergaberecht verstoßen haben, indem sie Kritikern zufolge bei der Bestellung 1996 den Anbieter Siemens einseitig bevorteilte. Damals ging es um die Lieferung von 48 Straßenbahnen bis 2008 im Wert von rund 150 Millionen Mark.

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