Aufschwung in Gefahr Konjunkturrisiko Terror

Die Terroranschläge von Madrid sind wahrscheinlich von islamischen Extremisten verübt worden. Darunter könnte der noch zarte Wirtschaftsaufschwung in Euroland leiden, befürchten Konjunkturexperten. Der Dax trudelt auf ein Jahrestief.

Berlin/Frankfurt am Main - Noch ist unklar, wer für die Anschläge in der spanischen Hauptstadt verantwortlich ist. Immer mehr Beobachter gehen jedoch von einem Attentat islamischer Extremisten aus. "Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 90 zu 10", hieß es am Montag in Kreisen deutsche Sicherheitsexperten. Es sei aber noch unklar, ob Al Qaida hinter den Anschlägen stecke oder selbstständig operierende Attentäter. Zuvor hatte schon Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) erklärt, dass sich die Hinweise auf eine Tat von moslemischen Extremisten verstärkten.

Über mögliche negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft äußerten sich Konjunkturexperten uneinheitlich. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise und Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts in München, haben auf mögliche negative Konsequenzen hingewiesen. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwarten vorerst noch keine nennenswerte Beeinträchtigung der Konjunktur.

Ökonomen fürchten allerdings gravierendere Auswirkungen, falls es nun zu weiteren schweren Attentaten kommt. "Wenn natürlich jetzt eine richtige Terrorwelle kommt, besteht schon die Gefahr, dass die Stimmung zusammenbricht", sagte Ifo-Konjunkturchef Gebhard Flaig.

Insgesamt sei es schwierig, die ökonomischen Folgen von Anschlägen abzuschätzen. "Es entzieht sich dem ökonomischen Kalkül, wie sich die durch Anschläge erzeugte Unsicherheit auswirkt", sagte der Ifo-Experte. Natürlich gebe es Branchen, die durch die Anschläge belastet würden, etwa die Bereiche Verkehr und Tourismus. Mit Blick auf die Gesamtkonjunktur dürften die Effekte aber nicht groß sein. Auf die Frage, ob durch die Unsicherheit nach den Anschlägen von Madrid der allmähliche Aufschwung in Deutschland wieder gestoppt werden könnte, sagte Flaig: "Im Augenblick besteht keine Gefahr, dass die Konjunkturerholung im Keim erstickt werden könnte."

Dax fällt auf Jahrestief

Die Börse hat ihr Urteil schon gefällt: Am Montag fiel der Dax  in einem hektischen und umsatzstarken Handel auf einen Jahrestiefststand von 3837 Punkten. Aktienstrategen zufolge berge ein islamistischer Hintergrund der Anschlagsserie eine viel nachhaltigere Dimension in sich als eine "lokale Katastrophe" in Form eines Eta-Anschlags.

"Wenn nicht die Eta, sondern Al Qaida dahinter stehen würde, wäre das Ganze nicht mehr nur regional begrenzt. Und das löst an den Märkten die Angst vor weiteren Attentaten auch in Europa und den USA aus", hatte etwa Roland Ziegler von der ING BHF-Bank gesagt.

In ersten Reaktionen hatte die spanische Regierung vergangene Woche erklärt, dass die Anschläge möglicherweise auf das Konto der baskischen Untergrundorganisation Eta gingen. Bei den Bombenanschlägen auf mehrere Pendlerzüge waren am Donnerstag fast 200 Menschen getötet worden, etwa 1500 wurden verletzt.

Heise: Islamisten könnten Aufwärtsentwicklung im Keim ersticken

DIW erwartet keine Konjunkturabschwächung

Nach Meinung von DIW-Präsident Klaus Zimmermann habe sich das Bedrohungspotenzial noch nicht gesteigert. Es sei ohnehin schon klar, dass Terroranschläge wie die in Madrid auch in anderen Regionen Europas verübt werden könnten. Zimmermann räumte aber mögliche negative Auswirkungen auf den Spanien-Tourismus ein. Andererseits könne die Nachfrage nach Sicherheitsdienstleistungen steigen.

Zimmermann betonte, sein Institut halte trotz der Anschläge an der Wachstumsprognose für den Euro-Raum von 1,7 Prozent und für Deutschland von 1,4 Prozent 2004 fest. "Ich sehe keine wesentlichen Effekte", sagte er. Das Konsumverhalten und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen würden nicht beeinflusst. Diese hingen stärker von dem Vertrauen der Bürger in den von der Regierung eingeleiteten Reformprozess ab.

Ähnlich äußerte sich am Sonntag bereits Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Die Bundesregierung gehe nach wie vor von einem deutschen Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 1,5 bis zwei Prozent aus.

Heise: Unternehmen könnten Investitionen zurückhalten

Skeptischer äußerte sich zuvor Heise in der "Bild am Sonntag". Falls das Terrornetzwerk Al Qaida hinter dem Blutbad stecke, könnten Unternehmen bei Investitionen noch zurückhaltender sein. Vor allem die Bereiche Verkehr und Touristik könnten darunter leiden und die gerade in Deutschland sehr schwache Aufwärtsentwicklung im Keim ersticken.

"Falls die Geheimdienste keine Hinweise auf weitere Anschläge haben, wird sich die Lage an den Finanzmärkten wieder beruhigen", sagte Heise. Würde sich herausstellen, dass die ETA den Bombenterror verantwortet, würden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft eher gering bleiben. Allerdings werde die spanische Wirtschaft unter dieser neuen Dimension des ETA-Terrors leiden, denn das Land sei sehr stark vom Tourismus abhängig, führte Heise aus. Auch die Direktinvestitionen in Spanien könnten aufgrund der labilen Sicherheitslage zurückgehen.

Verwicklung von Al Qaida hätte weitreichende Folgen

Ähnlich auch die Einschätzung durch Ifo-Präsident Sinn. Eine Verwicklung von Al Qaida in die barbarischen Anschläge von Madrid hätte negative Folgen auch für die Konjunktur in Deutschland und Europa, sagte Sinn im Gespräch mit "Handelsblatt.com". Sinn verwies auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Diese hätten die Welt und die Finanzmärkte stark verunsichert und zu einer Verlängerung der wirtschaftlichen Flaute beigetragen.

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