Mannesmann-Prozess Belastungszeugen

Götz Müller und Dietrich Becker könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine inzwischen pensionierter Hausjurist von Mannesmann, der andere Investmentbanker bei Morgan Stanley. Doch genau in dieser Gegensätzlichkeit wurde klar, worum es im Mannesmann-Prozess auch geht.
Von Arne Stuhr

Düsseldorf - Für Götz Müller, ehemals Leiter der Mannesmann-Abteilung "Gesellschaftsorgane und Beteiligungen", war am Freitag im Saal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts die Stunde gekommen, auf die der 64-jährige Jurist offenbar lange gewartet hatte.

Bei seinen Antworten ging Müller weit über das hinaus, was Richter, Staatsanwälte oder Verteidiger von ihm erhofft oder vielleicht auch befürchtet hatten. Denn zusätzlich zu seinen Antworten machte Müller keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Art von Unternehmensführung, die ihm die "berufliche Familie" genommen hatte.

"Das tat weh", erklärte sich der ehemalige Spitzenmanager sogar mit den während der Übernahmeschlacht von Gewerkschaftsseite vertretenen Einwänden solidarisch. Doch damit nicht genug: Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser hätte mit seinem starken Engagement für die Expansionspolitik die innere Führung der 130.000 Mannesmänner vernachlässigt, so ein weiterer Vorwurf Müllers.

Er selbst präsentierte sich vor Gericht hingegen als ein stets korrekter und loyaler Mitarbeiter, der sich unter anderem als penibler Protokollant bei Aufsichtsratssitzungen nie etwas zu Schulden hatte kommen lassen. Dass er jetzt die Praktiken im Aufsichtsrat während der für den Prozess relevanten Sitzungen des Kontrollorgans als "schlecht vorbereitet" abstrafte, und die Tatsache, dass der damalige Aufsichtsratschef Joachim Funk sich per Selbstkontraktion mit einer Prämie bedenken wollte, als juristischen Verstoß einstufte, den ein "Student im zweiten Semester" bemerkt hätte, hatten die Angeklagten daher wohl nicht erwartet.

Weder Funks Verteidigung noch Essers sonst stets redegewandter Anwalt Sven Thomas machten den Versuch, Müller als einen verbitterten Pensionär darzustellen, der einer längst vergangenen Epoche nachtrauere. Gerade Müllers Ablehnung von Telefonkonferenzen - ein heute unverzichtbares Hilfsmittel, dass der ehemalige Hausjurist nach eigenen Worten "immer gehasst" habe - hätte von der Verteidigung genutzt werden können, um Müller als eine Art Mannesmann-Fossil vorzuführen.

Abgehoben im 20. Stock

Abgehoben im 20. Stock

Nichts dergleichen passierte, obwohl sich seine jahrelange Loyalität im Laufe der vierstündigen Befragung zusehends verflüchtigte. "Ein Protokoll ist besser als die Sitzung", ließ Müller keinen Zweifel daran, wer sich im Frühjahr 2000 korrekt verhalten hatte und wer nicht.

Ein Vertreter der Art von Manager, die Müller zuvor als "emotionslos und kalt" beschrieben hatte, nahm am fünften Verhandlungstag gleich nach ihm auf dem Zeugenstuhl Platz, Investmentbanker Dietrich Becker.

Der Morgan-Stanley-Mann, der Mannesmann in der Übernahmeschlacht beraten hatte, wirkte sichtlich nervös. Er hätte wohl liebend gern auf den Auftritt vor Gericht verzichtet. Kein Wunder, weiß der 40-jährige doch ganz genau, dass es nicht gerade Karriere fördernd ist, den eigenen Namen wieder und wieder im Zusammenhang mit einem Strafverfahren in den Medien zu finden.

Doch statt seine Rolle als die eines Rads im System zu beschreiben, lieferte Becker, der seine Nervosität immer wieder mit einem gequälten, teils auch überheblichen Lächeln zu überspielen versuchte, einen guten Einblick in die im wahrsten Sinne des Wortes abgehobene Atmosphäre im 20. Stock des Mannesmann-Hochhauses.

Außerdem gab er einen Satz zu Protokoll, der für seinen damaligen Auftraggeber Esser die Aussichten, diesen Prozess vielleicht auch moralisch gewinnen zu können, deutlich verringerte. So habe der damalige Mannesmann-Großaktionär Canning Fok schon vor der endgültigen Einigung zwischen Esser und Vodafone-Chef Chris Gent vom "chinesischen Weg" gesprochen als er unaufgefordert in das entscheidende Vier-Augen-Gespräch am späten Abend des 2. Februar 2000 platzte. Essers Behauptung, Fok sei es immer um eine Anerkennungsprämie für ihn gegangen, zerstob binnen weniger Sekunden.

Mit dem "chinesischen Weg" drückte Becker - vielleicht unfreiwillig, da solche Vokabeln im Alltag eines Investmentbankers wohl nicht überbewertet werden - den hohen Prämien für das geschlagene Mannesmann-Management endgültig den Stempel auf, den ihnen die breite Öffentlichkeit schon lange verpasst hatte.

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