Mannesmann-Prozess "Exzesse bringen uns aus dem Lot"

Der Mannesmann-Prozess offenbart nach Meinung von Ex-Agfa-Chef André Leysen eine Schwäche der Deutschland AG: Die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte führe zu Mauscheleien und Ineffizienzen. Im Interview verrät der einstige Multi-Kontrolleur, warum die Verantwortlichen schleunigst umdenken sollten.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Herr Leysen, mit welchen Gefühlen betrachten Sie als Belgier den Mannesmann-Prozess?

Leysen: Mit gemischten Gefühlen, denn ich glaube, dass da die deutschen Schwierigkeiten sehr deutlich werden. Es wird vor Gericht keine Gewinner geben, nur Verlierer. Der Finanzplatz Frankfurt allerdings nimmt durch das Gerede als Erster Schaden. Und die Deutschland AG - deren wesentlicher Teil die Arbeitgeber und Gewerkschaften sind - wird den Richterspruch wahrscheinlich nicht überleben.

mm.de: Welche Probleme bereitet uns die Deutschland AG? Wo treten die Symptome während des Prozesses hervor?

Leysen: Menschen wie Herr Ackermann sowie Herr Esser auf der einen und Herr Zwickel auf der anderen Seite gehen von vollkommen verschiedenen Standpunkten aus. Herr Ackermann lebt in der internationalen Finanzwelt und die Zahlung an Herrn Esser war für ihn reine Routine. Herr Zwickel hat sich der Stimme enthalten und meinte, damit das Richtige zu tun. Aber er hat nicht verhindert, dass die Beträge an das Management ausgezahlt wurden. Das ist sein Problem. Dieses erzwungene Miteinander führt zu einem verlogenen Zustand, der quasi die Pflicht zur "Banktreue" im Aufsichtsrat enthält.

mm.de: Versagt das System der deutschen Mitbestimmung - also die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte - im internationalen Vergleich?

Leysen: Dieses System führt zu einem unmöglichen Zustand, der die Unternehmenskontrolle häufig ausschaltet. Vorstände müssen mit Arbeitnehmern leben und oft Kompromisse machen, die zum Nachteil der Gesellschaft oder der Kleinaktionäre sind. Es soll Fälle geben, in denen die Arbeitnehmer sich im Aufsichtsrat für höhere Bezüge des Managements einsetzen und dann im Gegenzug Entgegenkommen bei den sozialen Leistungen des Unternehmens erwarten. Das Wort von Herrn Abs: "Der Aufsichtsrat ist für die Katz", scheint noch immer zu gelten. Die vorige Woche im Düsseldorfer Prozess von einem Zeugen geäußerte Ansicht, dass der Aufsichtsrat vor dem Publikum über Gehaltsfragen des Vorstandes unterrichtet sein sollte, ist in der heutigen Handhabung ein frommer Wunsch. Bei den meisten Gesellschaften wird der Aufsichtsrat darüber überhaupt nicht unterrichtet. Er hat die Entscheidung delegiert an das Präsidium.

"Nur Vorbilder ändern Dinge wirklich"

mm.de: Hatten Sie denn damals im Telekom-Aufsichtsrat keine Probleme, den hohen Gehältern der Ära Ron Sommer zuzustimmen?

Leysen: Gute Frage. Ich bin aber durch die Geheimhaltungspflicht gebunden.

mm.de: Wie betrachten Ihre Managerkollegen im Ausland den Mannesmann-Prozess?

Leysen: Sie verstehen ihn nicht. Diese Form der Mitbestimmung gibt es ja nicht im Ausland. Das ist für einen internationalen Manager, der mit den hiesigen Gegebenheiten nicht vertraut ist, kaum nach zu vollziehen. Entweder leidet Deutschland wirtschaftlich unter der Mitbestimmung und muss international einen Sonderweg gehen. Oder man untersucht nach 25 Jahren Mitbestimmung endlich einmal die Problematik und macht sich die Mühe, diese zu ändern. Es kann durchaus Lösungen geben, die nicht zu einem Machtverlust beider Seiten führen und die Dinge dennoch richtig ordnen.

mm.de: Dann müsste der Gesetzgeber aktiv werden. Trauen Sie uns das bei dem schleppenden Reformprozess der Politik zu?

Leysen: Ich möchte Herrn Schröder dies zutrauen. Denn häufig passieren Veränderungen unter einem Druck von außen. Eine Diskussion über Eliten etwa hätte ich mir vor wenigen Wochen noch nicht vorstellen können. Ohne Elite geht es nicht. Elite ist man nicht durch Bildung, Elite ist man durch Gesinnung. Und das brauchen wir - eine elitäre Gesinnung. Das klingt sehr moralisierend. Aber Manager und Politiker sollten sich besinnen. Nur durch Vorbild können die Dinge wirklich geändert werden. Exzesse wie von einigen Managern ausgeübt, bringen unsere Gesellschaft aus dem Lot.

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