Franz Müntefering Die "Seele der Partei"

Bundeskanzler Gerhard Schröder gibt den Vorsitz der SPD an Fraktionschef Franz Müntefering ab. Müntefering setzt seit jeher auf Disziplin und Geschlossenheit - ein Porträt.

Berlin - Franz Müntefering (64) ist als "Seele der Partei" bezeichnet worden, als "SPD-Rhetorikmaschine", als "des Kanzlers General". Der fußballbegeisterte Westfale selbst sieht sich als "Vorstopper" der Sozialdemokraten. Er vergleicht sich gerne mit Georg ("Katsche") Schwarzenbeck vom FC Bayern der 70er Jahre: "Wenn es Schwarzenbeck nicht gegeben hätte, wäre Franz Beckenbauer nie so gut geworden."

Gar nicht zimperlich im Umgang mit dem Gegner, aber stets loyal zur eigenen Mannschaft und insbesondere zum Star des Teams: So wurde Müntefering in den vergangenen Jahren unaufhaltsam zum "Macher" in der Sozialdemokratischen Partei - zum Hoffnungsträger jener, denen Gerhard Schröder als Kanzler zu wenig "Stallgeruch" hatte.

Müntefering ist kein "geborener Sozialdemokrat". In sauerländischen Neheim-Hüsten kam er in einer konservativ- katholischen Arbeiterfamilie zur Welt. Der Vater, ein Arbeiter, war geprägt von Kriegserfahrungen und wählte Zentrum. Das hat Müntefering, als er sich politisch emanzipierte und schließlich 1966 der SPD beitrat, zum Gemäßigten gemacht. Es fällt ihm nicht schwer, jene, die anderer Ansicht sind, aus deren historischen Erfahrungen heraus zu verstehen.

Für Schröder der wichtigste Vermittler von Politik

Zum Anfang seiner Karriere war "Münte", der die 68er Jahre als Industriekaufmann in Sundern im Hochsauerlandkreis erlebte, das Etikett des "Apparatschiks" verpasst worden: Spröde, verbissen, gesichtslos. Davon hat er sich inzwischen befreit: Immer gut für ein scharfzüngiges Witzchen, eher zugänglich als abweisend und alles andere als ideologisch verbissen. Seine Fähigkeit, seine Meinung ändern zu können, gehöre zu seinen Qualitäten: "Ich bin zu neuen Überzeugungen gekommen. Das nehmen mir die Leute ab", sagt er zur Begründung seines großen Rückhaltes in der Partei.

Münteferings Bedeutung für Schröder geht schon seit mehreren Jahren über die ohnehin gewichtige Funktion des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag hinaus. Müntefering war für Schröder, der von vielen in der Partei nicht wirklich geliebt, sondern eher respektiert wurde, der wichtigste Vermittler seiner Politik.

Schon 1999, als die SPD nach dem Rücktritt Oskar Lafontaines in größte Unordnung geriet, war es Müntefering, der seinen Posten als Bau- und Verkehrsminister aufgeben und als Geschäftsführer und dann als Generalsekretär in die Parteizentrale zurückkehren musste. Er war der einzige, dem Schröder zutraute, die Partei zusammenzuhalten und wieder auf Kurs zu bringen.

Der Aufstieg zu einer der Strippenzieher der SPD

Berufsoptimist Müntefering, der gerne mit seiner einfachen Herkunft kokettiert ("Ich kann nur kurze Sätze"), hatte die klassische SPD-Ochsentour im SPD-Bezirk Westliches Westfalen durchlaufen, bevor er in den 90er Jahren als Minister in Nordrhein-Westfalen und Mitglied des SPD-Vorstands allmählich zu einer bestimmenden Größe und zu einem der geschicktesten "Strippenzieher" hinter den Kulissen wurde. Als Bundesgeschäftsführer der SPD (seit 1995) und Organisator des erfolgreichen Wahlkampfs von 1998 sowie als Vorsitzender der wichtigen nordrhein-westfälischen SPD ging schon damals nichts mehr an Müntefering vorbei.

Der Mann mit dem rollenden "R" mag es, wenn er in Kneipen- Hinterzimmern bei SPD-Veranstaltungen als "unser Franz" begrüßt wird. Er mag das "Du" der Arbeiterbewegung, sieht sich selbst als einen der Wahrer einer großen, 140 Jahre währenden Geschichte. Mit "Münte" hat die SPD wieder einen Vorsitzenden zum Anfassen.

Fußballprofi wäre er gerne geworden: "Aber dazu hat es wohl nicht gereicht." Zu Schwarzenbeck fällt ihm noch ein: "Der hatte die Nummer 4, war ein bisschen grob, technisch nicht so gut und auch nicht so berühmt wie Beckenbauer. Früh die anderen im Spiel stören und das eigene aufbauen, das ist auch meine Rolle." Und sozusagen als Erklärung seiner Arbeit: "Es muss eben einen geben, der die Aufräumarbeiten macht."

Von Dieter Ebeling, dpa