Mannesmann-Prozess Das "Friedland-Team"

Was geschah in der Schicksals-Woche von Mannesmann? Kurt-Jürgen Kinzius, Essers engster Mitarbeiter, schweigt - kam er doch selbst in den Genuss einer Abfindung. Doch Konzern-Justiziar Joachim Peters gibt bereitwillig Auskunft. Er spricht über das so genannte "Friedland-Team" bei Mannesmann. Und über die Abfindungsmillionen.
Von Arne Stuhr, Christian Buchholz und Matthias Kaufmann

Düsseldorf - Schweigen im Saal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts. Eigentlich ist Donnerstag Mannesmann-Tag, immer ein guter Grund für Trubel. Doch heute Morgen um neun Uhr bleibt der übliche Menschenauflauf aus. Keine Presse, keine Kameras, keine Richter, Anwälte oder Angeklagte.

Der Grund ist Kurt-Jürgen Kinzius, Ex-Vorstandsmitglied der Mannesmann AG. Er soll heute aussagen, als erster Zeuge. Kinzius war einer der engsten Mitarbeiter des früheren Mannesmann-Chefs Klaus Esser und hatte 3,7 Millionen Mark als Abfindung erhalten, nachdem Vodafone den Konzern im Jahr 2000 übernommen hatte. Auf Grund dieser Zahlung wird gegen Kinzius aktuell ermittelt, daher möchte er sich in der Sache nicht äußern.

Nachdem sich bisher die Angeklagten in epischer Breite erklären konnten, soll Kinzius nun nur sagen, dass er nichts sagt. Hochoffiziell, sozusagen.

Hat es sich noch mal überlegt: Deutsche-Bank-Chef Ackermann will im Februar eine weitere Erklärung abgeben

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Gewerkschafter unter sich: Klaus Zwickel (li.) und Jürgen Ladberg

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Jurist und Schützling: Anwalt Eberhard Kempf (re.) im Gespräch mit Josef Ackermann

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Selbstleseverfahren: Joachim Funk bei der Aktenlektüre

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Schweigendes Duo: Kurt-Jürgen Kinzius (li.) und sein Anwalt Norbert Gatzweiler

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Wird noch einmal antreten: Josef Ackermann will die Erläuterungen der Staatsanwaltschaft erläutern

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Mannesmann-Prozess, vierter Tag:
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Daher hat die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer den Prozessbeginn auf 12.30 Uhr terminiert - Kinzius' Redezeit als Auszeit. Josef Ackermann wird den Vormittag gewiss nicht zum Ausschlafen genutzt haben.

Erste Erkenntnisse erwartet das Gericht dagegen vom ehemaligen Leiter der Mannesmann-Rechtsabteilung Joachim Peters, dem zweiten Zeugen, der geladen ist. Inzwischen finden sich die Beteiligten ein. Joachim Funk als Erster, wie üblich. Die Stimmung unter den Angeklagten ist gelöst. Der frühere Direktor für Vorstandsverträge Dietmar Droste, der sich an den ersten Tagen sichtlich unwohl fühlte, plaudert frohgemut mit Klaus Esser.

Doch der Schein trügt, hier ist nicht alles eitel Sonnenschein. Der Vortag endete mit Zoff, Sven Thomas, der Anwalt Essers, und die Staatsanwaltschaft gerieten sich in die Haare. Dass am heutigen Donnerstag Gewichtiges bevorstehen könnte, verrät ein Blick auf die Schreibtische der Anwälte. Sie sind beladen mit armdicken Ordnern - Dokumente für die Beweisaufnahme.

Mit der Ruhe ist es jäh vorbei, als Richterin Koppenhöfer pünktlich um halb eins die Verhandlung eröffnet. Die Scharmützel des Vortages flammen sofort wieder auf.

Zunächst will Staatsanwalt Johannes Puls, wie am Vortag angekündigt, eine Erläuterung zur Aussage Klaus Essers machen, "gemäß Paragraf 257 der Strafprozessordnung". Doch sogleich fällt Verteidiger Sven Thomas ein, der immer mehr die Rolle des aggressiven Anführers im Ringen mit den Anklägern übernimmt. Scharf belehrt er das Gericht, dass es Puls nicht zustehe, in seinen Erläuterungen weitere Ermittlungsergebnisse auszubreiten. Die seien laut Kammerbeschluss nicht Bestandteil des Verfahrens. Brigitte Koppenhöfer hält dagegen: "Herr Thomas, ich habe Ihnen Ihnen nicht das Wort erteilt!"

Ackermann will erneut das Wort ergreifen

Ackermann will erneut das Wort ergreifen

Doch der Angriff des Anwalts hat Erfolg. Schmallippig zieht sich das Gericht zurück, um zu beraten, wie mit dem Einwand umzugehen sei. Nach fünf Minuten, gegen 12.50 Uhr, kehren sie zurück und die Staatsanwaltschaft darf sich äußern. Puls kündigt fünf Anmerkungen an und legt los mit Zitaten aus den Vernehmungsprotokollen Klaus Essers.

Dabei ist er hörbar nervös. Er liest schnell, will es rasch hinter sich bringen, erreicht damit das Gegenteil. Immer wieder verhaspelt er sich, gerät ins Stocken. Sven Thomas nutzt die Schwäche und wiederholt seine Bedenken. Die anderen Verteidiger pflichten ihm bei.

Nach Puls' Ausführungen macht Eberhard Kempf, der Anwalt Josef Ackermanns, einen Antrag, der seiner Seite die weitere Wortführerschaft sichern könnte. Sein Mandant, erklärt er, wolle nach den neuen Ausführungen des Staatsanwalts erneut Stellung nehmen, diesmal mit einer Dauer von ein bis zwei Stunden. Als Termin schlägt er den 11. Februar vor. Josef Ackermann hatte bereits vor einer Woche eine dreiviertelstündige Erklärung abgegeben.

Danach geht Koppenhöfer weiter im Text. Sie führt drei Aktenordner mit Beweismitteln ein, angesichts der Menge der Unterlagen im Selbstleseverfahren. Das heißt, dass sie nicht jede Seite Wort für Wort laut vorträgt. Dieser Vorgang ist sonst bei Gericht üblich, um die Beweismittel als offizielle Dokumente des Prozesses einzuführen, so dass jeder der Beteiligten über den gleichen Kenntnisstand verfügt.

Die Prozessteilnehmer lesen selbst

Beim Selbstleseverfahren geht der Richter davon aus, dass alle Prozessparteien den Inhalt der Akten kennen. Koppenhöfer liest nur die Überschriften der Dokumente vor: "Handschriftliche Notiz von ..., E-Mail des Herrn ..., Präsidiumsbeschluss vom ...". Das zieht sich.

Dann folgt die Schauspielpassage, die schon gestern genau so feststand, wie sie jetzt tatsächlich abläuft: Kinzius betritt mit seinem Anwalt den Zeugenstand, Koppenhöfer belehrt Kinzius - und entlässt ihn dann gleich wieder. Wie angekündigt hat Kinzius erklärt, dass er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht.

Im Anschluss, gegen 14 Uhr, stellt Essers Anwalt Thomas den Antrag, Aufzeichnungen von Kinzius für den Prozess zuzulassen, die anderen Verteidiger schließen sich an. Zeuge Joachim Peters, ehemals Leiter der Rechtsabteilung bei Mannesmann, betritt den Saal und wird belehrt.

Die Frage nach den Appreciation Awards

In den folgenden 20 Minuten beantwortet Peters die Fragen von Richterin Koppenhöfer ausführlich. Der etwa 1,90 Meter lange, schlanke 44-Jährige wirkt aufgeschlossen, überdenkt einige Antworten, wirkt aber nicht zögerlich.

Peters hinterlässt einen selbstbewussten, aber nicht überheblichen Eindruck. Immerhin, er hatte als Enddreißiger bereits einen Direktorenposten bei Mannesmann und berichtete direkt an den Vorstand, meistens an Kinzius. Heute arbeitet Peters in vergleichbarer Position bei Vodafone.

Der Justiziar bejaht die Frage nach einer Abfindung für seine Person. Er hat demnach im Rahmen der Übernahme eine Abfindungsprämie von einer Viertelmillion Euro bekommen.

Von seinem "Appreciation Award" habe er per Brief erfahren, der auch von AR-Chef Funk unterzeichnet gewesen sei. Von der Prämie für Esser habe er erstmals gehört, als dieser selbst um die Erwähnung in einem offiziellen Papier gebeten habe: Klaus Esser war für einige Monate in der Übergangsphase Mitglied im Board of Directors von Vodafone. Bei seiner Aufnahme in das Gremium erwähnte Esser in den Angaben zur Person die Abfindungssumme.

"Haben Sie das ernst genommen?"

"Haben Sie das ernst genommen?"

Vorher habe er nichts von einer solchen Prämie gewusst, sagt Peters. Von der bevorstehenden Übernahme durch Vodafone hat Peters nach seinen Angaben aus der Presse erfahren: Im Oktober 1999 las er die ersten Spekulationen in verschiedenen Zeitungen. "Haben Sie das, was sie dort gelesen haben, ernst genommen?", fragt Richterin Koppenhöfer. "Ja, sehr ernst", antwortet Peters. Allerdings habe er sich zu dem Thema nicht mit Klaus Esser ausgetauscht, sein Ansprechpartner im Mannesmann-Vorstand sei eher Kurt-Jürgen Kinzius gewesen.

Peters wurde dann als Mitglied im so genannten "Friedland-Team" von Mannesmann aktiv. Diese kleine Gruppe von führenden Mitarbeitern war vom Konzern für den Fall einer feindlichen Übernahme zusammengestellt worden.

In einem "Defense-Handbuch" waren verschiedene Handlungsanweisungen zusammengestellt, die im Falle eines feindlichen Übernahmeversuchs automatisch ablaufen sollten. Als Beispiel nennt Peters eine dort festgeschriebene Telefonkette: Wer ist wann und wo im Falle eines Notfalls zu informieren? Das bleibt allerdings alles, was Peters an Details über das Defense-Handbuch und die Konzerntaktik nennt.

Genau will Richterin Koppenhöfer wissen, mit wem sich Klaus Esser vom 2. bis zum 4. Februar in der Mannesmann-Zentrale getroffen hat. Die Angaben von Peters sind dürftig. Klar wird lediglich, dass Canning Fok, Vertreter des Großaktionärs Hutchison Whampoa, in dieser Zeit in der Konzernzentrale war. Wann und wo er mit wem wie lange gesprochen hat, kann Peters nicht beantworten. Fok soll nach übereinstimmenden Angaben die treibende Kraft hinter den Abfindungsmillionen für das Mannesmann-Top-Management gewesen sein.

Über die Rolle der Mikrofone

Über die Rolle der Mikrofone

Um 14.30 Uhr beginnen die Staatsanwälte damit, ihre Fragen an den Zeugen Peters zu richten. Staatsanwalt Puls legt ihm verschiedene Dokumente vor. Bei der Nennung der Dokumente verhaspelt sich Puls einmal, außerdem spricht er noch auf dem Weg zum Zeugen, so dass nicht alle Anwesenden verstehen, was er sagt. Die Verteidigung nutzt die kleinen Schwächen für einen Zwischenruf: "Die Fundstellen, bitte!" Die Richterin bittet Puls daraufhin ebenfalls, die Fundstellen - also die Passagen in der Klageschrift, in denen die Dokumente vorkommen - deutlich vor dem Mikrofon zu nennen.

Nur eine halbe Stunde später allerdings rüffelt Koppenhöfer auch die Verteidigung. Sven Thomas ist zwar - als Ex-Basketballspieler - groß gewachsen und sein Bariton tönt klar verständlich durch den Saal. "Ich bitte Sie trotz Ihrer lauten Stimme, bitte das Mikrofon zu benutzen", fordert dennoch die Richterin. Gleiches Recht für alle - da ist Koppenhöfer penibel.

Eine kurze Meinungsumfrage unter den Journalisten zeigt, dass genau dieser Charakterzug der Richterin große Symphatien einbringt. Auch wenn es größenteils nur formale Dinge sind, in denen sie bisher Gleichbehandlung eingefordert hat.

Gegen 15 Uhr soll der Zeuge Peters sagen, ob ihm die von Puls vorgelegten Schreiben bekannt sind. Da einige Seiten in Englisch verfasst sind, bittet der Staatsanwalt Peters, sie zu übersetzen.

Verteidigung: "Wollen den prozessualen Druck erhöhen"

Die Verteidiger erheben Einspruch, dem die Richterin stattgibt: Die anwesenden Sprachsachverständigen sollen die Papiere binnen 15 Minuten übersetzen. So lange ist Prozesspause. Funk und Zwickel begrüßen Peters auf dem Flur vor dem Gerichtssaal per Handschlag.

Nach der Pause wird es noch einmal spannend, als es um die Vernehmung eines wichtigen Zeugen geht. An Canning Fok sei zwar eine Anfrage ergangen, ob er bereit wäre, als Zeuge im Prozess auszusagen, erklärt die Richterin auf Nachfrage. Er ist aber bisher nicht als Zeuge geladen. Darauf drängt nun die Verteidigung von Klaus Esser. "Wir wollen den prozessualen Druck erhöhen, damit Canning Fok auch tatsächlich aussagen muss", erklärt Verteidiger Jürgen Welp später im Gespräch mit manager-magazin.de.

Um 15.45 Uhr beendet Koppenhöfer den Prozesstag, der ein paar Lichtstrahlen in die Übernahme-Story brachte - ohne dass der Vorhang tatsächlich gelüftet worden wäre.

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