Mannesmann-Prozess Dicke Bohnen und dicke Luft

Mannesmann-Prozess, dritter Tag: Wie ein Berserker kämpfte Klaus Esser um seine Reputation und warf der Staatsanwaltschaft Populismus und Inkompetenz vor. Mehrfach fuhr Richterin Koppenhöfer den Streithähnen in die Parade, Esser fing sich gar eine Rüge ein.
Von Arne Stuhr, Christian Buchholz und Matthias Kaufmann

Düsseldorf - Klirrende Kälte und Schneeluft in Düsseldorf, heiße Wortgefechte im Saal L111 des Landgerichts - so die Vorhersagen für den dritten Prozesstag im Mannesmann-Verfahren. Klaus Esser trifft gegen 8.50 Uhr ein. Er soll heute seine Schilderung der Mannesmann-Übernahme fortsetzen.

Ein Vortrag zwischen Plädoyer - Esser ist selbst Jurist - und industriepolitischer Nähkästchen-Plauderei. So zumindest stellte es sich in der vergangenen Woche dar. Da hatte Esser etwa berichtet, dass ihm der damalige Vodafone-Chef Chris Gent im Zuge des Übernahmekampfes den Chefposten des neu formierten Konzerns angeboten hätte.

Um 8.50 Uhr betritt Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank , den Gerichtssaal. Wie wird er sich verhalten? Die Kamera-Objektive schwenken blitzschnell auf den prominenten Angeklagten. Vor einer Woche hatte sich Ackermann gleich nach dem Eintreten zu einem Victory-Zeichen hinreißen lasse. Ein Foto, das um die Welt ging, und ein Motiv, das viele Redakteure zum Beleg für die Arroganz der Angeklagten machten.

Nur der Augenschein: Heute steht nicht Zwickel im Vordergrund, sondern Klaus Esser

Nur der Augenschein: Heute steht nicht Zwickel im Vordergrund, sondern Klaus Esser

Foto: DPA
Nur nichts Unbedachtes: Ackermann gibt sich zugeknöpft, ein weiteres Victory-Zeichen ist heute nicht zu erwarten

Nur nichts Unbedachtes: Ackermann gibt sich zugeknöpft, ein weiteres Victory-Zeichen ist heute nicht zu erwarten

Foto: DPA
Nur der Angeklagte: Klaus Esser kommt alleine, spricht sich sich mit seinen Anwälten nicht mehr vor Verhandlungsbeginn ab

Nur der Angeklagte: Klaus Esser kommt alleine, spricht sich sich mit seinen Anwälten nicht mehr vor Verhandlungsbeginn ab

Foto: DPA
"Das habe ich schon im Gerichtssaal gesagt": KLaus Esser bei Kurzinterviews in der Mittagspause

"Das habe ich schon im Gerichtssaal gesagt": KLaus Esser bei Kurzinterviews in der Mittagspause

Foto: DPA
In den weiten Gängen Justitias: Josef Ackermann im Treppenhaus des Landgerichts

In den weiten Gängen Justitias: Josef Ackermann im Treppenhaus des Landgerichts

Foto: DDP
Zurück an die Arbeit: Esser kehrt zurück in Saal L111

Zurück an die Arbeit: Esser kehrt zurück in Saal L111

Foto: DPA
Randfigur: Klaus Zwickel sitzt neben dem Geschehen

Randfigur: Klaus Zwickel sitzt neben dem Geschehen

Foto: DPA
Nach Aktenlage: Esser hat seinen Fünf-Stunden-Vortrag minutiös vorbereitet

Nach Aktenlage: Esser hat seinen Fünf-Stunden-Vortrag minutiös vorbereitet

Foto: DPA
Smalltalk: Esser und Ackermann in einer Verhandlungspause

Smalltalk: Esser und Ackermann in einer Verhandlungspause

Foto: DPA




Anspannung in der neuen Prozesswoche:
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Klaus Esser steht weit weg von seinen Anwälten

Heute verzieht Ackermann keine Miene - das strahlende Lächeln, das er in der vergangenen Woche noch zeigte, ist einem leichten, verhuschten gewichen. Artig schüttelt er den anderen Angeklagten die Hand und verschränkt dann die Arme vor der Brust, als er sich - wie schon gewohnt - zum Smalltalk zu Klaus Esser gesellt. Der glänzt heute mit einer 1a-Frisur, streng nach hinten gekämmt.

Ackermann löst seine verschlossene Haltung nur für einen kurzen Moment, als er in die Hosentasche greift um sein Handy herauszuholen. Kurzer Blick aufs Display, dann wandert das Gerät zurück in den Zwirn, Ackermann verschränkt wieder die Arme.

Um 8.35 Uhr, noch vor Esser, Ackermann und Jürgen Ladberg (heute mit roter Krawatte), sogar noch vor den Kameraleuten, war Joachim Funk, der Ex-AR-Chef von Mannesmann, in den Saal gegangen. Begleitet wurde er von seinen zwei Verteidigern. Klaus Esser dagegen tritt solo auf. Seine Anwälte sind zwar im Saal, aber er sucht ihre Nähe nicht. Ebenso vermeidet er den Kontakt zu den drei Staatsanwälten: Während sich die Angeklagten untereinander die Hände schütteln, gibt es zu den Staatsanwälten kaum Blickkontakt. Eisiges Schweigen diesseits und jenseits des Grabens.

Die Absage an Thomas Middelhoff

Die Absage an Thomas Middelhoff

Um 9.05 Uhr nehmen die Richter Platz und die Bildjournalisten werden aus dem Saal gebeten. Die Richterin gibt bekannt, wann Ex-Vodafone-CEO Christopher Gent als Zeuge in Düsseldorf erwartet wird - am 25. März. Mit Canning Fok von Hutchison Whampoa ist eine Video-Konferenz am 26. Februar geplant. Einschränkung: Während das technische Equipment dafür in Düsseldorf funktioniert, sei noch nicht geklärt, ob das auch für die Sende- und Empfangstechnik im Konsulat Hongkong gelte.

Esser beginnt mit der Fortsetzung seiner Schilderung der Vorgänge bei der Mannesmann-Übernahme im Jahr 2000. "Ich habe um nichts gebeten", sagt er zum Thema Millionen-Abfindung. Canning Fok, Vertreter des Mannesmann-Großaktionärs Hutchison Whampoa, habe die Abfindungszahlungen an ihn, Esser, im Gespräch mit der Mannesmann-Zentrale gefordert.

Dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe mit dem Ex-Vorstandschef von Mannesmann, Joachim Funk, eine Verschwörung ausgeheckt, begegnet Esser mit der von ihm gewohnten Schärfe: "Üble Nachrede" sei diese Behauptung, nichts weiter.

Verhandlungs-Stopp bei AOL

Esser erzählt von einem weiteren Detail der Übernahmeschlacht, das bisher nicht bekannt war, dessen Relevanz für den Prozess aber auch nicht ersichtlich wird: Nachdem die Übernahme von Mannesmann mit Vodafone besiegelt ist, informiert er Thomas Middelhoff, damals Vorstandschef bei Bertelsmann, als einen der ersten.

Mannesmann hatte mit dem Internetportal AOL Deutschland, das zu jener Zeit von Bertelsmann gesteuert wurde, schon länger über konkrete Kooperationen verhandelt, so Esser. Sobald klar war, dass es dafür "zu spät" sei, habe er Middelhoff verständigt, so Esser.

Esser: "Canning Fok bestand auf Prämie"

Dann erklärt er detailliert, wie es zu der Zehn-Millionen-Pfund-Prämie für ihn gekommen ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei wiederum Canning Fok, der in Absprache mit Hutchison-Whampoa-Aktionär Li Ka-shing auf die Zahlung drängte. Ursprünglich wollte Fok in Aktienoptionen zahlen, was aber bei Mannesmann nicht möglich war. Der Bonus von 15,9 Millionen Euro sei nur "ein Bruchteil dessen", was er erhalten hätte, wenn Mannesmann bereits ein Aktienoptionsprogramm eingeführt hätte. Im Übrigen sei die Prämie auch im deutschen Vergleich eher kärglich bemessen.

Esser habe Fok auf das Aktienoptionsangebot entgegnet: "Es reicht mir aus, wenn meine Verträge ausbezahlt werden", doch Fok erkundigte sich nur, auf welchem Weg er ihm die Summe von zehn Millionen zukommen lassen könnte.

So will ihn Esser schließlich ans Aufsichtsratspräsidium verwiesen haben. Dabei bestand er auf die Zustimmung des neuen Eigners Vodafone. Außerdem sei sein Plan gewesen, den Betrag aufzuteilen und die Hälfte unter den Besten seines Teams zu verteilen. Wieder habe Fok darauf bestanden, Esser persönlich mit zehn Millionen zu segnen und stockte die Prämie um zusätzliche zehn Millionen Pfund für das Team auf.

Esser über den Sinneswandel der Gegenseite

Esser über den Sinneswandel der Gegenseite

Diese Vorgänge, so Esser weiter, seien bis zum März 2001, also für etwa ein Jahr nach der Übernahme, rechtlich unstrittig gewesen. Erst mit dem Wechsel des zuständigen Generalstaatsanwalts habe sich "ein Wandel" in der Einschätzung des Falls ergeben.

Hans-Reinhard Henke wurde am 1. April 2001 Chef der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft. Zuvor war er seit 1997 Leitender Oberstaatsanwalt in Dortmund gewesen. Henke folgte einem Ruf von NRW-Justizminister Jochen Dieckmann nach Düsseldorf.

Zum Beleg für den damals einsetzenden Wandel in der Einschätzung des Mannesmann-Falls verweist Esser auf einen Brief der Staatsanwaltschaft vom August 2000. Dieses Schreiben bescheinige, dass es dem Aufsichtsrat einer AG unbenommen sei, die Bezüge des Managements auch nachträglich zu erhöhen - "und so liegt der Fall hier", zitiert Esser weiter.

Esser greift die Staatsanwaltschaft in verschiedenen Punkten an, lässt zwischen den Zeilen auch den Vorwurf der Inkompetenz aufblitzen. So hätten die Ermittlungsbeamten angebliche Ungereimtheiten beim Sichten von Dokumenten angekreidet: Dateien, die im Rahmen der Übernahme erstellt worden seien, wären mit nicht erklärbaren, unlogischen und somit möglicherweise nachträglich veränderten Zeitangaben versehen gewesen.

Vom Einfluss der Sommerzeit auf die Ermittlungen

Essers Erklärung: Weil ein Teil der Dokumente auf PCs getippt worden sei, die mit dem Betriebssystem "Windows 98" arbeiteten, und andere Schreibkräfte an Computern mit "Windows NT" arbeiteten, seien Abweichungen um genau eine Stunde entstanden: Das eine Programm sei auf Sommerzeit umgestellt gewesen, das andere nicht.

Dann kommt er auf einen der kritischsten Punkte der Anklage zu sprechen: Die Abfindung seines Vorgängers als Vorstandschef bei Mannesmann, Joachim Funk. Der war zum Zeitpunkt der Übernahme Aufsichtsratschef und damit Mitglied des AR-Präsidiums, das die Entscheidung zu den Abfindungen befürwortete. Aus Sicht der Staatsanwälte genehmigte sich Funk damit seine eigene Abfindung.

Brauchtumspflege in der Chefetage

"Guter Brauch" zwischen Vorstandschef und AR

Esser erklärte, er habe per Post von der Absicht des Aufsichtsrats erfahren, die Funk-Abfindung zu zahlen. Es sei "guter Brauch" des Gremiums gewesen, ihn als Vorstandschef über interne Diskussionen auf dem Laufenden zu halten. In der Sache habe er gegen die Abfindung für Funk nichts einzuwenden gehabt. Moniert habe er aber gegenüber dem Aufsichtsrat, dass seine eigene und die Abfindung Funks in einem Schreiben gebündelt gewesen seien.

An der Diskussion über proportional übergewichtete Boni für 14 Mitglieder aus dem Top-Management und im Vergleich dazu untergewichtete Boni für 35 weitere Mitglieder des Führungszirkels habe er dann "mit meinem Sachverstand mitgewirkt".

Die Staatsanwaltschaft habe zu diesem Themenbereich kritisiert, dass in einigen Unterlagen, beispielsweise von Gewerkschaftsboss Klaus Zwickel, nur von zehn statt 14 Mitgliedern mit höheren Boni die Rede gewesen sei. Esser klärt auf: Dies sei nicht etwa wie behauptet "ein Durcheinander", sondern schlicht damit zu erklären, dass Zwickel die vier Mannesmann-Vorstände in seinen Ausführungen explizit nicht berücksichtigen wollte. Es habe durchaus Interessenkonflikte in der Boni-Diskussion gegeben, aber eben "keine Mauschelei".

30 Stunden Verhör, 150 Seiten Protokoll

Esser nächster Anlass für Ärger ist, dass die Staatsanwaltschaft ihn insgesamt 30 Stunden verhört habe, dass dazu 150 Seiten Protokoll verfasst worden seien - und er trotzdem immer wieder mit den selben Vorwürfen konfrontiert werde. Dies ist aus Essers Sicht ein Teil der "Medienpropaganda", die seitens der Staatsanwälte betrieben werde. "Eine Woge von Neidgefühlen" sei von ihnen "für ein populistisches Spiel mit Strafanzeigen mißbraucht" worden.

Schließlich schildert er ein Vorkommnis während der Mannesmann-Aufsichtsratssitzung am 17. April 2000. Vodafone-CEO Chris Gent nahm daran bereits als AR-Chef teil. Er habe Esser damals gefragt, ob es ein "commitment of honour" für Funk gebe - also eine vertragliche Regelung über dessen Anerkennungsprämie. Esser habe dies verneint und erklärt, das AR-Präsidium könne eine beliebige Summe veranschlagen. Wörtlich habe er gesagt, es könnten "null, drei, sechs oder auch neun Millionen Mark gezahlt werden". Gent habe sich dann für sechs Millionen Mark entschieden.

Die Richterin rügt Essers Wortwahl

Essers letzte Amtshandlungen - als Dolmetscher

Die "Null" sei allerdings durch eine "Kapriole der Staatsanwaltschaft" in deren Argumentation weggedeutet worden - zu Unrecht.

Esser betont, dass er zu dieser Zeit zwar bei allen wichtigen Aufsichtsratssitzungen anwesend war - aber nicht als Entscheider, sondern vielmehr in Dolmetscherfunktion. Er habe unter anderem in Gesprächen zwischen Gent, Ladberg und Zwickel als Übersetzer gewirkt. "Chris Gent war damals bereits Chef des Hauses und hat diese Aufgabe auch wahrgenommen".

Gent vs. Esser - "in aller Klarheit und Härte"

Über sein Verhältnis zu dem Vodafone-Chef erklärt Esser, man sei durch die Übernahmeschlacht zwar zu Gegnern geworden - "in aller Klarheit und Härte" - trotzdem habe man einen konstruktiven Umgang im Interesse der Aktionäre und des Unternehmens gepflegt. Er, Esser, habe "eine hohe professionelle Einschätzung" von Gent.

Um 10.28 Uhr bietet Esser der vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer an, eine Pause einzulegen. "Ich greife den Vorschlag gerne auf und unterbreche die Sitzung für eine halbe Stunde", so Koppenhöfer daraufhin. Dann drängt sich ein Journalist zu Esser, stellt ihm eine Frage. Koppenhöfer sieht's und reagiert sofort: "Aus gegebenem Anlass weise ich noch einmal darauf hin, dass ich Interviews im Saal untersagt habe!" Ein Gerichtsdiener macht sich in Richtung Esser und Journalist auf. Er muss aber nicht mehr eingreifen.

Zwickel zieht sich in die Gerichtskantine zurück

Esser nutzt die Pause, um einige tiefe Züge aus seiner Wasserflasche ("Volvic") zu nehmen - und Telefonate mit dem Handy zu führen.

Unterdessen hat sich Ex-Gewerkschaftsboss Klaus Zwickel für die Pause in die schlichte Gerichtskantine zurückgezogen, in die sich bisher noch keiner der Angeklagten gewagt hat. Zwickel sitzt hier mit seinen Anwälten an einem Tischchen mit blau-weiß karierter Decke. In gebührendem Abstand haben sich die drei Staatsanwälte versammelt - es gibt Tee, Wasser und Kaffee.

Um 11.05 Uhr setzt Richterin Koppenhöfer den Prozess fort und entschuldigt sich gleichzeitig für die Rückkopplungen in der Mikrofon-Anlage - das gelegentliche schrille Pfeifen soll in der Mittagspause beseitigt werden.

Die Richterin rügt Essers Wortwahl

Um 12.15 Uhr läutet Richterin Koppenhöfer eine einstündige Mittagspause ein. Zuvor rügt sie Esser wegen seiner Wortwahl. Ausdrücke wie "plumper Trick" solle er sich bei der Kritik an der Staatsanwaltschaft künftig verkneifen, auch wenn sie "die engagierte Verteidigung" Essers nachvollziehen könne.

Der erklärt daraufhin ungerührt, er könne neben den 13 Punkten aus der Anklageschrift, die er bereits kommentiert habe, weitere 70 als "Unwahrheiten" entkräften. "Das würde aber viel Zeit kosten". Er verlangt, diese Punkte aus der Anklageschrift zu streichen. Er habe als Mannesmann-Chef stets "mit Distanz und Respekt" seine Pflichten erfüllt, von dem Prozess erwarte er sich nun eine "Rehabilitation".

Ein dekoratives Angebot

Keine Antworten für die Staatsanwälte

In der Gerichtskantine stehen fünf Menüs zur Auswahl: Eine Tagessuppe mit Brötchen für 1,50 Euro ("Kleiner Hunger"), für drei Euro einen Bunten Bohnensalat mit Putenfleisch. Menü 3 verspricht Dicke Bohnen mit Kartoffeln und Mettwurst (3,50 Euro), für vier Euro gibt es Cannelloni, Menü fünf - "Piccata mit Spätzle und Salat" - kostet 4,50 Euro.

Während die Kantine mit Hausmannskost lockt, herrscht draußen dichtes Schneetreiben. Esser hat sich die Beine vertreten, ohne Mantel oder Schirm, und kommt um 13.05 Uhr ins Gerichtsgebäude geschneit. Vor den eilig herbeigeeilten Kameraleuten reagiert er wortkarg auf ein paar Fragen: "Meine Einwände gegen das Verhalten der Staatsanwaltschaft sind genau die, von denen ich eben vor Gericht gesprochen habe." Ungnädig wendet er sich der Tür zum Verhandlungssaal zu - und den Dingen, die wichtig sind.

Dazu zählt für ihn offenbar nicht so sehr die Staatsanwaltschaft. Auf die Fragen von Richterin Koppenhöfer wolle er antworten, erklärt er nach der Verhandlungspause, doch der Staatsanwaltschaft werde er entgegen früheren Beteuerungen nicht Rede und Antwort stehen: "Der Verlauf der Verhandlung hat gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, eine Gesprächssituation zwischen mir und der Staatsanwaltschaft entstehen zu lassen."

Ein geschickter Schachzug, nimmt er den Verfahrensgegnern doch die Möglichkeit, direkt auf seine fünfstündige Erklärung zu reagieren. Doch Richterin Koppenhöfer muss ihn gewähren lassen und beginnt mit ihrem Fragenkatalog: Seit wann der Shareholder Value bei Mannesmann als Managementprinzip gegolten habe (etwa seit Mitte der neunziger Jahre), weshalb der Deal mit AOL nicht geklappt hätte (weil AOL immer stärker der Übernahme von Time Warner zuneigte) oder warum es bei Mannesmann kein Aktienoptionsprogramm gegeben hätte. Bis zur Übernahme, stellt sich dabei heraus, war der Konzern einfach nicht dazu gekommen, die Möglichkeiten in seine Statuten umzusetzen, die der Gesetzgeber 1998 im Bereich der Aktienoptionen eröffnet hatte.

Chris Gents "dekoratives" Angebot

So erfährt man auch, dass Esser nach Abschluss der feindlichen Übernahme nochmals einen Posten von Chris Gent angeboten bekam: Es sei der Wunsch des Vodafone-Chefs gewesen, dass Esser als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender im Unternehmen verbleibt. Hätte er zugestimmt, wäre dies in erster Linie ein "dekorativer Posten" gewesen, wie sich Esser ausdrückt, der vor allem die Mannesmann-Mitarbeiter hätte beruhigen sollen.

Wenig dekorativ sind inzwischen die Nebengeräusche der Mikrofonanlage geworden. Um 13.55 Uhr lässt das Gericht erneut für zwanzig Minuten unterbrechen, um das technische Problem endlich beheben zu lassen. In den weiteren Fragen geht es vor allem um Essers Rolle und den allgemeinen Ablauf bei Präsidiumsbeschlüssen. Außerdem ist der Kontakt zu den Aktionären von Interesse: Hat Esser schon immer vorgehabt, die Höhe seiner Erfolgsprämie publik zu machen? Selbstverständlich bejaht er.

Esser im Fragemarathon mit drei Richtern

Von der Wogen-Glätterin Koppenhöfer

So offen sei er auch mit der Ausbezahlung des lebenslangen Nutzungsrechts von Dienstwagen, Sekretärin und Chauffeur umgegangen: Den Wunsch habe er selbst geäußert, die Höhe von vier Millionen Mark habe Vodafone festgesetzt - ein übliches Verfahren, so der Angeklagte.

Als Brigitte Koppenhöfer gegen 15.15 Uhr an ihre beisitzende Richterin Ulrike Voß und nach zehn Minuten an den Kollegen Guido Noltze übergibt, hat Esser zu 60 bis 70 Fragen und Nachfragen Stellung genommen. Noltze interessiert sich unter anderem für die Bedeutung des Börsenkurses in Bezug auf die Bezahlung des Vorstands vor der Übernahme.

Auch das "persönliche Verhältnis" zu seinem Amtsvorgänger Funk wollen die Richter erklärt bekommen, die auf eine Bemerkung von Esser eingestehen, dass dies eine "sehr persönliche Frage" sei. Nun gut, "geschätzt" habe er Funk und "erfolgreich mit ihm zusammengearbeitet", lautet die knappe Antwort.

Nach der Befragung Essers sollte eigentlich Schluss sein - aber Ankläger Dirk Negenborn meldet sich zu Wort. Ob die Staatsanwaltschaft Anregungen zu den Aussagen Essers machen dürfe, fragt er. Die Richterin bejaht.

Essers Anwalt Sven Thomas betont jedoch, weder zu Fragen noch zu Anregungen der Staatsanwaltschaft werde sein Mandant Stellung nehmen - und schon vorher hatte Thomas unmissverständlich klargemacht, dass Esser keinen auch noch so kleinen Dialog mit einem der Staatsanwälte vor Gericht wünsche. Da entfährt es Negenborn: "Wir haben Sie schon verstanden ...". Aufgebracht ruft Thomas zurück, er habe "mit der Vorsitzenden gesprochen, nicht mit Ihnen!"

Wogenglätterin Koppenhöfer gebietet Einhalt: "Wir haben hier bisher in einem vernünftigen Ton miteinander gesprochen, und ich möchte, dass das auch weiterhin so bleibt. Keine Polemik, bitte." Doch Thomas legt noch einmal nach: "Da sitzt er, der Verantwortliche!" Ruft's und deutet mit dem Finger in die Ecke der Staatsanwälte - und ergattert so das letzte Wort.

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