Montag, 24. Juni 2019

Mannesmann Großer Fall, kleines Einmaleins

3. Teil: "Koppenhöfer hat sehr gute Figur gemacht"

"Koppenhöfer hat eine sehr gute Figur gemacht"

mm.de: Im Vorfeld des Prozesses wurde viel über die Richterin spekuliert. Brigitte Koppenhöfer hat einen guten Ruf im Jugendstrafrecht, aber viele fragten: Wird sie sich gegenüber der Anwaltselite, die ihr gegenübersteht, behaupten können? Was ist Ihr Eindruck nach den ersten Verhandlungstagen?

"Herr des Verfahrens": Richterin Brigitte Koppenhöfer verhandelt seit drei Jahren Wirtschaftsstrafsachen
Binz: Frau Koppenhöfer hat eine sehr gute Figur gemacht. Ich habe das allerdings auch gar nicht anders erwartet. Sie hat einen Ruf als selbstbewusste, energische, aber vor allem auch als hoch qualifizierte und souveräne Richterin, die sich schon seit vielen Jahren bewährt hat. Schon mit dem Eröffnungsbeschluss hat sie gezeigt, wer hier Herr des Verfahrens ist, indem sie die Anklage, wenn auch in unwesentlichen Punkten, einschränkte.

mm.de: Und fachlich?

Binz: Es gehört zum Tagesgeschäft eines Juristen, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten - das machen die Richter nicht anders als die Verteidiger. Denken Sie nur an den Schneider-Prozess, in dem es um diffizile Bewertungs- und Bilanzierungsfragen ging. Dort hat niemand den Sachverstand des Gerichtes oder der Staatsanwaltschaft angezweifelt.

Im vorliegenden Falle ist es auch gar nicht notwendig, über detaillierte Kenntnisse des deutschen Aktienrechtes zu verfügen. Dieser Punkt wurde doch von der Verteidigung nur hochgespielt, um Zweifel an der Qualifikation von Gericht und Staatsanwaltschaft säen zu können. Zentral sind allein die Fragen: Lag es im Unternehmensinteresse, einen Ex-Manager zusätzlich mit zehn Millionen Pfund zu belohnen, der gerade einen 430 Millionen Mark teuren Abwehrkampf verloren hatte, von sich aus gehen wollte und dem bereits ein Abfindungspaket von 28 Millionen Mark bewilligt worden war - zuzüglich Büro, Sekretärin, Auto und Fahrer auf Lebenszeit? Waren die zehn Millionen Pfund, immerhin 32 Millionen Mark, nur die Gegenleistung dafür, dass Esser seinen Widerstand aufgab, wie die Staatsanwaltschaft annimmt?

Erst wenn diese Fragen zu verneinen sein sollten, geht es um die Angemessenheit der Zahlung - und auch davon kann keine Rede sein. Wobei immer noch zu prüfen wäre, ob überhaupt von einer Ermessensentscheidung des Aufsichtsratspräsidiums angesichts der Hektik und der ungewöhnlichen Umstände gesprochen werden kann. Das alles ist das "kleine Einmaleins" jedes Strafrichters in Wirtschaftsstrafsachen und hat mit dem hochstilisierten Konflikt "Aktienrecht versus Strafrecht" überhaupt nichts zu tun.

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