Reaktionen "Verhöhnung der arbeitenden Menschen"

Das öffentliche Echo auf die Auftritte der Mannesmann-Angeklagten ist verheerend. Josef Ackermann sei zwar nicht verurteilt, aber habe schon verloren, so ein Kommentar. Auch Ifo-Chef Hans-Werner Sinn spart nicht mit Kritik.

Düsseldorf - Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat in einer Reaktion auf den Mannesmann-Prozess die einstige Führung des deutschen Traditionskonzerns scharf kritisiert. Aus seiner Sicht sei es "ein Skandal, dass sich die Leitung von Mannesmann offenkundig nur so lange gegen die Übernahme durch Vodafone  gewehrt habe, bis die privaten Abfindungsbeträge geklärt waren", sagte Sinn der Tageszeitung "Die Welt".

Zu den Zahlungen in Gesamthöhe von 57 Millionen Euro an Mannesmann-Manager sagte Sinn, bei der Übernahme sei "extrem viel Geld" in Prämien und Abfindungen geflossen. Die Hintergründe dieses Vorgangs aufzuklären, stärke den Rechtsstaat und könne zu höherer Rechtssicherheit führen. "Jedenfalls darf es nicht sein, dass sich deutsche Manager mit exzessiven Abfindungen die Zustimmung zur Verlagerung von Unternehmenszentralen ins Ausland abkaufen lassen."

Daher sei der Prozess "notwendig und unerlässlich", betonte Sinn. "Es ist falsch, wenn behauptet wird, dass der Prozess in Düsseldorf eine Gefährdung des Standortes Deutschland darstellt. Vielmehr ist der Standort durch die Übernahme von Mannesmann geschwächt worden."

Die Aussagen von Deutsche-Bank-Chef  Josef Ackermann und anderer Topmanager im Mannesmann-Prozess sind auch bei SPD und beim Arbeitnehmerflügel der Union auf scharfe Kritik gestoßen. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sprach am Donnerstag in Berlin von "unglaublicher Arroganz" und dem "Zynismus hoch dotierter Manager". Der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels, Hermann-Josef Arentz, kritisierte im Zusammenhang mit dem Prozess die erschütternde "Raffgier" einzelner Manager.

Zur Aussage Ackermanns, die Millionen-Prämien für Esser und sein Team seien "eine außergewöhnliche Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung" gewesen, erklärte Scholz, den Angeklagten fehle offenbar jeder Bezug zu den Menschen im Lande. Sie vertieften die Gräben in der Gesellschaft. Es gehe bei dem Prozess auch um Moral. "Das zu verstehen, fällt den Männern auf der Anklagebank offenbar schwer. Das ist die eigentliche Tragödie dieses Prozesses." Die juristische Anklage laute auf Untreue. "Die moralische Anklage lautet: Verhöhnung der arbeitenden Menschen in Deutschland", erklärte Scholz.

"Aufschluss über Verfilzung und Vetternwirtschaft"

"Aufschluss über Verfilzung und Vetternwirtschaft"

Auch Arentz sprach in der "Westfalenpost" von einem Lehrstück für den Verfall der Moral. "Dieselben Leute, die den Arbeitnehmern Bescheidenheit predigen, schieben Vorständen 111 Millionen Mark Prämien zu", sagte der CDA-Vorsitzende. Arentz forderte eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft, damit die "erschreckenden Fälle des Missbrauchs zu Gunsten einiger Weniger ein Ende finden".

Scharfe Kritik äußert auch der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, in der "Tageszeitung". Er kommentierte die Äußerungen Josef Ackermanns vor Gericht: "Ich habe den Eindruck, der Mann ist entweder dumm oder stillos oder beides". Er halte es für "nicht gerechtfertigt, dass ein Konzernchef das Zehntausendfache einer Lackiererin in einer Montagehalle verdient", sagte der Leiter des Frankfurter Oswald von Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik, der sich von dem Prozess Aufschluss über die "Verfilzung" und "Vetternwirtschaft" in den deutschen Chefetagen erhofft.

Hans Leyendecker schreibt in einem Kommentar der "Süddeutschen Zeitung": "Ackermann ist noch lange nicht verurteilt, aber er hat schon verloren". Als einen "Abgrund von Arroganz" und "obszön" sieht Leyendecker das von Ackermann während des Prozesses gezeigte Victory-Zeichen. Sein Fazit: "Als der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, aus seinem Frankfurter Büro herabstieg, wo er nahe den Wolken arbeitet, um denen da unten die Welt zu erklären, ging das ziemlich schief."

International dagegen entfachte der Prozess gestern keine besondere Aufmerksamkeit. "Wall Street Journal" und die internationale Ausgabe der "Financial Times" (FT) berichten zwar kurz über die Geschehnisse im Düsseldorfer Landgericht, enthalten sich aber Kommentaren. Die FT schreibt, dass Essers ausführlicher Vortrag am Gericht derart kritisch und druckvoll ausgefallen sei, dass unter Juristen vor Ort bereits über eine Ablösung des Staatsanwalts Hans-Reinhard Henke spekuliert worden sei.

Der Rechtskolumnist der FT denkt schon über das Ende des Mannesmann-Prozesses hinaus und fragt: "Sollte das Gericht die Angeklagten der Untreue für schuldig sprechen, um wie viel schwerer wiegen dann Mauscheleien, die im Fall Beiersdorf die Kontrolle durch Tchibo gesichert haben?"

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