Siemens "Wie lange bleiben Sie uns noch erhalten?"

Zwei Welten auf der Siemens-Hauptversammlung: Draußen demonstrieren von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, drinnen feiern die Aktionäre den Konzernchef. Nur eine bange Frage brennt ihnen unter den Nägeln: Wird Heinrich von Pierer seinen Vertrag verlängern?

München - Er putzt die Brille, blättert gedankenverloren in seinen Akten, rollt mit dem Bürostuhl hin und her, reibt sich die Nase und gähnt: Während der Eröffnungsrede von Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann fühlt sich Heinrich von Pierer unbeobachtet. Ruhelos sitzt er auf dem Vorstandspodium und bemerkt nicht, dass er immer wieder in das Visier der Saalkameras gerät. Alle Aktionäre können in der Olympiahalle die Gebärden des Vorstandschefs auf der Großbildleinwand verfolgen. Es sind die Minuten vor Beginn seiner Rede.

Zeitgleich zur Siemens-Hauptversammlung findet in Düsseldorf der Mannesmann-Prozess statt - wo sich unter anderem auch ein Mitglied des Siemens-Aufsichtsrats zu verantworten hat: Trocken stellt Baumann fest, das Siemens-Kontrollgremium sei mit Ausnahme von Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, in München "vollständig erschienen".

Während Ackermanns Aufsichtsratskollegen auf dem Podest thronen und der Rede ihres Vorsitzenden lauschen, sitzt der Bankchef auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts. Stuhl und Namensschild wurden für Ackermann in München gar nicht erst aufgestellt. Diese Peinlichkeit wollten die Siemens-Verantwortlichen dem wegen Untreue Angeklagten offenbar ersparen.

Von Pierer rückt eilig seine knallrote Krawatte zurecht und schreitet aufrecht zum Rednerpult. Der Auftritt des Konzernlenkers beginnt. "Wir können mit den Eckdaten, angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen, durchaus zufrieden sein", zieht er Bilanz zum Geschäftsjahr 2003. Der Kurs der Siemens-Aktie  hat sich vom Tiefstand von 32 Euro "auf inzwischen deutlich über 60 Euro mehr als verdoppelt". Die Dividende soll nun um zehn Cents auf 1,10 Euro je Aktie steigen.

"Im Rahmen unserer Erwartungen, teilweise auch darüber" bewegen sich nach Ansicht des Siemens-Chefs die Zahlen des ersten Quartals im Jahr 2004. Das Konzernergebnis nach Steuern beträgt 726 Millionen Euro und übertrifft den Wert des Vorjahreszeitraums um knapp 40 Prozent. Gleichzeitig ist das operative Geschäft um 24 Prozent gewachsen. Laut von Pierer belegen solche Zahlen, "dass wir gar keinen Anlass haben, Abstriche von unseren Ansprüchen zu machen".

Schneidig und selbstsicher

Schneidig und selbstsicher

Die Inszenierung überzeugt. Von Pierer, Sohn eines Berufsoffiziers, redet schneidig und selbstsicher. Dabei blickt er kein einziges Mal auf sein Manuskript, sondern in Richtung der Aktionäre - und hält sich dennoch konsequent an den vorab verteilten 25-seitigen Redetext. Alle relevanten Zahlen spult er wie auswendig gelernt ab. Auch scheinbar zweitrangiges memoriert er: 12.000 Nachwuchskräfte lassen sich momentan vom Elektronikkonzern ausbilden. Die beeindruckten Aktionäre klatschen Beifall.

Die Erwartungen für 2004 allerdings fasst er nicht in konkrete Zahlen. Von Pierer will sich nicht festlegen und wiederholt stattdessen einfach die Prognose vom vergangenen November: "Das Konzernergebnis könnte prozentual sogar zweistellig zunehmen", so von Pierer, "und dazu stehen wir." Als ob seine Visionen dadurch anschaulicher würden, verwendet der Siemens-Chef mit Vorliebe wohlklingende Worthülsen: "Go for Profit and Growth - Ergebnis und Wachstum".

Auch von Pierers tief greifende Restrukturierungsmaßnahmen, etwa der Personalabbau bei der Netzwerksparte ICN, kommen in betriebswirtschaftlichem Englisch daher: "Downsizing". Doch lediglich mit Kapazitätsreduzierung lasse sich Erfolg nicht garantieren, erklärt er: "Downsizing allein sichert die Zukunft nicht".

Seine künftige Strategie beschreibt von Pierer mit den drei Schlagworten "Innovation", "Kundenfokus" und "globaler Wettbewerb". Dazu gehört für ihn die Ausweitung des Geschäfts auf die EU-Beitrittsländer - und gleichzeitig die Verlagerung von Teilen der Produktion und Verwaltung ins Ausland. Ohne eine Beachtung des weltweiten Kostengefälles, so von Pierer, wäre Siemens "auf den internationalen Märkten nicht mehr konkurrenzfähig".

Tapfer geschlagen - bei niedriger Dividende

Gegen Personalabbau und Auslagerung von Produktionszweigen ins Ausland demonstrierten am Morgen vor der Olympiahalle Dutzende von Mitarbeitern. Sie pusteten energisch in ihre Trillerpfeifen und hielten Transparente in die Höhe, auf denen Parolen zu lesen waren wie "Stoppt die unsozialen Vorgänge bei ICN". Ein anderer Mitarbeiter, laut Spruchband 52 Jahre alt und Vater von drei Kindern, beklagte: "Nach 26 Jahren soll ich in die Arbeitslosigkeit gehen".

Doch während die Demonstranten draußen in der Kälte stehen und kaum Beachtung finden, wird von Pierer in der Halle von den Aktionären gelobt: Siemens habe sich "in sehr schwierigem Umfeld sehr gut geschlagen", erklärt Daniela Bergdolt, Sprecherin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Allerdings hätte die Dividende ihrer Ansicht nach etwas üppiger ausfallen können. Dennoch bescheinigt Bergdolt von Pierer, er habe sein Unternehmen gut im Griff. Dafür wieder Beifall. Heinrich von Pierer sei "Garant für das Durchschiffen schwieriger Gewässer", so Bergdolt.

Die Gretchenfrage

Die Gretchenfrage

An dieses Bild knüpft Henning Gebhardt, Leiter der Fondsgesellschaft DWS, an: "Während andere Unternehmen damit beschäftigt sind, Lecks zu flicken beziehungsweise nicht unterzugehen, blieb Siemens auf Kurs."

Das Vertrauen der Märkte in den Konzern spiegle sich im aufstrebenden Aktienkurs wider. Gleichzeitig erwarteten die Marktteilnehmer "eine deutliche Verbesserung der Bereiche, die ihre Zielmarge nicht erreicht haben" - insbesondere der Netzsparte ICN.

Aktionärsschützerin Bergdolt will außerdem vom Siemens-Chef wissen, "wie lange Sie uns noch erhalten bleiben". Doch von Pierer, dessen Fünfjahresvertrag im September 2004 turnusgemäß ausläuft, bevorzugt es, sich nicht zur Nachfolgerdiskussion zu äußern.

Kontrollgremiumschef Baumann erklärt: "Wir werden uns noch in diesem Jahr im Aufsichtsrat damit befassen". Er werde dann Vorschläge unterbreiten zur Vertragsverlängerung von Pierers und zu dessen Nachfolge.

Die potenziellen Kronprinzen, Vorstandsmitglieder wie Klaus Kleinfeld oder Johannes Feldmayer, bleiben bei der Hauptversammlung im Hintergrund. Einzig Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, den Experten zum weiteren Feld der Kandidaten zählen, darf eine Viertelstunde lang reden.

Doch mit seiner etwa einstündigen Rede nutzte nur von Pierer die Chance zur Selbstdarstellung. Dabei erweckten die applaudierenden Aktionäre nicht den Eindruck, als hätten sie etwas gegen eine Vertragsverlängerung für den 62-Jährigen einzuwenden.