Mannesmann-Prozess Gent bot Esser seinen Chefposten an

Am zweiten Prozesstag nahmen die Angeklagten kein Blatt vor den Mund. Klaus Esser nutzte die Aussprache zur Abrechnung mit der Staatsanwaltschaft. Das "Kartenhaus der Anklage" stehe nicht mehr, ereiferte er sich. Josef Ackermann schien derweil ganz andere Sorgen zu haben: Erreicht er seinen Flieger nach Davos?
Von Arne Stuhr, Christian Buchholz und Matthias Kaufmann

Düsseldorf - 9.10 Uhr im Schwurgerichtssaal "L 111" des Landgerichts Düsseldorf. 111 Millionen Mark Abfindung sollen unrechtmäßig an das Mannesmann-Topmanagement ausgezahlt worden sein, als die britische Vodafone den Konzern übernahm. Hat der frühere Mannesmann-Chef und -Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Funk daran mitgewirkt und damit Rechtsbruch begangen?

Seine Stellungnahme ist kurz, er bleibt sitzen. Kernsatz: "Eine feindliche Übernahme ist ein Schlachtfeld, kein Spaziergang." Die Geschichte von Mannesmann sei eine "Erfolgsgeschichte", so Funk weiter.

Funk: Gutachten zu Pensionsabfindungen eingeholt

Der Esser-Vorgänger betont außerdem, er habe Gutachten zu den heute umstrittenen Pensionsabfindungen eingeholt, bevor er den Aufsichtsratsbeschlüssen zustimmte. Der Entscheidung, Ex-Topmanagern von Mannesmann auf einen Schlag hohe Summen zuzusprechen, habe als Alternative nur eine Erhöhung ihrer monatlichen Bezüge gegenübergestanden. Eine andere Lösung sei auf Grund der Pensionsverträge nicht möglich gewesen.

Die Erhöhung der Pensionen hätte für das Unternehmen jedoch "schwer kalkulierbare Kostenblöcke" geschaffen, führt Funk weiter aus. Hintergrund: Pensionen werden bis zum - nicht vorherzusagenden - Lebensende des Empfängers ausgezahlt.

Zwickel: Habe mich durchgängig der Stimme enthalten

Gegen 9.20 Uhr beginnt der frühere IG-Metall-Vorsitzende und damalige Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, Klaus Zwickel, sein Statement.

Körpersprache: Heute wird es für die Angeklagten spannend

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Viel beschäftigt: Ackermann muss heute noch nach Davos

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Medienrummel: Vorm Blitzlichtgewitter ist Klaus Esser erst wieder im Gerichtssaal geschützt

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Respektsperson: Richterin Koppenhöfer wurde gestern von der Gegenseite für professionelle Arbeit gelobt

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Smalltalk: Dietmar Droste (li.) und Josef Ackermann im Plauderton, während Ackermanns Anwalt Klaus Volk schon zu seinem Platz geht

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Hintertür: Klaus Zwickel findet sich zum Prozess ein, durch einen der fünf Eingänge

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Mannesmann-Prozess:
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Zwickel erhebt sich: "Ich hätte mir nach 50 Jahren Arbeit vieles vorstellen können. Aber nicht, wegen Untreue angeklagt zu werden", sagt er. Dann zieht er ein Resümee der Übernahme durch Vodafone: "Mannesmann ist ein gelungenes Beispiel für den Industrieumbau in Deutschland. Trotzdem war es für die Arbeitnehmervertreter ein hartes Stück Arbeit."

Richterin verweist Esser ans Ende

Thema Abfindungen: Durchgängig der Stimme enthalten

Der Mannesmann-Prozess werde in die deutsche und die internationale Wirtschaftsgeschichte eingehen, ist Zwickel sicher: "Und ich bedaure, dass ich daran als Angeklagter beteiligt bin."

Zwickels Erklärung dreht sich im Kern um seinen Einsatz als Gewerkschafter für die nach seinen Angaben 100.000 Mannesmann-Beschäftigten, die nicht im Telekombereich beschäftigt waren. Nur das Telekomgeschäft mit 29.000 Angestellten war für Vodafone bei der Übernahme - die Zwickel "keinen kriminellen Akt" nennt - interessant.

Foto: Jürgen Tomicek
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Mannesmann überspitzt:
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Um die Zukunft des großen Rests der Belegschaft habe er, Zwickel, sich verdient gemacht, ist seinen Ausführungen zu entnehmen. Zudem betont er, dass er sich beim Thema Abfindungen durchgängig der Stimme enthalten habe.

Es gab Kompromisse - ich war aber nie käuflich

Der Ex-Gewerkschafter äußert sich auch zu den nachträglichen Änderungen in Protokollen des Aufsichtsratsausschusses, in denen die Abfindungen geregelt wurden. Diese von der Staatsanwaltschaft kritisierten Änderungen seien "lediglich notwendige Klarstellungen aus formalen Gründen" gewesen, die in der Sache nichts geändert hätten.

Seinen Vortrag schließt Zwickel pathetisch: "Ich habe in meinem Leben viele Kompromisse gemacht. Aber käuflich war ich nie."

Gegen 10 Uhr meldet Esser-Anwalt Thomas erneut Widerspruch gegen eine überraschende Entscheidung der Vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer an.

Richterin verweist Esser ans Ende

Sie hatte eine Änderung der Reihenfolge bei den Aussagen der Angeklagten festgelegt: Klaus Esser, der viereinhalb Stunden mehr Redezeit anmeldete als die anderen, soll nun entgegen früherer Planung erst als Letzter sprechen dürfen.

Die Kritik an der Verschiebung - den größten Teil wird Esser voraussichtlich am kommenden Mittwoch vortragen können - weist Koppenhöfer strikt zurück: "Es obliegt mir, die Reihenfolge der Wortbeiträge festzulegen."

Offenbar sorgt die Entscheidung, Esser ans Ende der Redner-Kette zu setzen, aber für Verwirrung. Der Anwalt des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann erbittet zehn Minuten Vorbereitungszeit, wenn sein Mandant nun früher als erwartet sprechen soll.

"Herr Ackermann erreicht seinen Flieger"

Richterin: "Ackermann kommt pünktlich nach Davos"

Außerdem will er wissen, ob er denn trotzdem davon ausgehen könne, dass der Prozesstag gegen 16 Uhr beendet werde. Richterin Koppenhöfer sagt, dass die Rede Essers so strukturiert sei, dass sie an verschiedenen Stellen unterbrochen werden könne. Demnach stünden also keine Überstunden an.

"Gibt es denn Terminschwierigkeiten?", fragt Koppenhöfer in Richtung Ackermann-Ecke. Die Antwort hört sich gedruckst an, ist im Saal nicht für jeden verständlich. Dann stellt die Richterin klar: "Den Flug nach Davos wird Herr Ackermann noch erreichen". Der Deutsche-Bank-Chef wird beim Weltwirtschaftsforum in der Schweiz erwartet.

Gegen 10.45 Uhr verliest der Anwalt von Dietmar Droste, der bei Mannesmann für die Verträge des Managements zuständig war, eine Erklärung. Daran schließt sich eine Erklärung des Vertreters von Jürgen Ladberg an, dem ehemaligen Betriebsratschef bei Mannesmann. Ladberg beschränkt sich auf die Aussage, dass die Abfindungen der Mannesmann-Pensionäre im Unternehmensinteresse erfolgt seien.

Um 11.00 Uhr schließlich erhebt sich Josef Ackermann, um seine Erklärung abzugeben: "Der Prozess findet in einem Umfeld statt, in dem viel über Managergehälter diskutiert wird. Ich nehme diese Diskussion sehr ernst - auch wenn ich anderer Meinung bin", sagt er.

Von Pierer vermisst Deutschbanker auf der HV

Später betont der Schweizer den Schulterschluss mit Klaus Esser, mit dem er während des Prozesses bereits häufig in den Pausen gesprochen hat. Esser habe den Börsenwert von Mannesmann binnen fünf Jahren von 7,5 auf 160 Milliarden Euro gesteigert. Die Anerkennungsprämie sei im Vergleich zu diesen Summen ein verschwindend kleiner Bruchteil, betont der Deutsche-Bank-Chef. Den Vorwurf der Untreue gegen seine Person weist Ackermann zurück.

Um 11.20 Uhr tickert eine Meldung vom Siemens-Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer ein. Auf der Hauptversammlung des Dax-Konzerns vermisst er Josef Ackermann, der wegen der Gerichtsverhandlung nicht teilnehmen kann. "Wir schätzen den Rat eines so erfahrenen Mannes sehr", sagte von Pierer.

Mit Blick auf den Mannesmann-Prozess zeigt sich von Pierer besorgt über die "Entwicklung im deutschen Recht". "Es kann nicht sein, dass unternehmerische Entscheidungen dadurch beeinträchtigt werden, dass man über sich immer das Damoklesschwert eines Untreue-Strafbestandes sieht", sagt er in München.

Prämienzahlung "war rechtlich geboten"

Ackermann: "Wer Zeit verliert, verliert den Wettbewerb"

Ackermann schlägt derweil in Düsseldorf in die gleiche Kerbe: International werde der Prozess in Deutschland zwar aufmerksam verfolgt, er könne sich aber nicht vorstellen, dass in einer anderen Industrienation etwas Ähnliches möglich wäre.

Süffisant weist Ackermann zudem darauf hin, dass "die Prozesse in der Wirtschaft schneller ablaufen als in Verwaltung oder Justiz". "Wer Zeit verliert, verliert den Wettbewerb", fügte er an. Damit begegnet Ackermann dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die Angeklagten hätten übereilte Entscheidungen getroffen. "Ich habe 15 Jahre Erfahrung bei der Gewährung von Boni", so Ackermann weiter. Die Deutsche Bank selbst zahle weltweit jährlich Boni im Gesamtwert von rund drei Milliarden Euro.

Eine Ablehnung des Prämienvorschlags durch Hauptaktionär Hutchison Whampoa für das Mannesmann-Topmanagement wäre aus Ackermanns Sicht gar nicht in Frage gekommen. Es hätte, so der Banker, wie ein Misstrauensvotum gegen Esser gewirkt. Es sei auch darum gegangen, die Motivation des Managements zu erhalten, um die Integration in die Vodafone-Gruppe nicht zu gefährden. "Wir haben nichts überstürzt, nichts verheimlicht - vielleicht waren wir sogar zu transparent."

Die Zahlung der Prämien "war rechtlich geboten"

Er hält die von ihm mitverantworteten Auszahlungen an das Mannesmann Topmanagement im Jahr 2000 nach wie vor für gerechtfertigt. Diese Prämien hätten keineswegs zum wirtschaftlichen Schaden des Unternehmens geführt, sondern seien im Gegenteil "sogar rechtlich geboten" gewesen.

"Hätten wir Esser nach monatelangem Einsatz bis an den Rand der Erschöpfung sagen sollen: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen?", lautete Ackermanns rhetorische Frage.

Der Grundannahme der Staatsanwaltschaft, dass der Börsenwert eines Unternehmens nicht ausschlaggebend für die Vergütung des Topmanagements sein dürfe, kann Ackermann nicht folgen. Es sei vielmehr eine Binsenweisheit, dass hier eine zentrale Abhängigkeit bestehe.

Schließlich äußert der Deutsche-Bank-Chef die These, dass das Medienumfeld den "unnötigen Prozess" erst angestoßen habe. Zum Beleg für die "verquere Einschätzung" nennt er eine Schlagzeile über Essers Abfindung: "60 Millionen - und tschüss".

Warum Esser nicht Vodafone-Chef wurde

Trauerarbeit der Staatsanwaltschaft vermisst

Kurz vor Mittag wird eine knapp einstündige Pause vereinbart, die Verhandlung geht pünktlich um 12.45 Uhr weiter. Jetzt endlich ist Klaus Esser an der Reihe, der heute nur einen Teil seines angekündigten fünfstündigen Vortrags halten wird.

Zunächst wirft er einen grundsätzlichen Blick auf die Übernahmeschlacht: "Der Sieg von Vodafone war eine Niederlage für Mannesmann, die Mitarbeiter und den Vorstand", räumt er ein, um dann hervorzuheben: "Die Mannesmann-Aktionäre aber haben ihn als Erfolg gewertet."

Dann holt Esser zu schweren Vorwürfen gegen die Justiz aus. "Die Mitarbeiter standen mit ihrer Trauer ziemlich einsam da", stellt er fest und benennt die aus seiner Sicht Schuldigen: "Die Ermittlungsbehörden haben bei der politischen und moralischen Diskussion eine schlimme Rolle gespielt." Vor allem der Oberstaatsanwalt habe der Öffentlichkeit eine Vorverurteilung "eingehämmert", so der Ex-Vorstandschef.

"Den Kleinaktionären ist kein Schaden entstanden"

Nach und nach redet sich Esser in Rage: "Das Kartenhaus der Anklage hat etwas Unwirkliches bekommen. Es steht nicht mehr!" So substanzlos seien die Vorwürfe der Anklage "boshaft", "polemisch" und entstammten dem "Reich der Verleumdung".

Wenig anfreunden kann sich Esser mit dem Vorwurf, den Mannesmann-Kleinaktionären sei durch seine Zustimmung zur Vodafone-Übernahme ein Schaden entstanden. "Ihnen ist kein Schaden entstanden, weil sie sich auf das Übernahmeangebot hin fast alle gegen bar von ihren Aktien getrennt hatten", so Esser. Der Vodafone-Kurs nach der Übernahme spiele daher keine Rolle mehr für sie.

Esser tritt energisch auf, seine Ausführungen sind stark faktenorientiert, und er bedient sich einer auffallend anderen Sprache als seine Vorredner.

Weißer Ritter Vivendi kaltgestellt

Esser schlägt das Angebot, Vodafone-Chef zu werden, aus

Einer Sprache, mit der der gelernte Jurist deutlich macht, dass er - vielleicht stärker als die anderen Angeklagten - nicht beherrscht wird von den Vorgängen im Gericht. Über das nötige Handwerk, am Geschehen mitzuwirken, verfügt Esser zweifellos. "Warum verteidigt er sich eigentlich nicht einfach selbst?", flüstert ein Journalist. Im Prinzip macht Esser genau das.

Seine Ausführungen kreisen um verschiedene Themen, kehren aber stets zur Kernthese zurück: Dass die Staatsanwaltschaft zu Unrecht das "Zerrbild" eines Unternehmenschefs konstruiere, der mehr an Selbstbereicherung denn an das Wohlergehen des ihm anvertrauten Konzerns denkt.

Als einen Beleg dafür, dass dies nicht stimmen könne, führt Esser seine erste Begegnung mit dem Vorstandschef (CEO) von Vodafone , Christopher Gent, an. Damals habe Gent ihm, Esser, angeboten, dass er im Falle einer Übernahme CEO des neuen Unternehmens werden könne. Gent, so erinnert sich Esser weiter, hätte in dem Fall seinen Posten im operativen Geschäft aufgegeben und wäre ins Board (vergleichbar mit dem Aufsichtsrat) gewechselt.

"Einigen hier im Saal könnte jetzt Frischluft gut tun"

"Darüber brauchen wir gar nicht zu verhandeln", sei seine Antwort gewesen, sagt Esser vor Gericht. Der Übernahmepreis, den Vodafone damals geboten habe, sei aus seiner Sicht nicht akzeptabel gewesen. Anders ausgedrückt: Die persönliche Karriere wurde hinter den Anspruch, bessere Konditionen für das Unternehmen auszuhandeln, zurückgestellt.

Um 14 Uhr bittet Richterin Koppenhöfer Esser, eine kleine Pause einzulegen, "weil ich den Eindruck habe, dass einigen hier im Saal ein wenig Frischluft gut tun würde."

Die Rolle des französischen Vivendi-Konzerns, der, so stellte es sich damals dar, die Übernahme von Mannesmann noch hätte vereiteln können, ist um 14.20 Uhr Essers nächstes Thema. "Ich wollte Vivendi nicht als Weißen Ritter", sagt er. Diese Volte wäre gegen die Corporate-Governance-Bestimmungen des Mannesmann-Konzerns gewesen.

Um 15.10 Uhr beendet Richterin Koppenhöfer den Prozesstag. Zuvor bittet sie die beiden Dolmetscherinnen noch, die englischen Fachausdrücke, die in den Vorträgen der Angeklagten eine Rolle spielten, zu übersetzen. "Schließlich ist die Gerichtssprache deutsch. Auch wenn 90 Prozent der hier Anwesenden sicher vertraut mit den Begriffen sind."

Das nächste Kapitel seiner Mannesmann-Geschichte wird Klaus Esser am kommenden Mittwoch um kurz nach 9 Uhr aufschlagen: Es wird um Absprachen und Zuwendungen mit und vom ehemaligen Großaktionär Hutchison Whampoa gehen.

Mannesmann-Prozess: Das Protokoll des ersten Prozesstags


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